Kleine Dichtungen
Der Dichter
Der Morgentraum und der Abendtraum, das Licht und die Nacht; Mond,
Sonne und Sterne. Das rosige Licht des Tages und das bleiche Licht der Nacht.
Die Stunden und die Minuten; die Wochen und das ganze liebe Jahr. Vielmals
schaute ich zum Mond empor wie zum heimlichen Freund meiner Seele. Die
Sterne waren meine lieben Kameraden. Wenn in die blasse kalte Nebelwelt
hinab die Sonne goldig schien, wie freute ich mich da. Die Natur war mein
Garten, meine Leidenschaft, meine Liebste. Alles, was ich sah, war mein eigen,
der Wald und das Feld, die Bäume und die Wege. Wenn ich in den Himmel sah,
glich ich einem Prinzen. Aber das Schönste war der Abend. Abende waren mir
Märchen und die Nacht mit ihrer himmlischen Finsternis war für mich ein
Zauberschloß voll von süßen und undurchdringlichen Geheimnissen. Oft
durchdrang die Nacht der seelenvolle Ton einer Handharfe, von irgendeinem
armen Manne gespielt. Da konnte ich lauschen, lauschen. Da war alles gut,
gerecht und schön, und die Welt war voll unaussprechlicher Herrlichkeit und
Heiterkeit. Aber ich war auch ohne Musik heiter. Ich fühlte mich umgarnt von
den Stunden. Ich redete mit ihnen, wie mit liebevollen Wesen und bildete mir
ein, daß auch sie mit mir sprächen, ich schaute sie an, wie wenn sie ein Gesicht
gehabt hätten, und hatte das Gefühl, als ob auch sie mich still betrachteten, wie
mit einer seltsamen Art von freundlichen Augen. Oft kam ich mir wie im Meer
ertrunken vor, so still und geräuschlos und lautlos lebte ich dahin. Ich pflegte
einen vertraulichen Umgang mit allem, was kein Mensch merkt. Daran, an was
zu denken kein Mensch sich Mühe gibt, dachte ich tagelang. Doch war es ein
süßes Denken, und nur selten besuchte mich die Trauer. Mitunter sprang es wie
ein unsichtbarer übermütiger Tänzer zu mir in die abgelegene Stube hinein und
reizte mich zu einem Lachen. Ich tat niemand weh, und auch mir tat niemand
weh. Ich war so hübsch, so schön beiseit.