Kleine Dichtungen
Fußwanderung
Wie war der Mond auf dieser Wanderung schön, und wie blitzten und
liebäugelten die guten, zarten Sterne aus dem hohen Himmel auf den
stürmischen ungeduldigen Fußgänger herab, der da fleißig weiter und weiter
marschierte. War er ein Dichter, der da von dem leuchtenden Tag in den sanften
blassen Abend hineinlief? Wie? Oder war es ein Vagabund? Oder war er beides?
Gleichviel, gleichviel: Glücklich war er und bestürmt von beunruhigendem
Sehnen. Das Sehnen und Suchen, das Niebefriedigtsein und der Durst nach
Schönheit trieben ihn vorwärts, und hinter, weit hinter ihm schlummerten die
bilderreichen Erinnerungen. Was hinter ihm lag, ging ihm durch den
Wanderkopf, und was Unbekanntes vor ihm lag, zog wie Musik durch seine
begierige Seele. Die Sonne brannte, und der Himmel war blau, und der blaue
weite große Himmel schien sich immer mehr auszudehnen, als werde, was groß
sei, immer größer, und was schön sei, immer schöner, und was unaussprechlich
sei, immer unermeßlicher, unendlicher und unaussprechlicher. Aus golden-
dunklen, dämonisch blitzenden Abgründen duftete edle wilde Romantik herauf,
und Zaubergärten schienen rechts und links von der Landstraße zu liegen,
lockend mit reifen, süßen, schönfarbenen Früchten, lockend mit geheimnisvollen
unbeschreiblichen Genüssen, die die Seele schon schmelzen und schwelgen
machen im bloßen flüchtig-zuckenden Gedanken. O was war das für ein lustiges,
tanzendes Marschieren, und dazu zwitscherten die Vögel, daß das Ohr am
Gesang noch lange hing, wenn es von dem Herrlichen schon nichts mehr hörte,
daß das Herz meinte aus dem Leib heraustreten und in den Himmel
hinauffliegen zu müssen. Dörfer wechselten mit weiten Wiesen, Wiesen mit
Wäldern und Hügel mit Bergen ab, und wenn der Abend kam, wie wurde da
nach und nach alles leiser und leiser. Schöne Frauen traten aus dem Düster,
Geflüster und Dunkel groß hervor und grüßten mit stiller, königinnen- und
kaiserinnengleicher Gebärde den Wanderer. Und wie war es doch erst in den
stillen, von der heißen mittäglichen Sonne beschienenen und verzauberten
Dörfern, wo das heimelige Pfarrhaus stand in der grünen rätselhaften Gasse, und
die Leute dastanden mit großgeöffneten, erstaunten und sorgsam forschenden und fragenden Augen. Wunderbar war das Einkehren in das Gasthaus und das
Schlafen im sauberen, nach frischem Bettzeug duftenden Gasthausbett. Das
Zimmer roch zum Entzücken nach reifen Äpfeln, und am frühen Morgen stellte
sich der Wanderbursche an das offene Fenster und schaute in die bläulich-
goldene, grüne und weiße Morgenlandschaft hinaus und atmete die süße
Morgenluft in seine wildbewegte Brust hinein, von all der Schönheit, die er sah,
überwältigt. Wieder und wieder wanderte er weiter, mit heiteren und mit
düsteren Gedanken, unter dem Tag- und unter dem Nachthimmel, unter der
Sonne und unter dem Mond, unter schmerzenden und unter glücklich lächelnden
Gefühlen. Ach, und wie schmeckten ihm Käs und Brot und die zwiebelbelegte
köstliche, ländlich zubereitete Bratwurst. Denn wenn dem rüstigen
Wandersmann das Essen nicht schmeckt, wem sonst soll es dann noch
schmecken?