Kleine Dichtungen
Die Schneiderin
In einem alten, wenn nicht gar uralten Haus in der Obergasse wohnte, wie
man mir erzählte, eine junge hübsche Frau, Schneiderin ihres Lebenszweckes
und Berufes. Sie bewohnte ein großes, saalartiges Gemach, welches nach
unserer Meinung eher als Versammlungslokal für gelehrte Häupter, Stadträte und
mehr derlei Personen denn als Wohnzimmer für eine lebenslustige und zierliche
Frau gepaßt haben würde. Die jugendliche Modekünstlerin vermochte des
Nachts in ihrem Bett kaum einzuschlafen. Leser, wie hättest du es? Möchtest du
in solch einem schaurigen, traurigen, alten Zimmer leben? Gewiß könntest auch
du dort keinen rechten Schlaf finden. Das Zimmer war so groß, die Stille, die in
dem Zimmer herrschte, war so sonderbar, und die Finsternis so dick,
geheimnisvoll und unergründlich. Du hättest deinen Finger können in die
Dunkelheit stecken wie in eine Art dicker schwarzer Milch, so dickfinster war
die unheimliche Stube. Wie von aller gesitteter und gebildeter Welt verlassen,
lag in den langen zweideutigen finsteren Nächten die junge schöne Frau da, sie
kam sich so hilflos und schutzlos vor, und es war ihr stets zumute, als solle sich
etwas Schreckliches, Entsetzliches und Ungeheuerliches zutragen. Ihr Zimmer
erschien ihr wie eine Totengruft, und wenn sie ins Bett stieg, flüsterten ihr die
ängstlichen Einbildungen ins Ohr, daß sie in einen Sarg hineinsteige. Eines
Nachts, mitten in der totenstillen, unaussprechlich ruhigen Mitternacht, erwachte
die Schneiderin; ein Geräusch war in all der Geräuschlosigkeit vernehmbar,
deutlich, oh, nur zu deutlich hörte sie es, und indem sie es hörte, meinte sie,
ihren Verstand vor Schreck verlieren zu müssen. Es blätterte jemand in der
Finsternis in ihrem Modejournal. Die Frau, die sich im Bett aufgerichtet hatte,
wollte laut aufschreien vor Angst, doch die Angst selber unterdrückte den
Angstschrei, das Entsetzen selber weigerte sich, den Schrei des Entsetzens
auszustoßen. Der Schrecken selber, wie ein entarteter Vater, erstickte seinen
Sohn, den Schreckensschrei. Stelle dir das vor, lieber Leser, und jetzt stelle dir
vor, wie es zu der Schneiderin in das Bett hineinstieg. Es war der Tod, der in
stiller Mitternacht die junge Frau besuchte, um sie mit seinen eisigen Armen zu
umfassen, um sie zu küssen mit seinen fürchterlichen Küssen. Am anderen Morgen, da jemand zur Schneiderin kam, fand er sie tot. Sie lag tot im Bett.