Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 26 von 126

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Kleine Dichtungen

Brief eines Vaters an seinen Sohn

 

Du beklagst dich, mein lieber Sohn, darüber, daß ich dich höchst mangelhaft

erziehe, daß ich dich z. B. nach Nidau hinausschicke, um eine Kommission zu

verrichten, und darüber, daß ich dir befehle, in den Holzkeller

hinunterzuspazieren, um Holz zu spalten. Sei nicht unaufrichtig, sei nicht

sentimental, Junge: weiß ich ja doch ganz genau, daß dir das Laufen auf der

heißen und staubbedeckten Landstraße, die nach Nidau, dem altersgrauen

Städtchen hinausführt, Vergnügen macht, und daß du leidenschaftlich gern Holz

spaltest. Du wirfst mir vor, daß im Mülleimerheruntertragen und im Holzhacken

keine Erziehung liege. Ich bin aber anderer Ansicht. Es liegt sehr viel Erziehung

von der besten Sorte in der Verrichtung gewissermaßen schäbiger, schimmeliger

und niedriger Arbeiten. Wenn du z. B. mit dem Milchtopf in der Hand über die

Gasse gehen mußt, um Milch beim Milchhändler zu holen, eine Verrichtung,

deren du dich vielleicht ein wenig schämst, weil bekannte Leute dir begegnen,

von denen du weißt, daß sie sich sagen, »jetzt muß er sogar Milch über die

Gasse holen,« so ist das, wenn auch nicht scheinbar, doch aber in Wirklichkeit

eine ausgezeichnete Erziehung, denn da lernst du dich demütigen, und im Genuß

dessen, was demütigend ist, liegt eine köstliche Bildung. So und ähnlich, lieber

Sohn, bilde ich dich, und ich glaube, du darfst mir dankbar sein dafür. Du

scheinst es nicht zu sein: nun, ich denke, du verstehst es eben noch nicht. Später

wirst du es zu schätzen, zu würdigen und zu verstehen wissen.

Ferner, mein Junge, glaubst du sollen dürfen herausgemerkt haben (eine

richtige Sohnes-Spitzfindigkeit), daß ich dich gerade dann an irgendeine

Beschäftigung anzuspannen liebe, wenn ich weiß oder du mir zu verstehen gibst,

daß du dich gern mit deinen bevorzugten Kameraden im Freien, sei es im Wald

oder sei es am See, herumtummeln möchtest. So boshaft, meinst du, bin ich?

Und wenn auch? Sollen denn arme, sorgengeplagte Väter, stets angespannt an

den kläglichen, elendiglichen Täglichen-Brot-Gedanken, nicht auch, zur

Erheiterung und Abwechslung, sich kleine, feine, reizende Bosheiten leisten

dürfen? Bedenke das. Bedenke, wie viele Sorgen ich habe, und du wirst generös

genug sein, mir zu erlauben, dich von Zeit zu Zeit ein wenig zu necken mit: »Du spaltest jetzt hübsch Holz, verstanden!«, sowie ich etwa merke, daß du das

Baden oder das Herumstreifen in den Gassen im Sinne hast. Väter haben auch

ihre Schwächen, merke dir das.

Etwas sehr Seltsames, in der Tat Frappierendes sagst du, indem du mir den

Vorwurf machst, daß ich ja selber Sonntagnachmittag, zum schwarzen Kaffee,

die Schundromane lese, die ich geruhe, dir, dem Sohn, wenn ich dich beim

heimlichen Lesen und Verschlingen ertappe, um den Kopf herumzuschlagen.

Doch du bist im Unrecht, und dein Vorwurf ist eine Weinerlichkeit. Ich werde

fortfahren, dir die Romanlektüre zu verbieten, so gut, wie ich fortfahren zu

dürfen meine, sie mir persönlich zu gestatten. Sei taktvoll und mißgönne nicht

ein Vergnügen einem Menschen, der anfängt zu altern, deshalb, weil es Pflicht

dieses Menschen ist, den Genuß dieses Vergnügens seinem Sohne zu versagen.

Ich gebe nun im allgemeinen von Herzen gern zu, daß ich deine Erziehung

ziemlich vernachlässige, doch ich mache mir deswegen keine Sorgen. Sei

versichert: Deinen Weg durch das Leben wirst du schon finden, denn es gibt

Dutzende Lebenswege, und jeder Lebensweg führt ohne alle Frage vor das

eherne, erzene Tor der Unabänderlichkeit. Du wirst mir erlauben, ein wenig mit

dir zu philosophieren. Werde ein Philosoph, mein Junge, was sagen will, bilde

Tapferkeit in dir aus, und dann brauchst du gar nicht so viel Erziehung, das

Leben wird dich genügend erziehen, habe keine Bange. Sieh, wenn ich dich ein

bißchen wild und unerzogen lasse, so taugst du um so viel besser für das Leben;

ungebildet lasse, so wird dich um so viel besser das spätere Leben bilden,

striegeln, glätten und plätten können; ungehobelt lasse, so wirst du dich um so

besser eignen für die Zurechthobelung und Polierung durch eben das Leben,

welches mit Vergnügen an den Menschen herumhobelt. Die Welt, in welche du

wirst zu sitzen und zu stehen kommen, wird Erzieher an dir sein und dich

gründlich erziehen. Auch dafür, also dafür, daß ich dich vernachlässigt habe,

wirst du mir einst danken. Bedenke, ich bitte dich, folgendes; und alsdann lasse

mich ausruhen vom Schreiben und diesen väterlichen Brief beendigen.

Nimm an, ich hätte dich mustergültig erziehen lassen: mit was für einer

furchtbaren Verantwortungslast auf Kopf und auf Rücken würdest du dann

dastehen. Denn wisse: eine wirklich und in jeder Hinsicht gute, eine sogenannte

glänzende Erziehung verpflichtet, sie verpflichtet den Empfänger zu ihr

entsprechenden glänzenden Leistungen, sie verpflichtet auch zu der glänzenden

Karriere. Sei du glücklich, mein Sohn, daß du wirst atmen dürfen, ohne immer

nur an das Emporkommen denken zu müssen. Deine mangelhafte Erziehung

verpflichtet dich nicht zu dem Gespenste, zu der Mustergültigkeit, zu dem

fürchterlichen Müssen-in-jeder-Hinsicht-hervorragen. Frei wirst du sein. Ein

Sohn der Natur, ein Sohn der Welt wirst du sein. Atmen und leben wirst du dürfen. Die da musterhaft sind, die leben nicht, und hiermit grüßt dich überaus

herzlich, im Bewußtsein, daß er dir etwas Vernünftiges gesagt hat, dein

Vater.