Kleine Dichtungen
Der Felsen
Sommerabend war's. Die Luft war mild. Ein lindes, leises Lüftchen wehte
über den Felsen, auf welchem der weiße Pavillon steht. Er gleicht einem kleinen
griechischen Tempel, und man kann ihn schon aus weiter Ferne sehen, wie er so
schlank aus dem grünen Gebüsch hervorragt. Der Felsen erhebt sich steil über
dem Rand unseres Sees. Nur schmale Fußpfade führen über ihn, und daher muß
man sorgsam auf die Schritte achtgeben. Heute am schönen Sommerabend
standen allerlei stille Leute, Männer wie Frauen, am Geländer beim Pavillon und
schauten in die farbige abendliche Tiefe hinunter, wo der See in seinem Glanze
lag, von der Wärme und von den Abendwinden umstreichelt. Das Wasser glich
einem süßen Spiegel an sanfter schimmernder Unbeweglichkeit, und die da
hinabschauten, vermochten mit den Augen kaum aufmerksam und innig genug
zu schauen und sich in das schöne große Bild zu versenken. Das warme grüne
Ufer hielt den silbernen, goldenen Abendsee wie mit zarten, liebenden
Mutterhänden und -armen umschlossen, als sei das Ufer die zärtliche, wachsame
Mutter und der See, der einem Traum an Schönheit glich, das unschuldige Kind,
an Süße und an Liebreiz mit nichts als allein nur mit ihm selbst zu vergleichen.
Alles so weit, still und warm. Der leise Wind wehte aus unbestimmbarer Ferne
wie schüchtern daher; er schien sich leise zu freuen über sich selber, er schien
kaum recht zu wagen, daherzustreichen, er war wie ein Kind, das sich die zarte,
zaghafte Frage vorlegt: »Darf ich wohl, oder darf ich nicht?« Ein Zagen, ein
Zittern, ein Schweben, ein Liebkosen, und zugleich alles so groß und so klein, so
fern und so nah. Unbeschreiblich und unfaßbar schön war es, wie das Dunkel
nach und nach zunahm und die Tageshelle sich in dem dunklen Golde verlor.
Wie ein Gedanke sich verliert in einen anderen, schwand der reiche, stolze
Sommertag dahin. Zweierlei Gemälde kämpften miteinander. Ich schlug mich
durch das dunkelgrüne Eichengebüsch, das im Abendlichte goldig schwamm,
und kam zu einer Gruppe anmutig lagernder junger Burschen, von denen einer
sagte: »Es ist ein milder Abend heute.« Aus dem See heraus klangen Stimmen
und Liedertöne, und dazwischen drang der Ton einer Handharfe warm und
wundersam zum Felsen hinauf, von welchem aus man die Boote und Gondeln unten auf dem lieben Wasser hin und her gleiten sehen konnte. Auf einem
Felsvorsprung, der ein kühnes, graziöses Lustplätzchen bildete, lagen ein
Mädchen und ein Bursche eng beieinander, die sich in der
Sommerabendschönheit glücklich fühlten und sich mit leisem, zweistimmigem,
süßem Singen und mit Händedrücken und mit fortwährendem Einander-
Anschauen die Zeit vertrieben. Ich blieb stehen, um zu lauschen, was sie sich zu
sagen haben mochten. Doch sie redeten kein Wort. Ganz in ein Schauen, in ein
Sein und in ein Fühlen versunken, lagen sie da, ganz nur Genuß, ganz nur
Genügen und Vergnügen. Jetzt küßten sie sich, und es sah aus, als wollten sie
durch die ganze liebe warme Sommernacht an dem Kusse hängen bleiben. Ich
strich mich weg, tiefer in das dunkele Gestrüpp, welches mir mit seinem Laub
das Gesicht berührte. Es war jetzt Nacht geworden.