Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 25 von 126

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Kleine Dichtungen

Helblings Geschichte

 

Ich heiße Helbling und erzähle hier meine Geschichte selbst, da sie sonst

wahrscheinlich von niemandem aufgeschrieben würde. Heutzutage, wo die

Menschheit raffiniert geworden ist, kann es keine besonders kuriose Sache mehr

sein, wenn einer, wie ich, sich hinsetzt und anfängt, an seiner eigenen Geschichte

zu schreiben. Sie ist kurz, meine Geschichte, denn ich bin noch jung, und sie

wird nicht zu Ende geschrieben, denn ich habe voraussichtlich noch lange zu

leben. Das Hervorstechende an mir ist, daß ich ein ganz, beinahe übertrieben

gewöhnlicher Mensch bin. Ich bin einer der Vielen, und das gerade finde ich so

seltsam. Ich finde die Vielen seltsam, und denke immer: »Was machen, was

treiben sie nur alle?« Ich verschwinde förmlich unter der Masse dieser Vielen.

Wenn ich mittags, wenn es zwölf Uhr schlägt, von der Bank, wo ich beschäftigt

bin, nach Hause eile, so eilen sie alle mit, einer sucht den andern zu überholen,

einer will längere Schritte nehmen als der andere, und doch denkt man dabei:

»Es kommen doch alle nach Hause.« In der Tat kommen sie alle nach Hause,

denn es ist kein ungewöhnlicher Mensch unter ihnen, dem es arrivieren könnte,

daß er den Weg nicht mehr fände nach Hause. Ich bin mittelgroß von Gestalt und

habe deshalb Gelegenheit, mich zu freuen, darüber, daß ich weder

hervorstechend klein, noch herausplatzend groß bin. Ich habe so das Maß, wie

man auf schriftdeutsch sagt. Wenn ich zu Mittag esse, denke ich immer, ich

könnte eigentlich anderswo, wo es vielleicht fideler zuginge am Eßtisch, ebenso

gut, oder noch feiner essen, und denke dann darüber nach, wo das wohl sein

könnte, wo die lebhaftere Unterhaltung mit dem besseren Essen verbunden wäre.

Ich lasse alle Stadtteile und alle Häuser, die ich kenne, in meiner Erinnerung

vorübergehen, bis ich etwas ausfindig gemacht habe, das etwas für mich sein

könnte. Im allgemeinen halte ich sehr viel auf meine Person, ja, ich denke

eigentlich nur an mich, und bin immer darauf bedacht, es mir so gut gehen zu

lassen, wie nur irgend denkbar. Da ich ein Mensch aus guter Familie bin, mein

Vater ist ein angesehener Kaufmann in der Provinz, so finde ich leicht an den

Dingen, die sich mir nähern wollen, und denen ich auf den Leib rücken soll,

allerlei auszusetzen, zum Beispiel: es ist mir alles zu wenig fein. Ich habe stets die Empfindung, daß an mir etwas Kostbares, Empfindsames und

Leichtzerbrechliches ist, das geschont werden muß, und halte die andern für

lange nicht so kostbar und feinfühlig. Wieso das nur kommen mag! Es ist

gerade, als wäre man zu wenig grob geschnitzt für dieses Leben. Es ist jedenfalls

ein Hemmnis, das mich hindert, mich auszuzeichnen, denn wenn ich

beispielsweise einen Auftrag erledigen soll, so besinne ich mich immer erst eine

halbe Stunde, manchmal auch eine ganze! Ich überlege und träume so vor mich

hin: »Soll ich es anpacken, oder soll ich noch zögern, es anzupacken!«, und

unterdessen, ich fühle das, werden schon einige meiner Kollegen bemerkt haben,

daß ich ein träger Mensch bin, während ich doch nur als zu empfindsam gelten

kann. Ach, man wird so falsch beurteilt. Ein Auftrag erschreckt mich immer,

veranlaßt mich, mit meiner flachen Hand strichweise über den Pultdeckel zu

fahren, bis ich entdecke, daß ich höhnisch beobachtet werde, oder ich tätschle

mir mit der Hand die Wangen, greife mich unter das Kinn, fahre mir über die

Augen, reibe die Nase und streiche die Haare von der Stirne weg, als ob dort

meine Aufgabe läge, und nicht auf dem Bogen Papier, der vor mir, auf dem Pult,

ausgebreitet liegt. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt, und dennoch glaube

ich zuversichtlich, daß ich es mit jedem Beruf so hätte, so machen würde und

verderben würde. Ich genieße, infolge meiner vermeintlichen Trägheit, wenig

Achtung. Man nennt mich einen Träumer und Schlafpelz. O, die Menschen sind

darin talentvoll, einem ungebührliche Titel anzuhängen. Es ist allerdings wahr:

die Arbeit liebe ich nicht besonders, weil ich mir immer einbilde, sie beschäftige

und locke zu wenig meinen Geist. Das ist auch wieder so ein Punkt. Ich weiß

nicht, ob ich Geist besitze, und ich darf es kaum glauben, denn ich habe bereits

öfters die Überzeugung gewonnen, daß ich mich jedesmal dumm anstelle, wenn

man mir einen verstand- und scharfsinnfordernden Auftrag gibt. Das macht mich

in der Tat stutzig, und veranlaßt mich darüber nachzudenken, ob ich zu den

seltsamen Menschen gehöre, die nur klug sind, wenn sie es sich einbilden, und

aufhören, klug zu sein, sobald sie zeigen sollten, daß sie es wirklich sind. Es

fallen mir eine Menge intelligenter, schöner, spitzfindiger Sachen ein, aber

sobald ich sie in Anwendung bringen soll, versagen sie mir und verlassen mich,

und ich stehe dann da wie ein ungelehriger Lehrjunge. Deshalb mag ich meine

Arbeit nicht gern, weil sie mir einesteils zu wenig geistvoll ist und mir

andersteils sogleich über den Kopf hinauswächst, sobald sie den Anstrich des

Geistvollen erhält. Wo ich nicht denken soll, da denke ich immer, und wo ich

verpflichtet wäre, es zu tun, kann ich es nicht. Aus diesem zwiespältigen Grunde

verlasse ich auch den Bureausaal immer einige Minuten vor zwölf und komme

immer erst einige Minuten später als die andern an, was mir schon einen

ziemlich schlechten Ruf eingetragen hat. Aber es ist mir so gleichgültig, so unsäglich gleichgültig, was sie von mir sagen. Ich weiß zum Beispiel sehr wohl,

daß sie mich für einen Schafskopf ansehen, aber ich fühle, daß wenn sie ein

Recht zu dieser Annahme haben, ich sie daran nicht verhindern kann. Ich sehe

auch wirklich etwas schafsköpfisch aus in meinem Gesicht, Betragen, Gang,

Sprechen und Wesen. Es ist kein Zweifel, daß ich, um ein Beispiel

herauszunehmen, in den Augen einen etwas blödsinnigen Ausdruck habe, der die

Menschen leicht irreführt und ihnen eine geringe Meinung von meinem Verstand

gibt. Mein Wesen hat viel Läppisches und dazu noch Eitles an sich, meine

Stimme klingt sonderbar, so als wüßte ich selber, der Sprecher, nicht, daß ich

rede, wenn ich rede. Etwas Verschlafenes, Noch-nicht-ganz-Aufgewecktes haftet

mir an, und daß es bemerkt wird, habe ich bereits aufgezeichnet. Mein Haar

streiche ich immer ganz glatt auf dem Kopf, das erhöht vielleicht noch den

Eindruck trotziger und hilfloser Dummheit, den ich mache. Dann stehe ich so da,

am Pult, und kann halbstundenlang in den Saal, oder zum Fenster hinausglotzen.

Die Feder, mit der ich schreiben sollte, halte ich in der untätigen Hand. Ich stehe

und trete von einem Fuß auf den andern, da mir eine größere Beweglichkeit

nicht gestattet ist, sehe meine Kollegen an und begreife gar nicht, daß ich in

ihren Augen, die zu mir hinüberschielen, ein erbärmlicher, gewissenloser

Faulenzer bin, lächle, wenn mich einer ansieht, und träume, ohne zu sinnen.

Wenn ich das könnte: Träumen! Nein, ich habe keine Vorstellung davon. Nicht

die mindeste! Ich denke mir immer, wenn ich einen Haufen Geld hätte, würde

ich nicht mehr arbeiten, und freue mich wie ein Kind darüber, daß ich dieses

denken konnte, wenn der Gedanke ausgedacht ist. Das Gehalt, das ich bekomme,

erscheint mir zu klein, und ich denke gar nicht daran, mir zu sagen, daß ich nicht

einmal so viel verdiene mit meinen Leistungen, trotzdem ich weiß, daß ich so

gut wie nichts leiste. Seltsam, ich habe gar nicht das Talent, mich einigermaßen

zu schämen. Wenn mich einer, zum Beispiel ein Vorgesetzter, anschnauzt, so bin

ich darüber im höchsten Grade empört, denn es verletzt mich, angeschnauzt zu

werden. Ich ertrage das nicht, obgleich ich mir sage, daß ich eine Rüge verdient

habe. Ich glaube, ich widersetze mich dem Vorwurf des Vorgesetzten deshalb,

damit ich das Gespräch mit ihm ein wenig in die Länge ziehen kann, vielleicht

eine halbe Stunde, dann ist doch wiederum eine halbe Stunde verstrichen,

während deren Verlauf ich mich wenigstens nicht gelangweilt habe. Wenn meine

Kollegen glauben, ich langweile mich, so haben sie allerdings recht, denn ich

langweile mich zum Entsetzen. Nicht die geringste Anregung! Mich langweilen,

und darüber nachsinnen, wie ich die Langeweile etwa unterbrechen könnte:

darin besteht eigentlich meine Beschäftigung. Ich vollbringe so wenig, daß ich

selber von mir denke: »Wirklich, du vollbringst nichts!« Oftmals kommt es über

mich, daß ich gähnen muß, ganz unabsichtlich, indem ich meinen Mund aufsperre, gegen die Höhe der Zimmerdecke, und dann mit der Hand nachfahre,

um langsam die Mundöffnung zu verdecken. Alsdann finde ich es für

angebracht, mit den Fingerspitzen meinen Schnurrbart zu drehen und etwa auf

das Pult zu klopfen, mit der Innenfläche eines meiner Finger, ganz wie in einem

Traum. Manchmal erscheint mir das alles wie ein unverständlicher Traum. Dann

bemitleide ich mich und möchte über mich weinen. Aber, wenn das Traumartige

verfliegt, möchte ich mich, der Länge und Breite nach, auf den Boden werfen,

möchte umstürzen, mir an einer Kante des Pultes recht weh tun, damit ich den

zeitvertreibenden Genuß eines Schmerzes empfinden könnte. Meine Seele ist

nicht ganz schmerzlos über meinen Zustand, denn ich vernehme manchmal,

wenn ich recht das Ohr spitze, darin einen leisen, klagenden Ton der Anklage,

ähnlich der Stimme meiner noch lebenden Mutter, die mich immer für etwas

Rechtes gehalten hat, im Gegensatz zum Vater, der da viel strengere Grundsätze

besitzt, als sie. Aber meine Seele ist mir ein zu dunkles und wertloses Ding, als

daß ich schätzte, was sie vernehmen läßt. Ich halte nichts von ihrem Ton. Ich

denke mir, daß man nur aus Langeweile auf das Gemurmel der Seele horcht.

Wenn ich im Bureau stehe, werden meine Glieder langsam zu Holz, das man

wünscht, anzünden zu können, damit es verbrenne: Pult und Mensch werden

Eines mit der Zeit. Die Zeit, das gibt mir immer zu denken. Sie vergeht schnell,

doch in all der Schnelligkeit scheint sie sich plötzlich zu krümmen, scheint zu

brechen, und dann ist es, als ob gar keine Zeit mehr da wäre. Manchmal hört

man sie rauschen wie eine Schar auffliegender Vögel, oder zum Beispiel im

Wald: da höre ich immer die Zeit rauschen, und das tut einem recht wohl, denn

dann braucht der Mensch nicht mehr zu denken. Aber es ist meistens anders: so

totenstill! Kann das ein Menschenleben sein, das man nicht spürt, sich vorwärts,

dem Ende zudrängen! Mein Leben scheint mir bis zu diesem Augenblick

ziemlich inhaltlos gewesen zu sein, und die Gewißheit, daß es inhaltlos bleiben

wird, gibt etwas Endloses, etwas, das einem befiehlt, einzuschlafen und nur noch

das Unumgänglichste zu verrichten. So tue ich es denn auch: ich tu nur so, als ob

ich eifrig schaffe, wenn ich den übelriechenden Atem meines Chefs hinter mir

spüre, der heranschleicht, um mich bei der Trägheit überraschen zu können.

Seine Luft, die er ausströmt, ist sein Verräter. Der gute Mann verschafft mir

immer eine kleine Abwechslung, deshalb mag ich ihn noch ganz wohl leiden.

Aber was veranlaßt mich denn eigentlich nur, so wenig meine Pflicht und meine

Vorschriften zu respektieren? Ich bin ein kleines, blasses, schüchternes,

schwaches, elegantes, zimperliches Kerlchen voll lebensuntüchtiger

Empfindsamkeiten und würde die Härte des Lebens, wenn es mir einmal schief

gehen sollte, nicht ertragen können. Kann mir der Gedanke, daß man mich aus

meiner Stellung entlassen wird, wenn ich so fortfahre, keine Furcht einjagen? Wie es scheint, nicht, und wie es wiederum scheint: wohl! Ich fürchte mich ein

bißchen, und fürchte mich wieder ein bißchen nicht. Vielleicht bin ich zur Furcht

zu unintelligent, ja, es scheint mir beinahe, als ob der kindliche Trotz, den ich

anwende, um mir vor meinen Mitmenschen Genugtuung zu verschaffen, ein

Zeichen von Schwachköpfigkeit ist. Aber, aber: es paßt wundervoll zu meinem

Charakter, der mir stets vorschreibt, mich ein wenig außergewöhnlich zu

benehmen, wenn auch zu meinem Nachteil. So zum Beispiel bringe ich, was

auch nicht statthaft ist, kleine Bücher ins Bureau, wo ich sie ausschneide und

lese, ohne eigentlich Genuß am Lesen zu haben. Aber es sieht wie die feine

Widerspenstigkeit eines gebildeten, mehr, als die andern sein wollenden

Menschen aus. Ich will eben immer mehr sein, und habe einen Jagdhundeifer

nach Auszeichnung. Wenn ich das Buch jetzt lese, und es tritt ein Kollege zu mir

heran mit der Frage, die vielleicht ganz am Platz ist: »Was lesen Sie da,

Helbling?«, so ärgert mich das, weil es in diesem Fall anständig ist, ein

ärgerliches Wesen zu zeigen, das den zutulichen Fragenden wegtreibt. Ich tue

ungemein wichtig, wenn ich lese, blicke mich nach allen Seiten nach Menschen

um, die mir zusehen, wie klug da einer seinen Geist und Witz ausbilde, schneide

mit prachtvoller Langsamkeit Seite für Seite aus, lese nicht einmal mehr,

sondern lasse es mir genügen, die Haltung eines in eine Lektüre Versunkenen

angenommen zu haben. So bin ich: schwindelköpfig und auf den Effekt

berechnet. Ich bin eitel, aber von einer merkwürdig billigen Zufriedenheit in

meiner Eitelkeit. Meine Kleider sind von plumpem Ansehen, aber ich bin eifrig

im Wechseln von Anzügen, denn es macht mir ein Vergnügen, den Kollegen zu

zeigen, daß ich mehrere Anzüge besitze und daß ich einigen Geschmack in der

Wahl von Farben habe. Grün trage ich gern, weil es mich an den Wald erinnert,

und Gelb trage ich an windigen, luftigen Tagen, weil es zum Wind und zum

Tanzen paßt. Es kann sein, daß ich mich darin irre, ich zweifle gar nicht daran,

denn wie oft ich mich am Tag irre, wird mir genugsam vorgehalten. Man glaubt

schließlich selber, daß man ein Einfaltspinsel ist. Aber was macht es aus, ob man

ein Tropf oder ein Mann von Achtung ist, da doch der Regen ebensogut auf

einen Esel wie auf eine respektable Erscheinung herabregnet. Und gar die

Sonne! Ich bin glücklich, in der Sonne, wenn es zwölf Uhr geschlagen hat, nach

Hause laufen zu dürfen, und wenn es regnet, spanne ich den üppigen, bauchigen

Regenschirm über mich, damit mein Hut, den ich sehr schätze, nicht naß wird.

Mit meinem Hut gehe ich sehr sanft um, und es scheint mir immer, wenn ich

meinen Hut noch berühren kann, in der zarten Weise, wie ich es gewohnt bin, so

sei ich immer noch ein ganz glücklicher Mensch. Besondere Freude macht es

mir, ihn, wenn es Feierabend geworden ist, sorgsam auf die Scheitel zu setzen.

Das ist mir immer der geliebte Abschluß eines jeden Tages. Mein Leben besteht ja aus lauter Kleinigkeiten, das wiederhole ich mir immer wieder, und das

kommt mir so wunderlich vor. Für große Ideale, die die Menschheit betreffen,

habe ich es nie passend gefunden, zu schwärmen, denn ich bin im Grunde mehr

kritisch als schwärmerisch veranlagt, wofür ich mir ein Kompliment mache. Ich

bin so einer, der es als herabsetzend empfindet, wenn er einem idealen Menschen

in langen Haaren, Sandalen an den nackten Beinen, Schurzfell um die Lenden

und Blumen im Haar begegnet. Ich lächle dann verlegen in solchen Fällen. Laut

lachen, was man doch am liebsten möchte, kann man nicht, auch ist es eigentlich

mehr zum Ärgerlich-werden, als zum Lachen, unter Menschen zu leben, die an

einer glatten Scheitel, wie ich sie trage, keinen Geschmack finden. Ich ärgere

mich eben gerne, deshalb ärgere ich mich, wo sich mir nur immer eine

Gelegenheit bietet. Ich mache öfters hämische Bemerkungen, und habe es doch

sicherlich wenig nötig, meine Bosheit an andern auszulassen, da ich doch genug

weiß, was es heißt, unter der Spottsucht anderer zu leiden. Aber das ist es ja: ich

mache gar keine Beobachtungen, nehme keine Lehren an und verfahre immer

noch so, wie an dem Tage, da ich aus der Schule entlassen wurde. Viel

Schulknabenhaftes klebt an mir und wird wahrscheinlich mein beständiger

Begleiter durchs Leben bleiben. Es soll solche Menschen geben, die gar keine

Spur von Besserungsfähigkeit und kein Talent besitzen, sich an der anderen

Benehmen auszubilden. Nein, ich bilde mich nicht, denn ich finde es unter

meiner Würde, mich dem Bildungsdrang hinzugeben. Außerdem bin ich schon

gebildet genug, um einen Stock mit einiger Manier in der Hand zu tragen und

eine Schleife um den Hemdkragen binden zu können und den Eßlöffel mit der

rechten Hand anzufassen und zu sagen, auf eine bezügliche Frage: »Danke, ja, es

war sehr hübsch gestern abend!« Was soll die Bildung viel aus mir machen?

Hand auf die Brust: ich glaube, da käme die Bildung ganz und gar an den

Unrichtigen. Ich strebe nach Geld und nach bequemen Würden, das ist mein

Bildungsdrang! Über einen Erdarbeiter komme ich mir furchtbar erhaben vor,

wenn er mich auch, wenn er wollte, mit dem Zeigefinger seiner linken Hand in

ein Erdloch, wo ich mich beschmutzen würde, hinabschleudern könnte. Kraft

und Schönheit an armen Menschen und in bescheidenem Gewande machen auf

mich keinen Eindruck. Ich denke immer, wenn ich solch einen Menschen sehe,

wie gut es unsereiner doch habe mit der überlegenen Weltstellung, einem solch

ausgearbeiteten Tropf gegenüber, und kein Mitleid beschleicht mein Herz. Wo

hätte ich ein Herz? Ich habe vergessen, daß ich eines habe. Gewiß ist das traurig,

aber wo fände ich es für angebracht, Trauer zu empfinden. Trauer empfindet

man nur, wenn man einen Geldverlust aufzuweisen hat, oder wenn einem der

neue Hut nicht recht passen will, oder wenn plötzlich die Werte auf der Börse

sinken, und dann muß man sich noch fragen, ob das Trauer ist oder nicht, und es ist bei näherem Zusehen keine, sondern nur ein angeflogenes Bedauern, das

verfliegt wie der Wind. Es ist, nein, wie kann ich mich da ausdrücken: es ist

wunderbar seltsam, so keine Gefühle zu haben, so gar nicht zu wissen, was ein

Empfinden ist. Gefühle, die die eigene Person betreffen, hat jeder, und das sind

im Grunde verwerfliche, der Gesamtheit gegenüber anmaßliche Gefühle. Aber

Gefühle für einen jeden? Wohl hat man bisweilen Lust, sich darüber zu befragen,

spürt etwas wie eine leise Sehnsucht danach, ein guter, bereitwilliger Mensch zu

werden, aber, wann käme man dazu? Etwa um sieben Uhr des Morgens, oder

sonst wann? Schon am Freitag und dann während des darauf folgenden ganzen

Samstages besinne ich mich darauf, was ich am Sonntage unternehmen könnte,

weil doch immer am Sonntag etwas unternommen werden muß. Allein gehe ich

selten. Gewöhnlich schließe ich mich einer Gesellschaft von jungen Leuten an,

wie sich eben einer anschließt, es geht ganz einfach, man geht einfach mit,

obschon man weiß, daß man ein ziemlich langweiliger Geselle ist. Ich fahre zum

Beispiel mit einem Dampfboot über den See, oder gehe zu Fuß in den Wald,

oder fahre mit der Eisenbahn an entferntere schöne Orte. Oft begleite ich junge

Mädchen zum Tanz, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß mich die

Mädchen gerne leiden mögen. Ich habe ein weißes Gesicht, schöne Hände, einen

eleganten, flatternden Frack, Handschuhe, Ringe an den Fingern, einen mit

Silber beschlagenen Stock, sauber gewichste Schuhe und ein zartes,

sonntägliches Wesen, eine so merkwürdige Stimme und etwas leis Verdrossenes

um den Mund, etwas, wofür ich selber kein Wort habe, das mich aber den jungen

Mädchen zu empfehlen scheint. Wenn ich spreche, klingt es, als ob ein Mann

von Gewicht spräche. Das Wichtigtuerische gefällt, da ist kein Zweifel zu hegen.

Was den Tanz betrifft, so tanze ich, wie einer, der eben erst Tanzunterricht

genommen und genossen hat: flott, zierlich, pünktlich, genau, aber zu schnell

und zu saftlos. Es ist Genauigkeit und Sprunghaftigkeit in meinem Tanz, aber

nur keine Grazie. Wie könnte ich der Grazie fähig sein! Aber ich tanze

leidenschaftlich gern. Wenn ich tanze, vergesse ich, daß ich Helbling bin, denn

ich bin dann nichts mehr als nur noch ein glückliches Schweben. Das Bureau mit

seinen mannigfaltigen Qualen würde mir keine Erinnerung zu Gesicht bringen.

Um mich herum sind gerötete Gesichter, Duft und Glanz von Mädchenkleidern,

Mädchenaugen blicken mich an, ich fliege: kann man sich seliger denken? Nun

habe ich es doch: einmal in dem Kreise der Woche vermag ich selig zu sein.

Eines der Mädchen, die ich stets begleite, ist meine Braut, aber sie behandelt

mich schlecht, schlechter, als mich die andern behandeln. Sie ist mir, wie ich

wohl bemerke, auch keineswegs treu, liebt mich wohl kaum, und ich, liebe ich

sie etwa? Ich habe viele Fehler an mir, die ich freimütig ausgesprochen habe,

aber hier scheinen mir alle meine Fehler und Mängel vergeben zu sein: ich liebe sie. Es ist mein Glück, daß ich sie lieben, und um ihretwillen oft verzagen darf.

Sie gibt mir ihre Handschuhe und ihren rosaseidenen Schirm zu tragen, wenn es

Sommer ist, und im Winter darf ich ihr im tiefen Schnee nachtrotteln, um ihr die

Schlittschuhe nachzutragen. Ich begreife die Liebe nicht, aber spüre sie. Gut und

böse sind doch nichts gegen die Liebe, die gar nichts anderes und übriges kennt,

als Liebe. Wie soll ich das sagen: so nichtswürdig und leer ich sonst immer bin,

so ist doch noch nicht alles verloren, denn ich bin wirklich der treuen Liebe

fähig, obschon ich zur Treulosigkeit Gelegenheit genug hätte. Ich fahre mit ihr

im Sonnenschein, unter dem blauen Himmel, in einem Nachen, den ich

vorwärtsrudere, auf dem See, und lächle sie immer an, während sie sich zu

langweilen scheint. Ich bin ja auch ein ganz langweiliger Kerl. Ihre Mutter hat

eine kleine, armselige, etwas verrufene Arbeiterkneipe, wo ich Sonntage lang

zubringen kann mit Sitzen, Schweigen und sie-Ansehen. Manchmal beugt sich

auch ihr Gesicht zu dem meinigen hinunter, um mich einen Kuß ihr auf den

Mund drücken zu lassen. Sie hat ein süßes, süßes Gesicht. An ihrer Wange

befindet sich eine alte, vernarbte Schramme, was ihren Mund ein wenig verzerrt,

aber ins Süße. Augen hat sie ganz kleine, mit denen sie einen so listig anblinzelt,

als wollte sie sagen: »Dir will ich es auch noch zeigen!« Oft setzt sie sich zu mir

auf das schäbige, harte Wirtshaussofa, und flüstert mir ins Ohr, daß es doch

schön sei, verlobt zu sein. Ich weiß selten etwas zu ihr zu sagen, denn ich fürchte

immer, daß es nicht passend wäre, so schweige ich, und wünsche doch heftig, zu

ihr etwas zu sprechen. Einmal hat sie mir ihr kleines, duftendes Ohr an meine

Lippen gereicht: Ob ich ihr nichts zu sagen hätte, das man nur flüstern könne?

Ich sagte zitternd, daß ich nichts wüßte, und da hat sie mir eine Ohrfeige

gegeben und hat dazu gelacht, aber nicht freundlich, sondern kalt. Mit ihrer

Mutter und ihrer kleinen Schwester steht sie nicht gut und will nicht haben, daß

ich der Kleinen Freundlichkeiten erweise. Ihre Mutter hat eine rote Nase vom

Trinken, und ist ein lebhaftes, kleines Weib, das sich gern zu den Männern an

den Tisch setzt. Aber meine Braut setzt sich auch zu den Männern. Sie hat mir

einmal leise gesagt: »Ich bin nicht mehr keusch,« in einem Ton der

Natürlichkeit, und ich habe nichts dagegen einzuwenden gehabt. Was wäre es

gewesen, was ich ihr dazu hätte sagen können. Andern Mädchen gegenüber habe

ich einen gewissen Schneid, sogar Wortwitz, aber bei ihr sitze ich stumm und

sehe sie an und verfolge jede ihrer Manieren mit meinen Augen. Ich sitze

jedesmal so lang, bis die Wirtschaft geschlossen werden muß, oder noch länger,

bis sie mich nach Hause schickt. Wenn die Tochter nicht da ist, setzt sich ihre

Mutter zu mir an den Tisch und versucht, die Abwesende in meinen Augen

schlecht zu machen. Ich wehre nur so mit der Hand ab und lächle dazu. Die

Mutter haßt ihre Tochter, und es liegt auf der Hand, daß sie sich beide hassen, denn sie sind sich im Wege mit ihren Absichten. Beide wollen einen Mann

haben, und beide mißgönnen einander den Mann. Wenn ich abends so auf dem

Sofa sitze, merken es alle Leute, die in der Kneipe verkehren, daß ich der

Bräutigam bin, und jeder will an mich wohlwollende Worte richten, was mir

ziemlich gleichgültig ist. Das kleine Mädchen, das noch in die Schule geht, liest

neben mir in ihren Büchern, oder sie schreibt große, lange Buchstaben in ihr

Schreibheft und reicht es mir immer dar, um mich das Geschriebene durchsehen

zu lassen. Sonst habe ich nie auf so kleine Geschöpfe geachtet, und nun mit

einem Male sehe ich ein, wie interessant jedes kleine, aufwachsende Geschöpf

ist. Daran ist meine Liebe zu der andern schuld. Man wird besser und

aufgeweckter durch eine ehrliche Liebe. Im Winter sagt sie zu mir: »Du, es wird

schön sein im Frühling, wenn wir zusammen durch die Gartenwege spazieren

werden,« und im Frühling sagt sie: »Es ist langweilig mit dir.« Sie will in einer

großen Stadt verheiratet sein, denn sie will noch etwas haben vom Leben. Die

Theater und Maskenbälle, schöne Kostüme, Wein, lachende Unterhaltung,

fröhliche, erhitzte Menschen, das liebt sie, dafür schwärmt sie. Ich schwärme

eigentlich auch dafür, aber wie das sich alles machen soll, weiß ich nicht. Ich

habe ihr gesagt: »Vielleicht verliere ich auf nächsten Winter meine Stellung!«

Da hat sie mich groß angeschaut und mich gefragt: »Warum?« Was hätte ich ihr

für eine Antwort geben sollen? Ich kann ihr doch nicht meine ganze

Charakteranlage in einem Atem herunterschildern. Sie würde mich verachten.

Bis jetzt meint sie immer, daß ich ein Mann sei von einiger Tüchtigkeit, ein

Mann, allerdings ein etwas komischer und langweiliger, aber doch ein Mann, der

seine Stellung in der Welt habe. Wenn ich ihr nun sage: »Du irrst dich, meine

Stellung ist eine äußerst schwankende,« so hat sie keinen Grund, weiter meinen

Umgang zu wünschen, da sie doch alle ihre Hoffnungen in bezug auf mich

zerstört sieht. Ich lasse es gehen, ich bin ein Meister darin, eine Sache schlitteln

zu lassen, wie man zu sagen pflegt. Vielleicht, wenn ich Tanzlehrer oder

Restaurateur oder Regisseur wäre, oder sonst irgendeinen Beruf hätte, der mit

dem Vergnügen der Menschen zusammenhängt, würde ich Glück haben, denn

ich bin so ein Mensch, so ein tänzelnder, schwebender, beineherumwerfender,

leichter, flotter, leiser, sich stets verbückender und zartempfindender, der Glück

hätte, wenn er Wirt, Tänzer, Bühnenleiter oder so etwas wie Schneider wäre.

Wenn ich Gelegenheit habe, ein Kompliment zu machen, bin ich glücklich. Läßt

das nicht tief blicken? Ich bringe sogar da Verneigungen an, wo es gar nicht

üblich ist, oder wo nur Scharwenzler und Dummköpfe sich verbeugen, so sehr

bin ich in die Sache verliebt. Für eine ernste Mannesarbeit habe ich weder einen

Geist noch eine Vernunft, noch Ohr, noch Auge und Sinn. Es ist mir das mir am

fernsten Liegende, was es auf der Welt geben könnte. Ich will Profit machen, aber es soll mich nur ein Zwinkern mit den Augen, höchstens ein faules

Handausstrecken kosten. Sonst ist Scheu vor der Arbeit an Männern etwas nicht

ganz Natürliches, aber mich kleidet es, mir paßt es, wenn es auch ein trauriges

Kleid ist, das mir da so vorzüglich paßt, und wenn der Schnitt des Kleides auch

ein erbärmlicher ist: warum sollte ich nicht sagen: »Es sitzt mir,« wenn doch

jedes Menschenauge sieht, daß es mir faltenlos sitzt. Die Scheu vor der Arbeit!

Aber ich will nichts mehr darüber sagen. Ich meine übrigens immer, das Klima,

die feuchte Seeluft, sei schuld daran, daß ich nicht zum Arbeiten komme, und

suche jetzt, gedrängt von dieser Erkenntnis, Stellung im Süden, oder in den

Bergen. Ich könnte ein Hotel dirigieren, oder eine Fabrik leiten, oder die Kasse

einer kleineren Bank verwalten. Eine sonnige, freie Landschaft müßte imstande

sein, in mir Talente zu entwickeln, die bis jetzt in mir geschlafen haben. Eine

Südfruchthandlung wäre auch nichts übles. Auf jeden Fall bin ich ein Mensch,

der immer meint, durch eine äußerliche Veränderung innerlich ungeheuer zu

gewinnen. Ein anderes Klima würde auch eine andere Mittagstafel erzeugen, und

das ist es vielleicht, was mir fehlt. Bin ich eigentlich krank? Mir fehlt so viel,

mir mangelt eigentlich alles. Sollte ich ein unglücklicher Mensch sein? Sollte ich

ungewöhnliche Anlagen besitzen? Sollte es eine Art Krankheit sein, sich

beständig, wie ich es tue, mit solchen Fragen abzugeben? Jedenfalls ist es eine

nicht ganz normale Sache. Heute bin ich wieder zehn Minuten zu spät in die

Bank gekommen. Ich komme nicht mehr dazu, zur rechten Zeit anzutreten, wie

andere. Ich sollte eigentlich ganz allein auf der Welt sein, ich, Helbling, und

sonst kein anderes lebendes Wesen. Keine Sonne, keine Kultur, ich nackt auf

einem hohen Stein, kein Sturm, nicht einmal eine Welle, kein Wasser, kein Wind,

keine Straßen, keine Banken, kein Geld, keine Zeit und kein Atem. Ich würde

dann jedenfalls nicht mehr Angst haben. Keine Angst mehr und keine Fragen,

und ich würde auch nicht mehr zu spät kommen. Ich könnte die Vorstellung

haben, daß ich im Bett läge, ewig im Bett. Das wäre vielleicht das Schönste!