Kleine Dichtungen
Das Gebirge
Ich mußte mich an die Stille erst gewöhnen, auch an die rauhe Bergluft.
Alles atmete Einsamkeit und Reinheit, alles war Ruhe, Stille und Größe. Im
Anfang meines Aufenthaltes schneite es noch. Es schneite noch manchmal auf
die ausgedehnten Weiden und auf die vielen schönen Tannen herab, aber nach
und nach wurde es wärmer. Auch in die Berge kam der süße Knabe Frühling und
beglückte das Land mit seinem schönen, glücklichen Lächeln. Die blauen und
gelben Blumen sprossen aus der Erde hervor, und der Felsen bekam ein
milderes, weißeres, weicheres Aussehen. Des Nachts hörte ich in all der
wundersamen tiefen Stille nur das ruhige, leise Plätschern eines Brunnens.
Einsam stand im Schwarz der Nacht als noch schwärzerer Fleck das Wirtshaus
da. Ein einzelnes Fenster etwa war erleuchtet. Ich las viel. Bei schlechtem Wetter
saß ich in der kleinen, heimeligen, reinlichen Stube und beschäftigte mich mit
dem Ordnen und Zerlegen von allerlei Gedanken. Ich war ein rechter
Müßiggänger. Eine alte ruinenhafte Klosterkirche war in der Nähe. Doch ich
schenkte dem Gebäude längst schon keine Aufmerksamkeit mehr. Ich war in der
Gegend kein Fremder mehr. Mich lockte es, immer wieder zu den Tannen,
diesen Königinnen, zu gehen und bewundernd an ihnen emporzuschauen. Ich
staunte immer wieder von neuem über ihre Zierlichkeit, Pracht und Schönheit,
über die Hoheit, deren Abbild sie sind, und über den Edelsinn, den sie
verkörpern. Wohin ich schaute, überall waren Tannen; in der Ferne und in der
Nähe, unten in der Schlucht und oben aus dem Rücken der Berge. Die Berge
wurden immer grüner und schöner, und es war süß für mich, im hellen warmen
Sonnenschein über ihre weichen, milden und üppigen Weiden zu gehen, auf
denen jetzt die lieben treuen Tiere friedlich und wonnig weideten. Pferde und
Kühe standen oder lagen, zu schönen Gruppen vereinigt, unter den prächtigen,
langästigen Tannen. Die Blumen dufteten, alles war ein Summen, ein Singen, ein
Sinnen und ein Ruhen. Die ganze Bergnatur schien ein glückliches, liebes,
fröhliches Kind zu sein, und ich ging jeden Tag, am Vor- oder am Nachmittag,
zu diesem Kinde hin und schaute ihm in die glänzend-unschuldigen Augen. Mir
war, als werde ich selber dadurch mit jedem Tag schöner. Muß mich nicht die Betrachtung und der sorgfältige Genuß von etwas Edlem und Schönem schön
und edel machen? Ich bildete mir solcherlei jedenfalls ein und ging in der
Gegend herum wie ein Träumer und Dichter. Die holde Dichterin Natur dichtete
immer größere und schönere Gedichte; indem ich so stand oder still davonging,
war es mir, als spaziere und lustwandele ich in einem Gedicht, in einem tiefen,
sonnenhellen, grünen und goldenen Traum herum, und ich war glücklich. Es war
kein Geräusch, das nicht anmutig klang, alles war ein Klingen, ein Tönen, bald
ein nahes, bald wieder ein entferntes, ich konnte nur horchen, es genießen und
mit meinem Ohr es trinken. Ein paarmal machte ich weitere Ausflüge, meistens
aber blieb ich in inniger sanfter Nähe warm daliegen, bezaubert vom blauen
Himmel und gebannt von der himmlisch-schönen, weißen Götterlandschaft, die
mich wie mit großen weichen Götterarmen zu sich zog. Alle Begierden, weiter
in die lichte Ferne zu wandern, starben an dem Entzücken und am Genuß, die die
Nähe mich empfinden ließ mit ihrem beseligenden Tönen. Von allen Weiden
tönten die Glocken, die die Tiere am Halse leise schüttelten beim sanften Grasen.
Tag und Nacht tönte es und duftete es. Ich habe einen solchen Frieden nie
gesehen, und ich werde ihn nie wieder so sehen. Eines Tages reiste ich ab. O wie
oft, wie oft drehte ich mich beim Weggehen um, damit ich all das Schöne, das
ich nun verließ, noch einmal sähe, die heiteren Berge, die lieben roten Dächer
zwischen den edlen Tannen, den stolzen Felsen, das ganze reizende Gebirge.