Kleine Dichtungen
Die Kapelle
In der Großstadt, mitten in dem unabsehbaren Meer von gleichförmigen
Häusern findet sich in einem finsteren Hof eine Art von Kapelle, in welcher
allerlei Leute aus den niederen Ständen zum freundlichen Gottesdienst
zusammenkommen. Auch ich war einmal in der Versammlung. Ein drolliges,
munteres Dienstmädchen, dem ich gut war, hatte mich eingeladen,
mitzukommen, und ich bereute nicht, daß ich mit ihr gegangen war. Ehrbare
Bürger, die mehr an die Hoheit des Geldes als an die Hoheit und Herrlichkeit
Gottes glauben, hängen den armen, schlichten Leuten, die in die bescheidenen
Versammlungen gehen, gern diesen oder jenen Spottnamen an, und versuchen
lächerlich zu machen, was den gläubigen und unschuldigen Seelen heilig ist.
Auch ich also ging eines Abends, da schon in den dunklen Straßen die Lichter
brannten, zu den Kindern in die Versammlung. Ich will gern die Leute, die noch
an einen Gott glauben, Kinder nennen. Kinder sind mitunter geistreicher als die
Erwachsenen, und die Unklugen sind mitunter klüger als die Klugen. Gewiß! es
kam auch mich ein Anflug spöttischen Lächelns an, als ich eintrat in das
kindlich-fromme Lokal, dessen Wände weiß waren wie die zierlose,
schmucklose Unschuld selber. Ich setzte mich jedoch still nieder, und alsbald
fingen die Leute, Männer wie Frauen, an zu singen wie aus einem einzigen
frohmütigen Munde zum Lobe Gottes. Engel schienen zu singen, nicht schlichte,
schlechte Menschen. Von dem süßen jungen, blühenden Glauben getragen, hallte
der Gesang, gleich einem feinen Duft, der die Eigenschaft hat, zu tönen, hin und
her und verhallte an den Wänden. Ich schaute mit eigentümlichen
Empfindungen, ganz bezaubert von den Tönen, zur Decke des Saales hinauf,
welche blau war, wie ein milder träumerischer Himmel. Weiße Sterne waren in
den hellblauen Grund hineingezeichnet, und die Sterne schienen zu lächeln vom
göttlichen Himmel hinab auf die jubilierende Versammlung. Eine heitere Kraft
lag in dem Gesang, und der Gesang selber war ein sonderbares, leichtes, liebes
Wesen, welches auf geistergleiche Weise lebte. Die, die sangen, schienen sich zu
freuen über den Gesang, doch schienen sie nicht zu ahnen, wie die Töne sich von
ihnen sonderten und ihr eigenes Leben in der Luft des Saales lebten. Es klang, als werde es geboren und lebe eine kurze Weile und müsse alsdann sterben. Aber
es fing von Neuem wieder an zu tönen und sich am sterblich-schönen Dasein zu
erfreuen. Ruhig und liebevoll glitzerten und schimmerten die goldenhellen
Kerzenlichter hinab in das Singen, das einem Himmel glich an Keuschheit und
Schönheit, und als sie mit dem Gesang innehielten, mußten sie lächeln, die
lieben guten Leute, wie kleine Kinder, die ihre Aufgabe vollendet haben und sich
nun darüber freuen. Nach einer Weile war der Gottesdienst beendet, und ebenso
still, wie sie die Kapelle aufgesucht hatten, verließen die Leute sie wieder.