Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 44 von 126

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Kleine Dichtungen

Das Gebirge

 

Ich mußte mich an die Stille erst gewöhnen, auch an die rauhe Bergluft.

Alles atmete Einsamkeit und Reinheit, alles war Ruhe, Stille und Größe. Im

Anfang meines Aufenthaltes schneite es noch. Es schneite noch manchmal auf

die ausgedehnten Weiden und auf die vielen schönen Tannen herab, aber nach

und nach wurde es wärmer. Auch in die Berge kam der süße Knabe Frühling und

beglückte das Land mit seinem schönen, glücklichen Lächeln. Die blauen und

gelben Blumen sprossen aus der Erde hervor, und der Felsen bekam ein

milderes, weißeres, weicheres Aussehen. Des Nachts hörte ich in all der

wundersamen tiefen Stille nur das ruhige, leise Plätschern eines Brunnens.

Einsam stand im Schwarz der Nacht als noch schwärzerer Fleck das Wirtshaus

da. Ein einzelnes Fenster etwa war erleuchtet. Ich las viel. Bei schlechtem Wetter

saß ich in der kleinen, heimeligen, reinlichen Stube und beschäftigte mich mit

dem Ordnen und Zerlegen von allerlei Gedanken. Ich war ein rechter

Müßiggänger. Eine alte ruinenhafte Klosterkirche war in der Nähe. Doch ich

schenkte dem Gebäude längst schon keine Aufmerksamkeit mehr. Ich war in der

Gegend kein Fremder mehr. Mich lockte es, immer wieder zu den Tannen,

diesen Königinnen, zu gehen und bewundernd an ihnen emporzuschauen. Ich

staunte immer wieder von neuem über ihre Zierlichkeit, Pracht und Schönheit,

über die Hoheit, deren Abbild sie sind, und über den Edelsinn, den sie

verkörpern. Wohin ich schaute, überall waren Tannen; in der Ferne und in der

Nähe, unten in der Schlucht und oben aus dem Rücken der Berge. Die Berge

wurden immer grüner und schöner, und es war süß für mich, im hellen warmen

Sonnenschein über ihre weichen, milden und üppigen Weiden zu gehen, auf

denen jetzt die lieben treuen Tiere friedlich und wonnig weideten. Pferde und

Kühe standen oder lagen, zu schönen Gruppen vereinigt, unter den prächtigen,

langästigen Tannen. Die Blumen dufteten, alles war ein Summen, ein Singen, ein

Sinnen und ein Ruhen. Die ganze Bergnatur schien ein glückliches, liebes,

fröhliches Kind zu sein, und ich ging jeden Tag, am Vor- oder am Nachmittag,

zu diesem Kinde hin und schaute ihm in die glänzend-unschuldigen Augen. Mir

war, als werde ich selber dadurch mit jedem Tag schöner. Muß mich nicht die Betrachtung und der sorgfältige Genuß von etwas Edlem und Schönem schön

und edel machen? Ich bildete mir solcherlei jedenfalls ein und ging in der

Gegend herum wie ein Träumer und Dichter. Die holde Dichterin Natur dichtete

immer größere und schönere Gedichte; indem ich so stand oder still davonging,

war es mir, als spaziere und lustwandele ich in einem Gedicht, in einem tiefen,

sonnenhellen, grünen und goldenen Traum herum, und ich war glücklich. Es war

kein Geräusch, das nicht anmutig klang, alles war ein Klingen, ein Tönen, bald

ein nahes, bald wieder ein entferntes, ich konnte nur horchen, es genießen und

mit meinem Ohr es trinken. Ein paarmal machte ich weitere Ausflüge, meistens

aber blieb ich in inniger sanfter Nähe warm daliegen, bezaubert vom blauen

Himmel und gebannt von der himmlisch-schönen, weißen Götterlandschaft, die

mich wie mit großen weichen Götterarmen zu sich zog. Alle Begierden, weiter

in die lichte Ferne zu wandern, starben an dem Entzücken und am Genuß, die die

Nähe mich empfinden ließ mit ihrem beseligenden Tönen. Von allen Weiden

tönten die Glocken, die die Tiere am Halse leise schüttelten beim sanften Grasen.

Tag und Nacht tönte es und duftete es. Ich habe einen solchen Frieden nie

gesehen, und ich werde ihn nie wieder so sehen. Eines Tages reiste ich ab. O wie

oft, wie oft drehte ich mich beim Weggehen um, damit ich all das Schöne, das

ich nun verließ, noch einmal sähe, die heiteren Berge, die lieben roten Dächer

zwischen den edlen Tannen, den stolzen Felsen, das ganze reizende Gebirge.