Kleine Dichtungen
Helblings Geschichte
Ich heiße Helbling und erzähle hier meine Geschichte selbst, da sie sonst
wahrscheinlich von niemandem aufgeschrieben würde. Heutzutage, wo die
Menschheit raffiniert geworden ist, kann es keine besonders kuriose Sache mehr
sein, wenn einer, wie ich, sich hinsetzt und anfängt, an seiner eigenen Geschichte
zu schreiben. Sie ist kurz, meine Geschichte, denn ich bin noch jung, und sie
wird nicht zu Ende geschrieben, denn ich habe voraussichtlich noch lange zu
leben. Das Hervorstechende an mir ist, daß ich ein ganz, beinahe übertrieben
gewöhnlicher Mensch bin. Ich bin einer der Vielen, und das gerade finde ich so
seltsam. Ich finde die Vielen seltsam, und denke immer: »Was machen, was
treiben sie nur alle?« Ich verschwinde förmlich unter der Masse dieser Vielen.
Wenn ich mittags, wenn es zwölf Uhr schlägt, von der Bank, wo ich beschäftigt
bin, nach Hause eile, so eilen sie alle mit, einer sucht den andern zu überholen,
einer will längere Schritte nehmen als der andere, und doch denkt man dabei:
»Es kommen doch alle nach Hause.« In der Tat kommen sie alle nach Hause,
denn es ist kein ungewöhnlicher Mensch unter ihnen, dem es arrivieren könnte,
daß er den Weg nicht mehr fände nach Hause. Ich bin mittelgroß von Gestalt und
habe deshalb Gelegenheit, mich zu freuen, darüber, daß ich weder
hervorstechend klein, noch herausplatzend groß bin. Ich habe so das Maß, wie
man auf schriftdeutsch sagt. Wenn ich zu Mittag esse, denke ich immer, ich
könnte eigentlich anderswo, wo es vielleicht fideler zuginge am Eßtisch, ebenso
gut, oder noch feiner essen, und denke dann darüber nach, wo das wohl sein
könnte, wo die lebhaftere Unterhaltung mit dem besseren Essen verbunden wäre.
Ich lasse alle Stadtteile und alle Häuser, die ich kenne, in meiner Erinnerung
vorübergehen, bis ich etwas ausfindig gemacht habe, das etwas für mich sein
könnte. Im allgemeinen halte ich sehr viel auf meine Person, ja, ich denke
eigentlich nur an mich, und bin immer darauf bedacht, es mir so gut gehen zu
lassen, wie nur irgend denkbar. Da ich ein Mensch aus guter Familie bin, mein
Vater ist ein angesehener Kaufmann in der Provinz, so finde ich leicht an den
Dingen, die sich mir nähern wollen, und denen ich auf den Leib rücken soll,
allerlei auszusetzen, zum Beispiel: es ist mir alles zu wenig fein. Ich habe stets die Empfindung, daß an mir etwas Kostbares, Empfindsames und
Leichtzerbrechliches ist, das geschont werden muß, und halte die andern für
lange nicht so kostbar und feinfühlig. Wieso das nur kommen mag! Es ist
gerade, als wäre man zu wenig grob geschnitzt für dieses Leben. Es ist jedenfalls
ein Hemmnis, das mich hindert, mich auszuzeichnen, denn wenn ich
beispielsweise einen Auftrag erledigen soll, so besinne ich mich immer erst eine
halbe Stunde, manchmal auch eine ganze! Ich überlege und träume so vor mich
hin: »Soll ich es anpacken, oder soll ich noch zögern, es anzupacken!«, und
unterdessen, ich fühle das, werden schon einige meiner Kollegen bemerkt haben,
daß ich ein träger Mensch bin, während ich doch nur als zu empfindsam gelten
kann. Ach, man wird so falsch beurteilt. Ein Auftrag erschreckt mich immer,
veranlaßt mich, mit meiner flachen Hand strichweise über den Pultdeckel zu
fahren, bis ich entdecke, daß ich höhnisch beobachtet werde, oder ich tätschle
mir mit der Hand die Wangen, greife mich unter das Kinn, fahre mir über die
Augen, reibe die Nase und streiche die Haare von der Stirne weg, als ob dort
meine Aufgabe läge, und nicht auf dem Bogen Papier, der vor mir, auf dem Pult,
ausgebreitet liegt. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt, und dennoch glaube
ich zuversichtlich, daß ich es mit jedem Beruf so hätte, so machen würde und
verderben würde. Ich genieße, infolge meiner vermeintlichen Trägheit, wenig
Achtung. Man nennt mich einen Träumer und Schlafpelz. O, die Menschen sind
darin talentvoll, einem ungebührliche Titel anzuhängen. Es ist allerdings wahr:
die Arbeit liebe ich nicht besonders, weil ich mir immer einbilde, sie beschäftige
und locke zu wenig meinen Geist. Das ist auch wieder so ein Punkt. Ich weiß
nicht, ob ich Geist besitze, und ich darf es kaum glauben, denn ich habe bereits
öfters die Überzeugung gewonnen, daß ich mich jedesmal dumm anstelle, wenn
man mir einen verstand- und scharfsinnfordernden Auftrag gibt. Das macht mich
in der Tat stutzig, und veranlaßt mich darüber nachzudenken, ob ich zu den
seltsamen Menschen gehöre, die nur klug sind, wenn sie es sich einbilden, und
aufhören, klug zu sein, sobald sie zeigen sollten, daß sie es wirklich sind. Es
fallen mir eine Menge intelligenter, schöner, spitzfindiger Sachen ein, aber
sobald ich sie in Anwendung bringen soll, versagen sie mir und verlassen mich,
und ich stehe dann da wie ein ungelehriger Lehrjunge. Deshalb mag ich meine
Arbeit nicht gern, weil sie mir einesteils zu wenig geistvoll ist und mir
andersteils sogleich über den Kopf hinauswächst, sobald sie den Anstrich des
Geistvollen erhält. Wo ich nicht denken soll, da denke ich immer, und wo ich
verpflichtet wäre, es zu tun, kann ich es nicht. Aus diesem zwiespältigen Grunde
verlasse ich auch den Bureausaal immer einige Minuten vor zwölf und komme
immer erst einige Minuten später als die andern an, was mir schon einen
ziemlich schlechten Ruf eingetragen hat. Aber es ist mir so gleichgültig, so unsäglich gleichgültig, was sie von mir sagen. Ich weiß zum Beispiel sehr wohl,
daß sie mich für einen Schafskopf ansehen, aber ich fühle, daß wenn sie ein
Recht zu dieser Annahme haben, ich sie daran nicht verhindern kann. Ich sehe
auch wirklich etwas schafsköpfisch aus in meinem Gesicht, Betragen, Gang,
Sprechen und Wesen. Es ist kein Zweifel, daß ich, um ein Beispiel
herauszunehmen, in den Augen einen etwas blödsinnigen Ausdruck habe, der die
Menschen leicht irreführt und ihnen eine geringe Meinung von meinem Verstand
gibt. Mein Wesen hat viel Läppisches und dazu noch Eitles an sich, meine
Stimme klingt sonderbar, so als wüßte ich selber, der Sprecher, nicht, daß ich
rede, wenn ich rede. Etwas Verschlafenes, Noch-nicht-ganz-Aufgewecktes haftet
mir an, und daß es bemerkt wird, habe ich bereits aufgezeichnet. Mein Haar
streiche ich immer ganz glatt auf dem Kopf, das erhöht vielleicht noch den
Eindruck trotziger und hilfloser Dummheit, den ich mache. Dann stehe ich so da,
am Pult, und kann halbstundenlang in den Saal, oder zum Fenster hinausglotzen.
Die Feder, mit der ich schreiben sollte, halte ich in der untätigen Hand. Ich stehe
und trete von einem Fuß auf den andern, da mir eine größere Beweglichkeit
nicht gestattet ist, sehe meine Kollegen an und begreife gar nicht, daß ich in
ihren Augen, die zu mir hinüberschielen, ein erbärmlicher, gewissenloser
Faulenzer bin, lächle, wenn mich einer ansieht, und träume, ohne zu sinnen.
Wenn ich das könnte: Träumen! Nein, ich habe keine Vorstellung davon. Nicht
die mindeste! Ich denke mir immer, wenn ich einen Haufen Geld hätte, würde
ich nicht mehr arbeiten, und freue mich wie ein Kind darüber, daß ich dieses
denken konnte, wenn der Gedanke ausgedacht ist. Das Gehalt, das ich bekomme,
erscheint mir zu klein, und ich denke gar nicht daran, mir zu sagen, daß ich nicht
einmal so viel verdiene mit meinen Leistungen, trotzdem ich weiß, daß ich so
gut wie nichts leiste. Seltsam, ich habe gar nicht das Talent, mich einigermaßen
zu schämen. Wenn mich einer, zum Beispiel ein Vorgesetzter, anschnauzt, so bin
ich darüber im höchsten Grade empört, denn es verletzt mich, angeschnauzt zu
werden. Ich ertrage das nicht, obgleich ich mir sage, daß ich eine Rüge verdient
habe. Ich glaube, ich widersetze mich dem Vorwurf des Vorgesetzten deshalb,
damit ich das Gespräch mit ihm ein wenig in die Länge ziehen kann, vielleicht
eine halbe Stunde, dann ist doch wiederum eine halbe Stunde verstrichen,
während deren Verlauf ich mich wenigstens nicht gelangweilt habe. Wenn meine
Kollegen glauben, ich langweile mich, so haben sie allerdings recht, denn ich
langweile mich zum Entsetzen. Nicht die geringste Anregung! Mich langweilen,
und darüber nachsinnen, wie ich die Langeweile etwa unterbrechen könnte:
darin besteht eigentlich meine Beschäftigung. Ich vollbringe so wenig, daß ich
selber von mir denke: »Wirklich, du vollbringst nichts!« Oftmals kommt es über
mich, daß ich gähnen muß, ganz unabsichtlich, indem ich meinen Mund aufsperre, gegen die Höhe der Zimmerdecke, und dann mit der Hand nachfahre,
um langsam die Mundöffnung zu verdecken. Alsdann finde ich es für
angebracht, mit den Fingerspitzen meinen Schnurrbart zu drehen und etwa auf
das Pult zu klopfen, mit der Innenfläche eines meiner Finger, ganz wie in einem
Traum. Manchmal erscheint mir das alles wie ein unverständlicher Traum. Dann
bemitleide ich mich und möchte über mich weinen. Aber, wenn das Traumartige
verfliegt, möchte ich mich, der Länge und Breite nach, auf den Boden werfen,
möchte umstürzen, mir an einer Kante des Pultes recht weh tun, damit ich den
zeitvertreibenden Genuß eines Schmerzes empfinden könnte. Meine Seele ist
nicht ganz schmerzlos über meinen Zustand, denn ich vernehme manchmal,
wenn ich recht das Ohr spitze, darin einen leisen, klagenden Ton der Anklage,
ähnlich der Stimme meiner noch lebenden Mutter, die mich immer für etwas
Rechtes gehalten hat, im Gegensatz zum Vater, der da viel strengere Grundsätze
besitzt, als sie. Aber meine Seele ist mir ein zu dunkles und wertloses Ding, als
daß ich schätzte, was sie vernehmen läßt. Ich halte nichts von ihrem Ton. Ich
denke mir, daß man nur aus Langeweile auf das Gemurmel der Seele horcht.
Wenn ich im Bureau stehe, werden meine Glieder langsam zu Holz, das man
wünscht, anzünden zu können, damit es verbrenne: Pult und Mensch werden
Eines mit der Zeit. Die Zeit, das gibt mir immer zu denken. Sie vergeht schnell,
doch in all der Schnelligkeit scheint sie sich plötzlich zu krümmen, scheint zu
brechen, und dann ist es, als ob gar keine Zeit mehr da wäre. Manchmal hört
man sie rauschen wie eine Schar auffliegender Vögel, oder zum Beispiel im
Wald: da höre ich immer die Zeit rauschen, und das tut einem recht wohl, denn
dann braucht der Mensch nicht mehr zu denken. Aber es ist meistens anders: so
totenstill! Kann das ein Menschenleben sein, das man nicht spürt, sich vorwärts,
dem Ende zudrängen! Mein Leben scheint mir bis zu diesem Augenblick
ziemlich inhaltlos gewesen zu sein, und die Gewißheit, daß es inhaltlos bleiben
wird, gibt etwas Endloses, etwas, das einem befiehlt, einzuschlafen und nur noch
das Unumgänglichste zu verrichten. So tue ich es denn auch: ich tu nur so, als ob
ich eifrig schaffe, wenn ich den übelriechenden Atem meines Chefs hinter mir
spüre, der heranschleicht, um mich bei der Trägheit überraschen zu können.
Seine Luft, die er ausströmt, ist sein Verräter. Der gute Mann verschafft mir
immer eine kleine Abwechslung, deshalb mag ich ihn noch ganz wohl leiden.
Aber was veranlaßt mich denn eigentlich nur, so wenig meine Pflicht und meine
Vorschriften zu respektieren? Ich bin ein kleines, blasses, schüchternes,
schwaches, elegantes, zimperliches Kerlchen voll lebensuntüchtiger
Empfindsamkeiten und würde die Härte des Lebens, wenn es mir einmal schief
gehen sollte, nicht ertragen können. Kann mir der Gedanke, daß man mich aus
meiner Stellung entlassen wird, wenn ich so fortfahre, keine Furcht einjagen? Wie es scheint, nicht, und wie es wiederum scheint: wohl! Ich fürchte mich ein
bißchen, und fürchte mich wieder ein bißchen nicht. Vielleicht bin ich zur Furcht
zu unintelligent, ja, es scheint mir beinahe, als ob der kindliche Trotz, den ich
anwende, um mir vor meinen Mitmenschen Genugtuung zu verschaffen, ein
Zeichen von Schwachköpfigkeit ist. Aber, aber: es paßt wundervoll zu meinem
Charakter, der mir stets vorschreibt, mich ein wenig außergewöhnlich zu
benehmen, wenn auch zu meinem Nachteil. So zum Beispiel bringe ich, was
auch nicht statthaft ist, kleine Bücher ins Bureau, wo ich sie ausschneide und
lese, ohne eigentlich Genuß am Lesen zu haben. Aber es sieht wie die feine
Widerspenstigkeit eines gebildeten, mehr, als die andern sein wollenden
Menschen aus. Ich will eben immer mehr sein, und habe einen Jagdhundeifer
nach Auszeichnung. Wenn ich das Buch jetzt lese, und es tritt ein Kollege zu mir
heran mit der Frage, die vielleicht ganz am Platz ist: »Was lesen Sie da,
Helbling?«, so ärgert mich das, weil es in diesem Fall anständig ist, ein
ärgerliches Wesen zu zeigen, das den zutulichen Fragenden wegtreibt. Ich tue
ungemein wichtig, wenn ich lese, blicke mich nach allen Seiten nach Menschen
um, die mir zusehen, wie klug da einer seinen Geist und Witz ausbilde, schneide
mit prachtvoller Langsamkeit Seite für Seite aus, lese nicht einmal mehr,
sondern lasse es mir genügen, die Haltung eines in eine Lektüre Versunkenen
angenommen zu haben. So bin ich: schwindelköpfig und auf den Effekt
berechnet. Ich bin eitel, aber von einer merkwürdig billigen Zufriedenheit in
meiner Eitelkeit. Meine Kleider sind von plumpem Ansehen, aber ich bin eifrig
im Wechseln von Anzügen, denn es macht mir ein Vergnügen, den Kollegen zu
zeigen, daß ich mehrere Anzüge besitze und daß ich einigen Geschmack in der
Wahl von Farben habe. Grün trage ich gern, weil es mich an den Wald erinnert,
und Gelb trage ich an windigen, luftigen Tagen, weil es zum Wind und zum
Tanzen paßt. Es kann sein, daß ich mich darin irre, ich zweifle gar nicht daran,
denn wie oft ich mich am Tag irre, wird mir genugsam vorgehalten. Man glaubt
schließlich selber, daß man ein Einfaltspinsel ist. Aber was macht es aus, ob man
ein Tropf oder ein Mann von Achtung ist, da doch der Regen ebensogut auf
einen Esel wie auf eine respektable Erscheinung herabregnet. Und gar die
Sonne! Ich bin glücklich, in der Sonne, wenn es zwölf Uhr geschlagen hat, nach
Hause laufen zu dürfen, und wenn es regnet, spanne ich den üppigen, bauchigen
Regenschirm über mich, damit mein Hut, den ich sehr schätze, nicht naß wird.
Mit meinem Hut gehe ich sehr sanft um, und es scheint mir immer, wenn ich
meinen Hut noch berühren kann, in der zarten Weise, wie ich es gewohnt bin, so
sei ich immer noch ein ganz glücklicher Mensch. Besondere Freude macht es
mir, ihn, wenn es Feierabend geworden ist, sorgsam auf die Scheitel zu setzen.
Das ist mir immer der geliebte Abschluß eines jeden Tages. Mein Leben besteht ja aus lauter Kleinigkeiten, das wiederhole ich mir immer wieder, und das
kommt mir so wunderlich vor. Für große Ideale, die die Menschheit betreffen,
habe ich es nie passend gefunden, zu schwärmen, denn ich bin im Grunde mehr
kritisch als schwärmerisch veranlagt, wofür ich mir ein Kompliment mache. Ich
bin so einer, der es als herabsetzend empfindet, wenn er einem idealen Menschen
in langen Haaren, Sandalen an den nackten Beinen, Schurzfell um die Lenden
und Blumen im Haar begegnet. Ich lächle dann verlegen in solchen Fällen. Laut
lachen, was man doch am liebsten möchte, kann man nicht, auch ist es eigentlich
mehr zum Ärgerlich-werden, als zum Lachen, unter Menschen zu leben, die an
einer glatten Scheitel, wie ich sie trage, keinen Geschmack finden. Ich ärgere
mich eben gerne, deshalb ärgere ich mich, wo sich mir nur immer eine
Gelegenheit bietet. Ich mache öfters hämische Bemerkungen, und habe es doch
sicherlich wenig nötig, meine Bosheit an andern auszulassen, da ich doch genug
weiß, was es heißt, unter der Spottsucht anderer zu leiden. Aber das ist es ja: ich
mache gar keine Beobachtungen, nehme keine Lehren an und verfahre immer
noch so, wie an dem Tage, da ich aus der Schule entlassen wurde. Viel
Schulknabenhaftes klebt an mir und wird wahrscheinlich mein beständiger
Begleiter durchs Leben bleiben. Es soll solche Menschen geben, die gar keine
Spur von Besserungsfähigkeit und kein Talent besitzen, sich an der anderen
Benehmen auszubilden. Nein, ich bilde mich nicht, denn ich finde es unter
meiner Würde, mich dem Bildungsdrang hinzugeben. Außerdem bin ich schon
gebildet genug, um einen Stock mit einiger Manier in der Hand zu tragen und
eine Schleife um den Hemdkragen binden zu können und den Eßlöffel mit der
rechten Hand anzufassen und zu sagen, auf eine bezügliche Frage: »Danke, ja, es
war sehr hübsch gestern abend!« Was soll die Bildung viel aus mir machen?
Hand auf die Brust: ich glaube, da käme die Bildung ganz und gar an den
Unrichtigen. Ich strebe nach Geld und nach bequemen Würden, das ist mein
Bildungsdrang! Über einen Erdarbeiter komme ich mir furchtbar erhaben vor,
wenn er mich auch, wenn er wollte, mit dem Zeigefinger seiner linken Hand in
ein Erdloch, wo ich mich beschmutzen würde, hinabschleudern könnte. Kraft
und Schönheit an armen Menschen und in bescheidenem Gewande machen auf
mich keinen Eindruck. Ich denke immer, wenn ich solch einen Menschen sehe,
wie gut es unsereiner doch habe mit der überlegenen Weltstellung, einem solch
ausgearbeiteten Tropf gegenüber, und kein Mitleid beschleicht mein Herz. Wo
hätte ich ein Herz? Ich habe vergessen, daß ich eines habe. Gewiß ist das traurig,
aber wo fände ich es für angebracht, Trauer zu empfinden. Trauer empfindet
man nur, wenn man einen Geldverlust aufzuweisen hat, oder wenn einem der
neue Hut nicht recht passen will, oder wenn plötzlich die Werte auf der Börse
sinken, und dann muß man sich noch fragen, ob das Trauer ist oder nicht, und es ist bei näherem Zusehen keine, sondern nur ein angeflogenes Bedauern, das
verfliegt wie der Wind. Es ist, nein, wie kann ich mich da ausdrücken: es ist
wunderbar seltsam, so keine Gefühle zu haben, so gar nicht zu wissen, was ein
Empfinden ist. Gefühle, die die eigene Person betreffen, hat jeder, und das sind
im Grunde verwerfliche, der Gesamtheit gegenüber anmaßliche Gefühle. Aber
Gefühle für einen jeden? Wohl hat man bisweilen Lust, sich darüber zu befragen,
spürt etwas wie eine leise Sehnsucht danach, ein guter, bereitwilliger Mensch zu
werden, aber, wann käme man dazu? Etwa um sieben Uhr des Morgens, oder
sonst wann? Schon am Freitag und dann während des darauf folgenden ganzen
Samstages besinne ich mich darauf, was ich am Sonntage unternehmen könnte,
weil doch immer am Sonntag etwas unternommen werden muß. Allein gehe ich
selten. Gewöhnlich schließe ich mich einer Gesellschaft von jungen Leuten an,
wie sich eben einer anschließt, es geht ganz einfach, man geht einfach mit,
obschon man weiß, daß man ein ziemlich langweiliger Geselle ist. Ich fahre zum
Beispiel mit einem Dampfboot über den See, oder gehe zu Fuß in den Wald,
oder fahre mit der Eisenbahn an entferntere schöne Orte. Oft begleite ich junge
Mädchen zum Tanz, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß mich die
Mädchen gerne leiden mögen. Ich habe ein weißes Gesicht, schöne Hände, einen
eleganten, flatternden Frack, Handschuhe, Ringe an den Fingern, einen mit
Silber beschlagenen Stock, sauber gewichste Schuhe und ein zartes,
sonntägliches Wesen, eine so merkwürdige Stimme und etwas leis Verdrossenes
um den Mund, etwas, wofür ich selber kein Wort habe, das mich aber den jungen
Mädchen zu empfehlen scheint. Wenn ich spreche, klingt es, als ob ein Mann
von Gewicht spräche. Das Wichtigtuerische gefällt, da ist kein Zweifel zu hegen.
Was den Tanz betrifft, so tanze ich, wie einer, der eben erst Tanzunterricht
genommen und genossen hat: flott, zierlich, pünktlich, genau, aber zu schnell
und zu saftlos. Es ist Genauigkeit und Sprunghaftigkeit in meinem Tanz, aber
nur keine Grazie. Wie könnte ich der Grazie fähig sein! Aber ich tanze
leidenschaftlich gern. Wenn ich tanze, vergesse ich, daß ich Helbling bin, denn
ich bin dann nichts mehr als nur noch ein glückliches Schweben. Das Bureau mit
seinen mannigfaltigen Qualen würde mir keine Erinnerung zu Gesicht bringen.
Um mich herum sind gerötete Gesichter, Duft und Glanz von Mädchenkleidern,
Mädchenaugen blicken mich an, ich fliege: kann man sich seliger denken? Nun
habe ich es doch: einmal in dem Kreise der Woche vermag ich selig zu sein.
Eines der Mädchen, die ich stets begleite, ist meine Braut, aber sie behandelt
mich schlecht, schlechter, als mich die andern behandeln. Sie ist mir, wie ich
wohl bemerke, auch keineswegs treu, liebt mich wohl kaum, und ich, liebe ich
sie etwa? Ich habe viele Fehler an mir, die ich freimütig ausgesprochen habe,
aber hier scheinen mir alle meine Fehler und Mängel vergeben zu sein: ich liebe sie. Es ist mein Glück, daß ich sie lieben, und um ihretwillen oft verzagen darf.
Sie gibt mir ihre Handschuhe und ihren rosaseidenen Schirm zu tragen, wenn es
Sommer ist, und im Winter darf ich ihr im tiefen Schnee nachtrotteln, um ihr die
Schlittschuhe nachzutragen. Ich begreife die Liebe nicht, aber spüre sie. Gut und
böse sind doch nichts gegen die Liebe, die gar nichts anderes und übriges kennt,
als Liebe. Wie soll ich das sagen: so nichtswürdig und leer ich sonst immer bin,
so ist doch noch nicht alles verloren, denn ich bin wirklich der treuen Liebe
fähig, obschon ich zur Treulosigkeit Gelegenheit genug hätte. Ich fahre mit ihr
im Sonnenschein, unter dem blauen Himmel, in einem Nachen, den ich
vorwärtsrudere, auf dem See, und lächle sie immer an, während sie sich zu
langweilen scheint. Ich bin ja auch ein ganz langweiliger Kerl. Ihre Mutter hat
eine kleine, armselige, etwas verrufene Arbeiterkneipe, wo ich Sonntage lang
zubringen kann mit Sitzen, Schweigen und sie-Ansehen. Manchmal beugt sich
auch ihr Gesicht zu dem meinigen hinunter, um mich einen Kuß ihr auf den
Mund drücken zu lassen. Sie hat ein süßes, süßes Gesicht. An ihrer Wange
befindet sich eine alte, vernarbte Schramme, was ihren Mund ein wenig verzerrt,
aber ins Süße. Augen hat sie ganz kleine, mit denen sie einen so listig anblinzelt,
als wollte sie sagen: »Dir will ich es auch noch zeigen!« Oft setzt sie sich zu mir
auf das schäbige, harte Wirtshaussofa, und flüstert mir ins Ohr, daß es doch
schön sei, verlobt zu sein. Ich weiß selten etwas zu ihr zu sagen, denn ich fürchte
immer, daß es nicht passend wäre, so schweige ich, und wünsche doch heftig, zu
ihr etwas zu sprechen. Einmal hat sie mir ihr kleines, duftendes Ohr an meine
Lippen gereicht: Ob ich ihr nichts zu sagen hätte, das man nur flüstern könne?
Ich sagte zitternd, daß ich nichts wüßte, und da hat sie mir eine Ohrfeige
gegeben und hat dazu gelacht, aber nicht freundlich, sondern kalt. Mit ihrer
Mutter und ihrer kleinen Schwester steht sie nicht gut und will nicht haben, daß
ich der Kleinen Freundlichkeiten erweise. Ihre Mutter hat eine rote Nase vom
Trinken, und ist ein lebhaftes, kleines Weib, das sich gern zu den Männern an
den Tisch setzt. Aber meine Braut setzt sich auch zu den Männern. Sie hat mir
einmal leise gesagt: »Ich bin nicht mehr keusch,« in einem Ton der
Natürlichkeit, und ich habe nichts dagegen einzuwenden gehabt. Was wäre es
gewesen, was ich ihr dazu hätte sagen können. Andern Mädchen gegenüber habe
ich einen gewissen Schneid, sogar Wortwitz, aber bei ihr sitze ich stumm und
sehe sie an und verfolge jede ihrer Manieren mit meinen Augen. Ich sitze
jedesmal so lang, bis die Wirtschaft geschlossen werden muß, oder noch länger,
bis sie mich nach Hause schickt. Wenn die Tochter nicht da ist, setzt sich ihre
Mutter zu mir an den Tisch und versucht, die Abwesende in meinen Augen
schlecht zu machen. Ich wehre nur so mit der Hand ab und lächle dazu. Die
Mutter haßt ihre Tochter, und es liegt auf der Hand, daß sie sich beide hassen, denn sie sind sich im Wege mit ihren Absichten. Beide wollen einen Mann
haben, und beide mißgönnen einander den Mann. Wenn ich abends so auf dem
Sofa sitze, merken es alle Leute, die in der Kneipe verkehren, daß ich der
Bräutigam bin, und jeder will an mich wohlwollende Worte richten, was mir
ziemlich gleichgültig ist. Das kleine Mädchen, das noch in die Schule geht, liest
neben mir in ihren Büchern, oder sie schreibt große, lange Buchstaben in ihr
Schreibheft und reicht es mir immer dar, um mich das Geschriebene durchsehen
zu lassen. Sonst habe ich nie auf so kleine Geschöpfe geachtet, und nun mit
einem Male sehe ich ein, wie interessant jedes kleine, aufwachsende Geschöpf
ist. Daran ist meine Liebe zu der andern schuld. Man wird besser und
aufgeweckter durch eine ehrliche Liebe. Im Winter sagt sie zu mir: »Du, es wird
schön sein im Frühling, wenn wir zusammen durch die Gartenwege spazieren
werden,« und im Frühling sagt sie: »Es ist langweilig mit dir.« Sie will in einer
großen Stadt verheiratet sein, denn sie will noch etwas haben vom Leben. Die
Theater und Maskenbälle, schöne Kostüme, Wein, lachende Unterhaltung,
fröhliche, erhitzte Menschen, das liebt sie, dafür schwärmt sie. Ich schwärme
eigentlich auch dafür, aber wie das sich alles machen soll, weiß ich nicht. Ich
habe ihr gesagt: »Vielleicht verliere ich auf nächsten Winter meine Stellung!«
Da hat sie mich groß angeschaut und mich gefragt: »Warum?« Was hätte ich ihr
für eine Antwort geben sollen? Ich kann ihr doch nicht meine ganze
Charakteranlage in einem Atem herunterschildern. Sie würde mich verachten.
Bis jetzt meint sie immer, daß ich ein Mann sei von einiger Tüchtigkeit, ein
Mann, allerdings ein etwas komischer und langweiliger, aber doch ein Mann, der
seine Stellung in der Welt habe. Wenn ich ihr nun sage: »Du irrst dich, meine
Stellung ist eine äußerst schwankende,« so hat sie keinen Grund, weiter meinen
Umgang zu wünschen, da sie doch alle ihre Hoffnungen in bezug auf mich
zerstört sieht. Ich lasse es gehen, ich bin ein Meister darin, eine Sache schlitteln
zu lassen, wie man zu sagen pflegt. Vielleicht, wenn ich Tanzlehrer oder
Restaurateur oder Regisseur wäre, oder sonst irgendeinen Beruf hätte, der mit
dem Vergnügen der Menschen zusammenhängt, würde ich Glück haben, denn
ich bin so ein Mensch, so ein tänzelnder, schwebender, beineherumwerfender,
leichter, flotter, leiser, sich stets verbückender und zartempfindender, der Glück
hätte, wenn er Wirt, Tänzer, Bühnenleiter oder so etwas wie Schneider wäre.
Wenn ich Gelegenheit habe, ein Kompliment zu machen, bin ich glücklich. Läßt
das nicht tief blicken? Ich bringe sogar da Verneigungen an, wo es gar nicht
üblich ist, oder wo nur Scharwenzler und Dummköpfe sich verbeugen, so sehr
bin ich in die Sache verliebt. Für eine ernste Mannesarbeit habe ich weder einen
Geist noch eine Vernunft, noch Ohr, noch Auge und Sinn. Es ist mir das mir am
fernsten Liegende, was es auf der Welt geben könnte. Ich will Profit machen, aber es soll mich nur ein Zwinkern mit den Augen, höchstens ein faules
Handausstrecken kosten. Sonst ist Scheu vor der Arbeit an Männern etwas nicht
ganz Natürliches, aber mich kleidet es, mir paßt es, wenn es auch ein trauriges
Kleid ist, das mir da so vorzüglich paßt, und wenn der Schnitt des Kleides auch
ein erbärmlicher ist: warum sollte ich nicht sagen: »Es sitzt mir,« wenn doch
jedes Menschenauge sieht, daß es mir faltenlos sitzt. Die Scheu vor der Arbeit!
Aber ich will nichts mehr darüber sagen. Ich meine übrigens immer, das Klima,
die feuchte Seeluft, sei schuld daran, daß ich nicht zum Arbeiten komme, und
suche jetzt, gedrängt von dieser Erkenntnis, Stellung im Süden, oder in den
Bergen. Ich könnte ein Hotel dirigieren, oder eine Fabrik leiten, oder die Kasse
einer kleineren Bank verwalten. Eine sonnige, freie Landschaft müßte imstande
sein, in mir Talente zu entwickeln, die bis jetzt in mir geschlafen haben. Eine
Südfruchthandlung wäre auch nichts übles. Auf jeden Fall bin ich ein Mensch,
der immer meint, durch eine äußerliche Veränderung innerlich ungeheuer zu
gewinnen. Ein anderes Klima würde auch eine andere Mittagstafel erzeugen, und
das ist es vielleicht, was mir fehlt. Bin ich eigentlich krank? Mir fehlt so viel,
mir mangelt eigentlich alles. Sollte ich ein unglücklicher Mensch sein? Sollte ich
ungewöhnliche Anlagen besitzen? Sollte es eine Art Krankheit sein, sich
beständig, wie ich es tue, mit solchen Fragen abzugeben? Jedenfalls ist es eine
nicht ganz normale Sache. Heute bin ich wieder zehn Minuten zu spät in die
Bank gekommen. Ich komme nicht mehr dazu, zur rechten Zeit anzutreten, wie
andere. Ich sollte eigentlich ganz allein auf der Welt sein, ich, Helbling, und
sonst kein anderes lebendes Wesen. Keine Sonne, keine Kultur, ich nackt auf
einem hohen Stein, kein Sturm, nicht einmal eine Welle, kein Wasser, kein Wind,
keine Straßen, keine Banken, kein Geld, keine Zeit und kein Atem. Ich würde
dann jedenfalls nicht mehr Angst haben. Keine Angst mehr und keine Fragen,
und ich würde auch nicht mehr zu spät kommen. Ich könnte die Vorstellung
haben, daß ich im Bett läge, ewig im Bett. Das wäre vielleicht das Schönste!