Kleine Dichtungen
Die Stadt
Es war an einem sonnigen Wintertag, als der Reisende mit der Eisenbahn in
der Stadt anlangte. Eine einzige zusammenhängende Freundlichkeit war die
ganze Welt. Die Häuser waren so hell, und der Himmel war so blau. Zwar war
das Essen im Bahnhofsrestaurant herzlich schlecht mit hartem Schafsbraten und
lieblosem Gemüse. Aber das Herz des Reisenden war mit einer eigentümlichen
Freude erfüllt. Er konnte es sich selber nicht erklären. Die Bahnhofshalle war so
groß, so licht, der arme alte Dienstmann, der ihm den Koffer trug, war so
dienstfertig mit seinen alten Gliedmaßen und so artig mit seinem alten
zerriebenen Gesicht. Alles war schön, alles, alles. Selbst das Geldwechseln am
Schalter des Wechselbureaus hatte einen eigenen undefinierbaren Zauber. Der
Reisende mußte nur immer über alle die wehmütig-warmen Erscheinungen
lächeln, und weil er alles, was er sah, schön fand, fühlte er sich auch wieder von
allem angelächelt. Er hatte sein Mittagessen verzehrt, seinen schwarzen Kaffee
mit Kirschwasser ausgetrunken und ging jetzt mit eleganten, leichten,
scherzenden Schritten, so recht reisendenmäßig, in die wundervolle uralte Stadt
hinein, die da blendete im gelblich-hellen Mittagssonnenlicht. Menschen
jeglichen Schlages, Mädchen, Knaben und erwachsene Leute gingen eilig an
dem Gemächlichen und Vergnüglichen vorüber. Der Reisende konnte sich so
recht Zeit nehmen. Die Leute aber mußten an ihre täglichen Arbeitsplätze eilen,
daß es nur so an ihm vorüberglitt, wie deutliche und doch wieder undeutliche
und unverständliche Geistererscheinungen. Wie kam dem schauenden und
denkenden Fremdling der Anblick des täglichen Lebens so rätselhaft und
fremdartig vor. Da kam er über eine hohe, breite, freie Brücke, unter welcher ein
großer blauer Strom herrlich-tiefsinnig vorüberfloß. Er stand still, es
überwältigte ihn. Zu beiden Seiten des Stromes war die alte Stadt aufgebaut,
graziös und kühn. Leichten, milden Schwunges ragten die Dächer in die helle
heitere Luft. Es glich einer romantischen Musik, einem unvergänglichen,
reizenden Gedicht. Er ging langsamen, sorgfältigen Schrittes weiter. Mit jedem
neuen Schritt ward er aufmerksam auf eine neue Schönheit. Alles kam ihm wie
altbekannt vor, und doch war ihm alles neu. Alles überraschte ihn, und indem es das tat, beglückte es ihn. Auf hoher Plattform stand ein uralter wunderbarer
Dom, der mit seinem dunkelroten Stein in der blauen Luft stand wie ein Held
aus undenklich alten Zeiten. In der Sonne, auf den Fensterbänken lagen wohlig
ausgestreckt die Katzen, und alte Mütterchen schauten zu den Fenstern hinaus,
als seien die alten schönen Zeiten wieder lebendig geworden. O, es war so schön
für den Reisenden, daß er in der gassenreichen, halbdunklen, warmen Stadt so
angenehm und leicht umherspazieren konnte. Burgen und Kirchen und
vornehme Patrizierhäuser wechselten mit dem Marktplatz und mit dem Rathaus
ab. Mit einmal stand der Reisende wieder im Freien, dann stand er wieder in
einer stillen, feinen Vorstadtstraße, gelblich angehaucht vom süßen, lieben
Winterlichte, dann schaute er an einem Wohnhaus hinauf, dann ging er wieder,
dann fragte er einen Knaben nach dem Weg. Zuletzt stand er auf einer kleinen
anmutigen, von einer Mauer eingefaßten, luftigen Anhöhe, und von hier aus
konnte er die ganze Stadt so recht überblicken und aus dem befriedigten Herzen
grüßen.