Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 57 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Schneiderin

 

In einem alten, wenn nicht gar uralten Haus in der Obergasse wohnte, wie

man mir erzählte, eine junge hübsche Frau, Schneiderin ihres Lebenszweckes

und Berufes. Sie bewohnte ein großes, saalartiges Gemach, welches nach

unserer Meinung eher als Versammlungslokal für gelehrte Häupter, Stadträte und

mehr derlei Personen denn als Wohnzimmer für eine lebenslustige und zierliche

Frau gepaßt haben würde. Die jugendliche Modekünstlerin vermochte des

Nachts in ihrem Bett kaum einzuschlafen. Leser, wie hättest du es? Möchtest du

in solch einem schaurigen, traurigen, alten Zimmer leben? Gewiß könntest auch

du dort keinen rechten Schlaf finden. Das Zimmer war so groß, die Stille, die in

dem Zimmer herrschte, war so sonderbar, und die Finsternis so dick,

geheimnisvoll und unergründlich. Du hättest deinen Finger können in die

Dunkelheit stecken wie in eine Art dicker schwarzer Milch, so dickfinster war

die unheimliche Stube. Wie von aller gesitteter und gebildeter Welt verlassen,

lag in den langen zweideutigen finsteren Nächten die junge schöne Frau da, sie

kam sich so hilflos und schutzlos vor, und es war ihr stets zumute, als solle sich

etwas Schreckliches, Entsetzliches und Ungeheuerliches zutragen. Ihr Zimmer

erschien ihr wie eine Totengruft, und wenn sie ins Bett stieg, flüsterten ihr die

ängstlichen Einbildungen ins Ohr, daß sie in einen Sarg hineinsteige. Eines

Nachts, mitten in der totenstillen, unaussprechlich ruhigen Mitternacht, erwachte

die Schneiderin; ein Geräusch war in all der Geräuschlosigkeit vernehmbar,

deutlich, oh, nur zu deutlich hörte sie es, und indem sie es hörte, meinte sie,

ihren Verstand vor Schreck verlieren zu müssen. Es blätterte jemand in der

Finsternis in ihrem Modejournal. Die Frau, die sich im Bett aufgerichtet hatte,

wollte laut aufschreien vor Angst, doch die Angst selber unterdrückte den

Angstschrei, das Entsetzen selber weigerte sich, den Schrei des Entsetzens

auszustoßen. Der Schrecken selber, wie ein entarteter Vater, erstickte seinen

Sohn, den Schreckensschrei. Stelle dir das vor, lieber Leser, und jetzt stelle dir

vor, wie es zu der Schneiderin in das Bett hineinstieg. Es war der Tod, der in

stiller Mitternacht die junge Frau besuchte, um sie mit seinen eisigen Armen zu

umfassen, um sie zu küssen mit seinen fürchterlichen Küssen. Am anderen Morgen, da jemand zur Schneiderin kam, fand er sie tot. Sie lag tot im Bett.