Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 16 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Knabe

 

Ein Tierbändiger wurde eines Abends vor den Augen der Leute, die

gekommen waren, um sich die Vorstellung anzusehen, von seinem Löwen,

einem Prachtexemplar, angegriffen und so furchtbar zugerichtet, daß er,

nachdem man ihn aus den Tatzen des Ungetüms befreit hatte, nur noch einen

letzten überaus traurigen Blick auf seine Frau und auf seine Kinder werfen

konnte, woraus er, zerfleischt und zerrissen, wie er war, den Geist aufgeben und

sterben mußte. Die arme, derart ihres Gatten und Ernährers beraubte Frau sah

sich hohläugiger, erbarmungsloser Verzweiflung gegenübergestellt; denn woher

sollte nun das Geld kommen, und wer, wer um Gottes willen sollte nun das

gefährliche Geschäft der Tierbändigung mit einigem Glück weitertreiben? Der

Verstorbene schien unersetzlich, und das Elend und der Jammer schienen

allgewaltig; da trat, blitzenden Auges und getrieben von einer höchst

staunenswürdigen Willenskraft, von Energie sprühend, gleich, als sei er eine

hochauflodernde Flamme und kein zarter Knabe, der Sohn des eben Gestorbenen

vor die unglückliche Mutter und sagte ihr mit einer Stimme, die die Festigkeit

und die eiserne Entschlossenheit durchzitterten, daß er und kein anderer jetzt den

Beruf seines Vaters übernehmen und weiterführen werde. Ah, ein junger Held

glühte, und nichts nutzten bei dem stolzen Feuerkopf die Vorstellungen, die die

tödlich erschrockene Mutter dem Kinde machte. Er wartete den nächstfolgenden

Schauspielabend mit brennender Begierde ab, um seiner Mutter den Mut zu

zeigen, der ihn beseelte, und als die Stunde gekommen war, trat er mit

gebieterischer Miene, einem jugendlichen Fürsten ähnlich, die Peitsche und die

Pistole nachlässig in der Hand, so, als sei er meilenweit davon entfernt, zu

denken, sich irgendeiner andern Waffe als nur seiner Todesverachtung zu

bedienen, in den Käfig und errang schon mit dem bloßen Eintritt in denselben

stürmischen Beifall. Atemlos schaute das Publikum von seinen Bänken dem

herzbeklemmenden Schauspiel zu, und als der mächtige Löwe nun dem zarten,

lieben, tapferen, schönen Knaben gehorchte und alles pünktlich ausführte, was

von ihm verlangt wurde, sich dem Kind zu Füßen legte, er, der am vorherigen

Abend den Vater zerrissen hatte, erhob sich ein Tücherwinken, ein Geschenkezuwerfen, ein Klatschen und eine so gewaltige Begeisterung, wie die

Menagerie sie nie zuvor erlebte. Der Knabe verdiente den Jubel, er lächelte.

Doch wo nehmen wir die Worte her, die nötig wären, den mütterlichen Stolz und

Jubel zu beschreiben, der nun mit ungestümen wilden heißen Küssen auf die

Wangen, auf das Haar und auf die kleinen Hände des Knaben regnete, als er

wohlbehalten zu der Mutter zurückkehrte. Mit namenloser Liebe schaute sie dem

Helden, den sie geboren hatte, in die Augen, und immer wieder, immer wieder,

ganz überwältigt, mußte sie ihn küssen, ihn, der dastand, so bescheiden, als

verstehe er nicht, was er Großes und Schönes getan hatte.