Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 21 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Gedichte

 

Im Sommer schrieb ich nie ein Gedicht. Das Blühen und Prangen war mir zu

sinnlich. Ich war traurig im Sommer. Mit dem Herbst kam eine Melodie über die

Welt. Ich war in den Nebel, in die früh schon beginnende Dunkelheit, in die

Kälte verliebt. Den Schnee fand ich göttlich, aber vielleicht noch schöner und

göttlicher kamen mir die dunklen, wilden, warmen Stürme des Vorfrühlings vor.

Im kalten Winter glänzten und schimmerten die Abende bezaubernd. Die Töne

taten es mir an, die Farben redeten mit mir. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich

unendlich einsam lebte. Die Einsamkeit war die Braut, welcher ich huldigte, der

Kamerad, den ich bevorzugte, das Gespräch, das ich liebte, die Schönheit, die

ich genoß, die Gesellschaft, in welcher ich lebte. Es gab nichts Natürlicheres und

nichts Freundlicheres für mich. Ich war Kommis und sehr oft ohne passende

Stelle. Das paßte mir. O die reizende träumerische Schwermut, das wonnige

Verzagen, die himmlisch-schöne Mutlosigkeit, die gesellige Trauer, die süße

Härte. Ich liebte die Vorstädte mit den vereinzelten Gestalten der Arbeiter. Die

verschneiten Felder sprachen mich vertraulich an, der Mond schien mir auf den

gespenstisch weißen Schnee niederzuweinen; die Sterne! Es war herrlich. Ich

war so fürstlich arm und so königlich frei. Ich stand in der winterlichen Nacht,

gegen den Morgen, am offenen Fenster und ließ mir das Gesicht und die nur mit

dem Nachthemd bedeckte Brust anhauchen vom eisigen Atem. Und dabei hatte

ich die sonderbare Einbildung, daß es glühe rund um mich. Sehr oft warf ich

mich, in dem entlegenen Zimmer, das ich bewohnte, auf die Knie und bat Gott

um einen hübschen Vers. Dann ging ich zur Tür hinaus und verlor mich in die

Natur.