Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 10 von 126

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Kleine Dichtungen

Fußwanderung

 

Wie war der Mond auf dieser Wanderung schön, und wie blitzten und

liebäugelten die guten, zarten Sterne aus dem hohen Himmel auf den

stürmischen ungeduldigen Fußgänger herab, der da fleißig weiter und weiter

marschierte. War er ein Dichter, der da von dem leuchtenden Tag in den sanften

blassen Abend hineinlief? Wie? Oder war es ein Vagabund? Oder war er beides?

Gleichviel, gleichviel: Glücklich war er und bestürmt von beunruhigendem

Sehnen. Das Sehnen und Suchen, das Niebefriedigtsein und der Durst nach

Schönheit trieben ihn vorwärts, und hinter, weit hinter ihm schlummerten die

bilderreichen Erinnerungen. Was hinter ihm lag, ging ihm durch den

Wanderkopf, und was Unbekanntes vor ihm lag, zog wie Musik durch seine

begierige Seele. Die Sonne brannte, und der Himmel war blau, und der blaue

weite große Himmel schien sich immer mehr auszudehnen, als werde, was groß

sei, immer größer, und was schön sei, immer schöner, und was unaussprechlich

sei, immer unermeßlicher, unendlicher und unaussprechlicher. Aus golden-

dunklen, dämonisch blitzenden Abgründen duftete edle wilde Romantik herauf,

und Zaubergärten schienen rechts und links von der Landstraße zu liegen,

lockend mit reifen, süßen, schönfarbenen Früchten, lockend mit geheimnisvollen

unbeschreiblichen Genüssen, die die Seele schon schmelzen und schwelgen

machen im bloßen flüchtig-zuckenden Gedanken. O was war das für ein lustiges,

tanzendes Marschieren, und dazu zwitscherten die Vögel, daß das Ohr am

Gesang noch lange hing, wenn es von dem Herrlichen schon nichts mehr hörte,

daß das Herz meinte aus dem Leib heraustreten und in den Himmel

hinauffliegen zu müssen. Dörfer wechselten mit weiten Wiesen, Wiesen mit

Wäldern und Hügel mit Bergen ab, und wenn der Abend kam, wie wurde da

nach und nach alles leiser und leiser. Schöne Frauen traten aus dem Düster,

Geflüster und Dunkel groß hervor und grüßten mit stiller, königinnen- und

kaiserinnengleicher Gebärde den Wanderer. Und wie war es doch erst in den

stillen, von der heißen mittäglichen Sonne beschienenen und verzauberten

Dörfern, wo das heimelige Pfarrhaus stand in der grünen rätselhaften Gasse, und

die Leute dastanden mit großgeöffneten, erstaunten und sorgsam forschenden und fragenden Augen. Wunderbar war das Einkehren in das Gasthaus und das

Schlafen im sauberen, nach frischem Bettzeug duftenden Gasthausbett. Das

Zimmer roch zum Entzücken nach reifen Äpfeln, und am frühen Morgen stellte

sich der Wanderbursche an das offene Fenster und schaute in die bläulich-

goldene, grüne und weiße Morgenlandschaft hinaus und atmete die süße

Morgenluft in seine wildbewegte Brust hinein, von all der Schönheit, die er sah,

überwältigt. Wieder und wieder wanderte er weiter, mit heiteren und mit

düsteren Gedanken, unter dem Tag- und unter dem Nachthimmel, unter der

Sonne und unter dem Mond, unter schmerzenden und unter glücklich lächelnden

Gefühlen. Ach, und wie schmeckten ihm Käs und Brot und die zwiebelbelegte

köstliche, ländlich zubereitete Bratwurst. Denn wenn dem rüstigen

Wandersmann das Essen nicht schmeckt, wem sonst soll es dann noch

schmecken?