Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 32 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Dichter

 

Der Morgentraum und der Abendtraum, das Licht und die Nacht; Mond,

Sonne und Sterne. Das rosige Licht des Tages und das bleiche Licht der Nacht.

Die Stunden und die Minuten; die Wochen und das ganze liebe Jahr. Vielmals

schaute ich zum Mond empor wie zum heimlichen Freund meiner Seele. Die

Sterne waren meine lieben Kameraden. Wenn in die blasse kalte Nebelwelt

hinab die Sonne goldig schien, wie freute ich mich da. Die Natur war mein

Garten, meine Leidenschaft, meine Liebste. Alles, was ich sah, war mein eigen,

der Wald und das Feld, die Bäume und die Wege. Wenn ich in den Himmel sah,

glich ich einem Prinzen. Aber das Schönste war der Abend. Abende waren mir

Märchen und die Nacht mit ihrer himmlischen Finsternis war für mich ein

Zauberschloß voll von süßen und undurchdringlichen Geheimnissen. Oft

durchdrang die Nacht der seelenvolle Ton einer Handharfe, von irgendeinem

armen Manne gespielt. Da konnte ich lauschen, lauschen. Da war alles gut,

gerecht und schön, und die Welt war voll unaussprechlicher Herrlichkeit und

Heiterkeit. Aber ich war auch ohne Musik heiter. Ich fühlte mich umgarnt von

den Stunden. Ich redete mit ihnen, wie mit liebevollen Wesen und bildete mir

ein, daß auch sie mit mir sprächen, ich schaute sie an, wie wenn sie ein Gesicht

gehabt hätten, und hatte das Gefühl, als ob auch sie mich still betrachteten, wie

mit einer seltsamen Art von freundlichen Augen. Oft kam ich mir wie im Meer

ertrunken vor, so still und geräuschlos und lautlos lebte ich dahin. Ich pflegte

einen vertraulichen Umgang mit allem, was kein Mensch merkt. Daran, an was

zu denken kein Mensch sich Mühe gibt, dachte ich tagelang. Doch war es ein

süßes Denken, und nur selten besuchte mich die Trauer. Mitunter sprang es wie

ein unsichtbarer übermütiger Tänzer zu mir in die abgelegene Stube hinein und

reizte mich zu einem Lachen. Ich tat niemand weh, und auch mir tat niemand

weh. Ich war so hübsch, so schön beiseit.