Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 39 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Stadt

 

Es war an einem sonnigen Wintertag, als der Reisende mit der Eisenbahn in

der Stadt anlangte. Eine einzige zusammenhängende Freundlichkeit war die

ganze Welt. Die Häuser waren so hell, und der Himmel war so blau. Zwar war

das Essen im Bahnhofsrestaurant herzlich schlecht mit hartem Schafsbraten und

lieblosem Gemüse. Aber das Herz des Reisenden war mit einer eigentümlichen

Freude erfüllt. Er konnte es sich selber nicht erklären. Die Bahnhofshalle war so

groß, so licht, der arme alte Dienstmann, der ihm den Koffer trug, war so

dienstfertig mit seinen alten Gliedmaßen und so artig mit seinem alten

zerriebenen Gesicht. Alles war schön, alles, alles. Selbst das Geldwechseln am

Schalter des Wechselbureaus hatte einen eigenen undefinierbaren Zauber. Der

Reisende mußte nur immer über alle die wehmütig-warmen Erscheinungen

lächeln, und weil er alles, was er sah, schön fand, fühlte er sich auch wieder von

allem angelächelt. Er hatte sein Mittagessen verzehrt, seinen schwarzen Kaffee

mit Kirschwasser ausgetrunken und ging jetzt mit eleganten, leichten,

scherzenden Schritten, so recht reisendenmäßig, in die wundervolle uralte Stadt

hinein, die da blendete im gelblich-hellen Mittagssonnenlicht. Menschen

jeglichen Schlages, Mädchen, Knaben und erwachsene Leute gingen eilig an

dem Gemächlichen und Vergnüglichen vorüber. Der Reisende konnte sich so

recht Zeit nehmen. Die Leute aber mußten an ihre täglichen Arbeitsplätze eilen,

daß es nur so an ihm vorüberglitt, wie deutliche und doch wieder undeutliche

und unverständliche Geistererscheinungen. Wie kam dem schauenden und

denkenden Fremdling der Anblick des täglichen Lebens so rätselhaft und

fremdartig vor. Da kam er über eine hohe, breite, freie Brücke, unter welcher ein

großer blauer Strom herrlich-tiefsinnig vorüberfloß. Er stand still, es

überwältigte ihn. Zu beiden Seiten des Stromes war die alte Stadt aufgebaut,

graziös und kühn. Leichten, milden Schwunges ragten die Dächer in die helle

heitere Luft. Es glich einer romantischen Musik, einem unvergänglichen,

reizenden Gedicht. Er ging langsamen, sorgfältigen Schrittes weiter. Mit jedem

neuen Schritt ward er aufmerksam auf eine neue Schönheit. Alles kam ihm wie

altbekannt vor, und doch war ihm alles neu. Alles überraschte ihn, und indem es das tat, beglückte es ihn. Auf hoher Plattform stand ein uralter wunderbarer

Dom, der mit seinem dunkelroten Stein in der blauen Luft stand wie ein Held

aus undenklich alten Zeiten. In der Sonne, auf den Fensterbänken lagen wohlig

ausgestreckt die Katzen, und alte Mütterchen schauten zu den Fenstern hinaus,

als seien die alten schönen Zeiten wieder lebendig geworden. O, es war so schön

für den Reisenden, daß er in der gassenreichen, halbdunklen, warmen Stadt so

angenehm und leicht umherspazieren konnte. Burgen und Kirchen und

vornehme Patrizierhäuser wechselten mit dem Marktplatz und mit dem Rathaus

ab. Mit einmal stand der Reisende wieder im Freien, dann stand er wieder in

einer stillen, feinen Vorstadtstraße, gelblich angehaucht vom süßen, lieben

Winterlichte, dann schaute er an einem Wohnhaus hinauf, dann ging er wieder,

dann fragte er einen Knaben nach dem Weg. Zuletzt stand er auf einer kleinen

anmutigen, von einer Mauer eingefaßten, luftigen Anhöhe, und von hier aus

konnte er die ganze Stadt so recht überblicken und aus dem befriedigten Herzen

grüßen.