Kleine Dichtungen
Der Doktor
Eines Tages, in der heißen Mittagssonne, schon viele inhaltreiche Jahre sind
seither vergangen, sah ich, noch erinnere ich mich dessen deutlich, auf dem
menschenbelebten Platz, auf dem ich stand, aus der Masse von vielerlei
unbedeutenden Leuten, welche er gewissermaßen mit seiner sonderbaren
Erscheinung überragte, einen Mann auftauchen, der ganz in edles, schönes,
feierliches Schwarz gekleidet war, eine Art Doktorhut auf dem Kopfe hatte, und
einen eleganten Spazierstock beinahe gravitätisch in der Hand trug. Ich nannte
den Mann ohne weiteres für mich im stillen einen Doktor der schönen Literatur,
und ich darf sagen, er faszinierte mich. Alle übrigen Menschen, verglichen mit
ihm, erschienen mir platt, unfein und gedankenlos, so, als habe sich kein einziger
von ihnen je bemüht, sich Rechenschaft darüber abzulegen, warum und wozu er
eigentlich lebe. Mit meinen Augen verfolgte ich den seltsamen und in gewissem
Sinne abenteuerlichen Mann, der einem Geistlichen oder fast besser noch einem
vermummten Fürsten glich in der Lässigkeit, mit welcher er seines Weges ging.
Ein Zauberer schien er zu sein, denn er trug eine unzweideutige Verachtung
gegenüber seiner Umgebung zur Schau, und zwar so, als fühle er sich genötigt,
sich selber gering zu achten, deshalb, weil er unter keinen besseren Leuten lebe.
Eine Brille verunzierte nicht, sondern zierte und schmückte sein bleiches,
gedankenvolles Gesicht. Das Gesicht schien ohne die Brille nicht sein Gesicht zu
sein. Edel, gleich einem Gesandten, der gewöhnt ist, an königlichen und
kaiserlichen Höfen zu verkehren, schritt die schlanke, leicht vornüber geneigte,
feine Gestalt dahin, und indem der Mann so ging, war es, als fühle er sich
belästigt von einem unabweisbaren Reichtum von Gedanken. Er schien etwas
wegzuwerfen und abzuweisen, und gleichzeitig schien er wiederum irgend etwas
zu suchen, etwas, das schöner sei als alles andere. Was dieser Mann sein eigen
nannte, betrachtete er als etwas, dessen er auch schon Grund hatte, überdrüssig
zu sein. Nur was er ersehnte, vermochte er zu achten, und nur was er erstrebte,
schien er zu besitzen. Auffallend war mir, wie er sich so leicht durch die
Menschen schlängelte, als befinde er sich auf vergnüglich-liederlichen Wegen,
als etwa auf dem Weg in die nächstbeste elegante Konditorei, zum zierlichen Rendezvous mit einer Dame. Doch das war die Maske, in die sich die Person zu
hüllen liebt, die nicht mag und nicht will merken lassen, wie ernsthaft sie denkt,
damit sie es um so besser tun kann. Ich wollte mir eingebildet haben, daß er mir
wie der privilegierte und berechtigte Vertreter alles dessen erscheine, was
geistvoll sei, und daß er auf mich den Eindruck mache, der mir sagte, daß es zu
des Mannes Leidenschaften gehöre, stets eine Leidenschaft zu nähren. Jedenfalls
gefiel er mir im höchsten Grade, und in dem Augenblick, wo ich ihn sah, liebte
und verehrte ich ihn auch schon. Bald indessen verschwand er, und auch ich
entfernte mich von dem Standort, von wo aus ich ihn so aufmerksam betrachtet
hatte.