Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 50 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Doktor

 

Eines Tages, in der heißen Mittagssonne, schon viele inhaltreiche Jahre sind

seither vergangen, sah ich, noch erinnere ich mich dessen deutlich, auf dem

menschenbelebten Platz, auf dem ich stand, aus der Masse von vielerlei

unbedeutenden Leuten, welche er gewissermaßen mit seiner sonderbaren

Erscheinung überragte, einen Mann auftauchen, der ganz in edles, schönes,

feierliches Schwarz gekleidet war, eine Art Doktorhut auf dem Kopfe hatte, und

einen eleganten Spazierstock beinahe gravitätisch in der Hand trug. Ich nannte

den Mann ohne weiteres für mich im stillen einen Doktor der schönen Literatur,

und ich darf sagen, er faszinierte mich. Alle übrigen Menschen, verglichen mit

ihm, erschienen mir platt, unfein und gedankenlos, so, als habe sich kein einziger

von ihnen je bemüht, sich Rechenschaft darüber abzulegen, warum und wozu er

eigentlich lebe. Mit meinen Augen verfolgte ich den seltsamen und in gewissem

Sinne abenteuerlichen Mann, der einem Geistlichen oder fast besser noch einem

vermummten Fürsten glich in der Lässigkeit, mit welcher er seines Weges ging.

Ein Zauberer schien er zu sein, denn er trug eine unzweideutige Verachtung

gegenüber seiner Umgebung zur Schau, und zwar so, als fühle er sich genötigt,

sich selber gering zu achten, deshalb, weil er unter keinen besseren Leuten lebe.

Eine Brille verunzierte nicht, sondern zierte und schmückte sein bleiches,

gedankenvolles Gesicht. Das Gesicht schien ohne die Brille nicht sein Gesicht zu

sein. Edel, gleich einem Gesandten, der gewöhnt ist, an königlichen und

kaiserlichen Höfen zu verkehren, schritt die schlanke, leicht vornüber geneigte,

feine Gestalt dahin, und indem der Mann so ging, war es, als fühle er sich

belästigt von einem unabweisbaren Reichtum von Gedanken. Er schien etwas

wegzuwerfen und abzuweisen, und gleichzeitig schien er wiederum irgend etwas

zu suchen, etwas, das schöner sei als alles andere. Was dieser Mann sein eigen

nannte, betrachtete er als etwas, dessen er auch schon Grund hatte, überdrüssig

zu sein. Nur was er ersehnte, vermochte er zu achten, und nur was er erstrebte,

schien er zu besitzen. Auffallend war mir, wie er sich so leicht durch die

Menschen schlängelte, als befinde er sich auf vergnüglich-liederlichen Wegen,

als etwa auf dem Weg in die nächstbeste elegante Konditorei, zum zierlichen Rendezvous mit einer Dame. Doch das war die Maske, in die sich die Person zu

hüllen liebt, die nicht mag und nicht will merken lassen, wie ernsthaft sie denkt,

damit sie es um so besser tun kann. Ich wollte mir eingebildet haben, daß er mir

wie der privilegierte und berechtigte Vertreter alles dessen erscheine, was

geistvoll sei, und daß er auf mich den Eindruck mache, der mir sagte, daß es zu

des Mannes Leidenschaften gehöre, stets eine Leidenschaft zu nähren. Jedenfalls

gefiel er mir im höchsten Grade, und in dem Augenblick, wo ich ihn sah, liebte

und verehrte ich ihn auch schon. Bald indessen verschwand er, und auch ich

entfernte mich von dem Standort, von wo aus ich ihn so aufmerksam betrachtet

hatte.