Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 30 von 126

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Kleine Dichtungen

Der nächtliche Aufstieg

 

Alles war mir so seltsam, so, als hätte ich es nie gesehen und sähe es zum

erstenmal im Leben. Ich fuhr mit der Eisenbahn durch ein Gebirge. Es war

Abend, und die Sonne war so schön. Die Berge kamen mir so groß vor, so

gewaltig, und sie waren es auch. Durch Höhe und Tiefe wird ein Land reich und

groß, es gewinnt an Raum. Verschwenderisch mutete mich die Bergnatur an mit

den hochaufragenden Felsgebilden und mit den hochaufschießenden schönen

dunklen Wäldern. Ich sah die schmalen Wege sich um die Berge schlängeln, so

anmutig, so poesiereich. Der Himmel war klar und hoch, und auf den Wegen

gingen Männer und Frauen. An den Halden standen so schön, so still die Häuser.

Ein Gedicht schien mir das Ganze, ein altes herrliches Gedicht, ewig neu durch

lebendiges Fortdauern. Dann wurde es dunkler. Bald schimmerten die Sterne in

die tiefe schwarze Schlucht hinab, und ein glänzend weißer Mond trat an den

Himmel. Schneeweiß war die Straße, die durch die Schluchten lief. Eine tiefe

Freude bemächtigte sich meiner. Ich war glücklich, daß ich in den Bergen war.

Und die reine frische, kalte Luft. Wie herrlich war sie. Ich atmete sie mit

Leidenschaft ein. So fuhr der Zug langsam weiter, und endlich stieg ich aus. Ich

gab meine Sachen ab und schritt nun zu Fuß weiter, hinaus in die Berge. Es war

so hell und zugleich so schwarz. Die Nacht war göttlich. Hohe Tannen ragten vor

mir auf, Quellen hörte ich gurgeln und murmeln, das war eine so köstliche

Melodie, ein so geheimnisvolles Sagen und Singen. Ich sang selber ein Lied in

die Nacht hinein, während ich auf der hellen Straße immer höher stieg. Es kam

ein Dorf, und dann ging es durch einen ganz finstern Wald. Ich stieß mit dem

Fuß gegen Wurzeln und Steine, und da ich den geraden Weg verloren hatte, stieß

ich oft auch den Wandererkopf an Bäume hart an. Ich mußte aber nur lachen

darüber. O wie prächtig war dieser erste nächtliche Aufstieg. Alles so still. Es lag

etwas Heiliges über allem. Der Anblick der schwarzen Tannen freute mich tief.

Mitternacht war es, als ich oben im Hochtale vor dem kleinen dunklen Hause

anlangte, im Fenster war Licht. Es wartete jemand auf mich. Wie ist das doch

schön, in stiller rauschender Nacht in einer hochgelegenen Natureinöde

anzulangen, zu Fuß, gleich einem wild daherfahrenden Handwerksgesellen und zu wissen, daß man von jemand Liebem erwartet wird. Ich klopfte. Ein Hund

fing an zu bellen, daß es weithin hallte. Ich hörte, daß jemand die Treppe eilig

hinunter zu laufen kam. Die Tür wurde geöffnet. Jemand hielt mir die Lampe

oder Laterne vor das Gesicht. Man erkannte mich, o das war schön, das war so

schön – –