Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 33 von 126

PDF-Seiten

Kleine Dichtungen

Das Liebespaar

 

Sie und er gingen zusammen spazieren. Allerlei reizende Gedanken kamen

ihnen in den Kopf, doch jedes behielt hübsch für sich, was es dachte. Der Tag

war schön, wie ein Kind, das in der Wiege oder im Arm seiner Mutter liegt und

lächelt. Die Welt war zusammengesetzt aus lauter Hellgrün und Hellblau und

Hellgelb. Grün waren die Wiesen, blau war der Himmel, und gelb war das

Kornfeld. Blau war wieder der Fluß, der sich in der Ferne, zu des wohligen

Hügels Füßen, durch die lichte, süße, warme Gegend schlängelte, welche, wie

wir bereits angedeutet haben, einem Kinderlächeln an Schönheit und

Lieblichkeit glich. Die beiden, die durch die Landschaft gingen, schwiegen. Er

hatte ihr etwas zu sagen, und sie, sie fühlte es. Sie ging neben ihm her in der

Erwartung dessen, was er ihr sagen sollte. Längst schon hatte er ihr sagen

wollen, was er jetzt willens war zu sagen, und längst schon hatte sie gehofft, er

werde ihr endlich einmal sagen, was ihm, wie sie sah, auf den Lippen schwebte.

Eine Liebeserklärung, eine stotternde, lag ihm auf den Lippen, und sie sah das.

Seine Augen und der Ton seiner Stimme hatten ihr längst gestanden, daß er sie

liebe. Sie fühlte, daß sie reizend sei für ihn, und indem sie dies fühlte, umstrickte

sie ihn immer noch mehr mit ihren Reizen, ohne es fast zu wollen. Gibst du

einem Mädchen zu verstehen, daß sie schön sei, so ist sie dadurch um so viel

schöner, als du Verständnis zeigst. Nie ist eine Frau so reizend als dann, wenn sie

sieht, daß sie reizt. Also wurde denn die, die hier ging, nur immer reizender, je

weniger sie mehr zu fürchten brauchte, es gebreche ihr an der Kunst und an der

Kraft, ihn, der dicht neben ihr herging, zu fesseln. Sie betrachtete ihn im

geheimen bereits als ihren Gefangenen, und sie fühlte, daß sie für ihn der

Zaubergarten sei voll von verführerischen Düften, daß sie für ihn das Netz sei, in

dessen Wunderfäden er sich verstrickt hatte. Sie war sein Meer, in dessen Fluten

er ertrunken war – sie war das Gesetz, dem er gehorchte. Er legte jetzt, statt

irgend etwas zu sagen, seinen Arm um ihren schlanken Leib, und damit war

bereits alles getan, um die beiden in gleich hohem Maß oder Unmaß zu

beglücken. Damit war alles gesagt, was er ihr schon so lange hatte sagen wollen

und hatte sagen sollen, und alles gestanden, was er Süßes um ihretwillen fühlte. Sie kamen nun in einen kleinen, aber wunderbaren Wald hinein, der ihnen wie

ein Liebesort erschien. Es war so still, so grün, so dunkel im Wald wie in einer

uralten Kirche. Der Waldboden glich einem grünen Teppich, einem grünen Bett.

Kein Fürstensaal in alter und neuer Welt war je so schön wie dieser liebe grüne

Wald, der sie wie mit weichen Märchenarmen umfing. Hier nun fing ein sanftes,

überinniges und über-übersüßes Küssen an, als schnäbelten und liebkosten sich

zwei Waldvögelchen in der Weltabgeschiedenheit, verloren und verborgen in

Verborgenheiten und Verlorenheiten. Bisher Stümper in der Liebe, war er mit

einmal ein Meister geworden. Er erdrückte und erstickte sein Mädchen nicht mit

Küssen; er setzte nur Lippe an Lippe und beharrte so in einem langen, langen,

himmlischen Brennen, die Hand ganz zart an ihr Haar gedrückt. Es war nichts

mehr da als der Wald und der Kuß, als die Stämme im Wald und die beiden

glücklichen Menschen, als die ununterbrochene Stille und der ununterbrochene

süße, herrliche Kuß.