Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 75 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Waldberg

 

Ich bin um den einen von den beiden länglichen Waldbergen, die unserer

Stadt naheliegen, herumgegangen, wobei ich drei bis vier freundliche, kluge,

stille und sehr, sehr liebe Dorfschaften zu streifen, zu berühren und zu passieren

hatte. Wie ich mich entsinne, war das Wetter ein winterliches-freundliches.

Indessen ließ die Landstraße da und dort an Sauberkeit und schöner, feiner

Glätte zu wünschen übrig, was als großes Unglück nun auch nicht gerade

bezeichnet werden kann. Gibt es ja doch Schuhputzer, die einem später das stark

in Anspruch genommene Schuhwerk wieder reinigen und in Ordnung setzen

können. Die Welt gewährte einen grünen, hauchartigen Anblick. Die Farben

waren sehr zart, und was die Formen und Erscheinungen betrifft, so begegneten

mir auf der Straße einige Fuhrleute mit Fuhrwerken, sowie eine alte behäbige,

korbdahertragende Bauersfrau und ein städtischer mürrischer Händler. Zur

linken Seite hatte ich fortlaufend und mit mir, dem Fußgänger, gleichsam

weitermarschierend, den Waldberg, während zur Rechten sich eine zarte, schöne

Ebene erstreckte, mit Feldern und Äckern und Moorlandschaft. Ein kleines

Landstädtchen mit Kirchturm in der Ferne und ein Stück Fluß, und in einiger

Nähe drei Frauen, die im Feldweg arbeiteten. Sie lachten und redeten

miteinander, als sie den einzelnen Wanderer so wacker und fleißig

dahermarschieren sahen. Ich muß und will gerne gestehen, daß ich, wenn ich

schon einmal marschiere, es mit einem gewissen sichtlichen Eifer und Ernst tue,

daß mir jedermann anmerkt, wie ich dabei genieße, eine Offenherzigkeit, für die

ich mich nicht schelten möchte. Ich kam nun in ein Dorf und trat ohne viel

Besinnen ins heimelige, einladende Dorfwirtshaus, wo ich mir ein Glas Bier

geben ließ. Nicht lange, und so traten zwei der schönsten Bauerntypen herein,

der eine langnasig und mittelalt, der andere so alt und dabei so fröhlich, wie nur

ein alter, steinalter Landmann sein kann, der auf ein Leben voller Arbeit und

Mühsal gütig und heiter zurückblickt und fast – herabblickt. Der Langnasige

hatte eine Tabakspfeife im Munde so trefflich eingeklemmt, daß es aussah, als

sei die Pfeife ein Teil des Gesichtes. Sein Gesicht war das schönste

Tabakspfeifengesicht, das ich je sah, und es war unmöglich, sich das Gesicht ohne Pfeife vorzustellen. Die beiden wackeren kernigen Erscheinungen setzten

sich, nicht ohne vorher ein wenig sich zu besinnen, zu mir an den Wirtstisch und

verlangten vom Mädchen ein Bäzzi- oder sogenanntes Drusenwasser. Ich

erkundigte mich sogleich nach der Beschaffenheit ihres Schnapses oder

Branntweines, und beide Leute beeilten sich, mit mir zu konversieren, was eine

gar freundliche und erquickliche Unterhaltung abgab. O es ist so ernst, so schön,

mit Menschen zu reden, die es hart haben im Leben. Der alte Bauer war niemand

anders als der Dorfälteste. Wie rührend erschien er mir. Ihm zu Ehren trank ich

zwei Gläser über den eigentlichen Durst hinaus und verweilte länger im

Gasthaus als ich zuerst wollte. Dann ging ich. Ich zog den Hut vor den beiden,

und sie beide lüpften oder besser lüfteten die Kappen, und so zog ich hinaus,

gleich einem kecken, gutgelaunten Wanderburschen, auf die Straße, auf welcher

es bereits Abend war, und nun ging es leise, still und schön in die Welt und

nachher in die Nacht hinein. Viele liebe, rötlich-blasse Dorfkindergesichter sah

ich noch, und immer war der gute, herzliche, waldige Berg so warm und so

heimatanmutig mir zur Seite. Endlich kam ich auf einer feinen runden

Straßenwindung um ihn herum. So hatte ich ihn denn umgangen und umlaufen

und voller Stolz langte ich rechtzeitig zu Hause an.