Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 27 von 126

PDF-Seiten

Kleine Dichtungen

Spazieren

 

Es ging einer spazieren. Er hätte in die Eisenbahn steigen und in die Ferne

reisen können, doch er wollte nur in die Nähe wandern. Das Nahe kam ihm

bedeutender vor als das bedeutende und wichtige Ferne. Demnach also kam ihm

das Unbedeutende bedeutend vor. Das mag man ihm wohl gönnen. Er hieß

Tobold, doch ob er nun so hieß oder anders, so besaß er jedenfalls wenig Geld in

der Tasche und lustigen Mut im Herzen. So ging er hübsch langsam vorwärts, er

war kein Freund übergroßer Schnelligkeit. Die Hast verachtete er; mit dem

stürmischen Eilen wäre er nur in ein Schwitzen gekommen. Wozu das, dachte er,

und er marschierte bedächtig, sorgfältig, artig und mäßig. Die Schritte, die er

machte, waren gemessen und wohlabgewogen, und das Tempo enthielt eine

sehenswerte Behaglichkeit, die Sonne brannte schön heiß, worüber sich Tobold

aufrichtig und ehrlich freute. Zwar hätte er auch Regen gerne hingenommen. Er

würde dann einen Regenschirm aufgespannt haben und säuberlich unter dem

Regen marschiert sein. Er sehnte sich sogar ein bißchen nach Nässe, aber da

Sonne schien, war er mit Sonne einverstanden. Er war nämlich einer, der fast an

nichts etwas auszusetzen hatte. Nun nahm er seinen Hut vom Kopfe ab, um ihn

in der Hand zu tragen. Der Hut war alt. Eine gewisse handwerksburschenmäßige

Abgeschossenheit zeichnete den Hut sichtlich aus. Es war ein schäbiger Hut, und

dennoch behandelte ihn sein Träger mit Hochachtung, und zwar deshalb, weil

Erinnerungen am Hut hingen. Tobold vermochte sich stets nur schwer von

langgetragenen und abgeschabten Sachen zu trennen. So zum Beispiel trug er

jetzt zerrissene Schuhe. Er hätte ein neues Paar Stiefel wohl kaufen können. So

über und über arm war er denn doch nicht. Als gänzlich bettelarm wollen wir ihn

nicht hinstellen. Aber die Schuhe waren alt, sie hingen voll Erinnerungen, mit

ihnen war er schon viele Wege gegangen, und wie hatten die Schuhe bis dahin so

treu ausgehalten. Tobold liebte alles Alte, alles Ge- und Verbrauchte, ja, er liebte

sogar bisweilen Verschimmeltes. So zum Beispiel liebte er alte Leute, hübsch

abgenutzte alte Menschen. Kann man daraus Tobold einen berechtigten Vorwurf

machen? Kaum! denn es ist ja ein hübscher Zug von Pietät. Nicht wahr? Und so

schrittwechselte er denn ins herrliche liebe Blaue hinaus weiter. O wie blau war der Himmel, und wie schneeigweiß waren die Wolken. Wolken und Himmel

immer wieder anzuschauen war für Tobold ein Glück. Deshalb reiste er ja so

gern zu Fuß, weil der Fußgänger alles so ruhig und reich und frei betrachten

kann, während der Eisenbahnfahrer nirgends stehenbleiben und anhalten kann

als gerade exakt nur auf den Bahnstationen, wo meistens elegant befrackte

Kellner fragen, ob ein Glas Bier gefällig sei. Tobold verzichtete gern auf einige

acht Gläser Bier, wenn er nur frei sein konnte und auf seinen Beinen gehen

durfte, denn seine eigenen Beine freuten ihn, und das Gehen machte ihm ein

stilles Vergnügen. Ein Kind sagte ihm jetzt guten Tag, und Tobold sagte ihm

auch guten Tag, und so ging er, und er dachte noch lang an das liebe kleine Kind,

das ihn so schön angeschaut, ihn so reizend angelächelt, und ihm so freundlich

guten Tag gesagt hatte.