Kleine Dichtungen
Der Knabe
Ein Tierbändiger wurde eines Abends vor den Augen der Leute, die
gekommen waren, um sich die Vorstellung anzusehen, von seinem Löwen,
einem Prachtexemplar, angegriffen und so furchtbar zugerichtet, daß er,
nachdem man ihn aus den Tatzen des Ungetüms befreit hatte, nur noch einen
letzten überaus traurigen Blick auf seine Frau und auf seine Kinder werfen
konnte, woraus er, zerfleischt und zerrissen, wie er war, den Geist aufgeben und
sterben mußte. Die arme, derart ihres Gatten und Ernährers beraubte Frau sah
sich hohläugiger, erbarmungsloser Verzweiflung gegenübergestellt; denn woher
sollte nun das Geld kommen, und wer, wer um Gottes willen sollte nun das
gefährliche Geschäft der Tierbändigung mit einigem Glück weitertreiben? Der
Verstorbene schien unersetzlich, und das Elend und der Jammer schienen
allgewaltig; da trat, blitzenden Auges und getrieben von einer höchst
staunenswürdigen Willenskraft, von Energie sprühend, gleich, als sei er eine
hochauflodernde Flamme und kein zarter Knabe, der Sohn des eben Gestorbenen
vor die unglückliche Mutter und sagte ihr mit einer Stimme, die die Festigkeit
und die eiserne Entschlossenheit durchzitterten, daß er und kein anderer jetzt den
Beruf seines Vaters übernehmen und weiterführen werde. Ah, ein junger Held
glühte, und nichts nutzten bei dem stolzen Feuerkopf die Vorstellungen, die die
tödlich erschrockene Mutter dem Kinde machte. Er wartete den nächstfolgenden
Schauspielabend mit brennender Begierde ab, um seiner Mutter den Mut zu
zeigen, der ihn beseelte, und als die Stunde gekommen war, trat er mit
gebieterischer Miene, einem jugendlichen Fürsten ähnlich, die Peitsche und die
Pistole nachlässig in der Hand, so, als sei er meilenweit davon entfernt, zu
denken, sich irgendeiner andern Waffe als nur seiner Todesverachtung zu
bedienen, in den Käfig und errang schon mit dem bloßen Eintritt in denselben
stürmischen Beifall. Atemlos schaute das Publikum von seinen Bänken dem
herzbeklemmenden Schauspiel zu, und als der mächtige Löwe nun dem zarten,
lieben, tapferen, schönen Knaben gehorchte und alles pünktlich ausführte, was
von ihm verlangt wurde, sich dem Kind zu Füßen legte, er, der am vorherigen
Abend den Vater zerrissen hatte, erhob sich ein Tücherwinken, ein Geschenkezuwerfen, ein Klatschen und eine so gewaltige Begeisterung, wie die
Menagerie sie nie zuvor erlebte. Der Knabe verdiente den Jubel, er lächelte.
Doch wo nehmen wir die Worte her, die nötig wären, den mütterlichen Stolz und
Jubel zu beschreiben, der nun mit ungestümen wilden heißen Küssen auf die
Wangen, auf das Haar und auf die kleinen Hände des Knaben regnete, als er
wohlbehalten zu der Mutter zurückkehrte. Mit namenloser Liebe schaute sie dem
Helden, den sie geboren hatte, in die Augen, und immer wieder, immer wieder,
ganz überwältigt, mußte sie ihn küssen, ihn, der dastand, so bescheiden, als
verstehe er nicht, was er Großes und Schönes getan hatte.