Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 78 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Felsen

 

Sommerabend war's. Die Luft war mild. Ein lindes, leises Lüftchen wehte

über den Felsen, auf welchem der weiße Pavillon steht. Er gleicht einem kleinen

griechischen Tempel, und man kann ihn schon aus weiter Ferne sehen, wie er so

schlank aus dem grünen Gebüsch hervorragt. Der Felsen erhebt sich steil über

dem Rand unseres Sees. Nur schmale Fußpfade führen über ihn, und daher muß

man sorgsam auf die Schritte achtgeben. Heute am schönen Sommerabend

standen allerlei stille Leute, Männer wie Frauen, am Geländer beim Pavillon und

schauten in die farbige abendliche Tiefe hinunter, wo der See in seinem Glanze

lag, von der Wärme und von den Abendwinden umstreichelt. Das Wasser glich

einem süßen Spiegel an sanfter schimmernder Unbeweglichkeit, und die da

hinabschauten, vermochten mit den Augen kaum aufmerksam und innig genug

zu schauen und sich in das schöne große Bild zu versenken. Das warme grüne

Ufer hielt den silbernen, goldenen Abendsee wie mit zarten, liebenden

Mutterhänden und -armen umschlossen, als sei das Ufer die zärtliche, wachsame

Mutter und der See, der einem Traum an Schönheit glich, das unschuldige Kind,

an Süße und an Liebreiz mit nichts als allein nur mit ihm selbst zu vergleichen.

Alles so weit, still und warm. Der leise Wind wehte aus unbestimmbarer Ferne

wie schüchtern daher; er schien sich leise zu freuen über sich selber, er schien

kaum recht zu wagen, daherzustreichen, er war wie ein Kind, das sich die zarte,

zaghafte Frage vorlegt: »Darf ich wohl, oder darf ich nicht?« Ein Zagen, ein

Zittern, ein Schweben, ein Liebkosen, und zugleich alles so groß und so klein, so

fern und so nah. Unbeschreiblich und unfaßbar schön war es, wie das Dunkel

nach und nach zunahm und die Tageshelle sich in dem dunklen Golde verlor.

Wie ein Gedanke sich verliert in einen anderen, schwand der reiche, stolze

Sommertag dahin. Zweierlei Gemälde kämpften miteinander. Ich schlug mich

durch das dunkelgrüne Eichengebüsch, das im Abendlichte goldig schwamm,

und kam zu einer Gruppe anmutig lagernder junger Burschen, von denen einer

sagte: »Es ist ein milder Abend heute.« Aus dem See heraus klangen Stimmen

und Liedertöne, und dazwischen drang der Ton einer Handharfe warm und

wundersam zum Felsen hinauf, von welchem aus man die Boote und Gondeln unten auf dem lieben Wasser hin und her gleiten sehen konnte. Auf einem

Felsvorsprung, der ein kühnes, graziöses Lustplätzchen bildete, lagen ein

Mädchen und ein Bursche eng beieinander, die sich in der

Sommerabendschönheit glücklich fühlten und sich mit leisem, zweistimmigem,

süßem Singen und mit Händedrücken und mit fortwährendem Einander-

Anschauen die Zeit vertrieben. Ich blieb stehen, um zu lauschen, was sie sich zu

sagen haben mochten. Doch sie redeten kein Wort. Ganz in ein Schauen, in ein

Sein und in ein Fühlen versunken, lagen sie da, ganz nur Genuß, ganz nur

Genügen und Vergnügen. Jetzt küßten sie sich, und es sah aus, als wollten sie

durch die ganze liebe warme Sommernacht an dem Kusse hängen bleiben. Ich

strich mich weg, tiefer in das dunkele Gestrüpp, welches mir mit seinem Laub

das Gesicht berührte. Es war jetzt Nacht geworden.