Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 41 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Kapelle

 

In der Großstadt, mitten in dem unabsehbaren Meer von gleichförmigen

Häusern findet sich in einem finsteren Hof eine Art von Kapelle, in welcher

allerlei Leute aus den niederen Ständen zum freundlichen Gottesdienst

zusammenkommen. Auch ich war einmal in der Versammlung. Ein drolliges,

munteres Dienstmädchen, dem ich gut war, hatte mich eingeladen,

mitzukommen, und ich bereute nicht, daß ich mit ihr gegangen war. Ehrbare

Bürger, die mehr an die Hoheit des Geldes als an die Hoheit und Herrlichkeit

Gottes glauben, hängen den armen, schlichten Leuten, die in die bescheidenen

Versammlungen gehen, gern diesen oder jenen Spottnamen an, und versuchen

lächerlich zu machen, was den gläubigen und unschuldigen Seelen heilig ist.

Auch ich also ging eines Abends, da schon in den dunklen Straßen die Lichter

brannten, zu den Kindern in die Versammlung. Ich will gern die Leute, die noch

an einen Gott glauben, Kinder nennen. Kinder sind mitunter geistreicher als die

Erwachsenen, und die Unklugen sind mitunter klüger als die Klugen. Gewiß! es

kam auch mich ein Anflug spöttischen Lächelns an, als ich eintrat in das

kindlich-fromme Lokal, dessen Wände weiß waren wie die zierlose,

schmucklose Unschuld selber. Ich setzte mich jedoch still nieder, und alsbald

fingen die Leute, Männer wie Frauen, an zu singen wie aus einem einzigen

frohmütigen Munde zum Lobe Gottes. Engel schienen zu singen, nicht schlichte,

schlechte Menschen. Von dem süßen jungen, blühenden Glauben getragen, hallte

der Gesang, gleich einem feinen Duft, der die Eigenschaft hat, zu tönen, hin und

her und verhallte an den Wänden. Ich schaute mit eigentümlichen

Empfindungen, ganz bezaubert von den Tönen, zur Decke des Saales hinauf,

welche blau war, wie ein milder träumerischer Himmel. Weiße Sterne waren in

den hellblauen Grund hineingezeichnet, und die Sterne schienen zu lächeln vom

göttlichen Himmel hinab auf die jubilierende Versammlung. Eine heitere Kraft

lag in dem Gesang, und der Gesang selber war ein sonderbares, leichtes, liebes

Wesen, welches auf geistergleiche Weise lebte. Die, die sangen, schienen sich zu

freuen über den Gesang, doch schienen sie nicht zu ahnen, wie die Töne sich von

ihnen sonderten und ihr eigenes Leben in der Luft des Saales lebten. Es klang, als werde es geboren und lebe eine kurze Weile und müsse alsdann sterben. Aber

es fing von Neuem wieder an zu tönen und sich am sterblich-schönen Dasein zu

erfreuen. Ruhig und liebevoll glitzerten und schimmerten die goldenhellen

Kerzenlichter hinab in das Singen, das einem Himmel glich an Keuschheit und

Schönheit, und als sie mit dem Gesang innehielten, mußten sie lächeln, die

lieben guten Leute, wie kleine Kinder, die ihre Aufgabe vollendet haben und sich

nun darüber freuen. Nach einer Weile war der Gottesdienst beendet, und ebenso

still, wie sie die Kapelle aufgesucht hatten, verließen die Leute sie wieder.