Kleine Dichtungen
Der Mond
Gestern war eine wunderbar schöne Mondnacht, so leise, so mild, so still, als
sei die ganze Welt in ein dunkeles süßes Entzücken gesunken. Ich ging durch die
Gassen und Gäßchen. Viele Menschen waren auf den Beinen, als habe der
Mondeszauber die Leute aus den Häusern ins Freie hinausgezogen. Die Straßen
ganz glatt und weich und hell im Mondlicht und alles so still und so freundlich.
Eine verhaltene Freude strahlte durch alle Straßen, überdies war gerade in dieser
schönen Nacht Weihnachtsmarkt und darum viel Leben in der Stadt. Ich ging
durch ein enges Gartengäßchen, das sich den Berg entlang schmiegt. Dort war
der Zauber überwältigend. Es war wie ein Märchen, der felsige Boden klang
unter den Tritten und Schritten. Langsam ging ich weiter. Bei jedem Schritt, den
ich tat, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute zum göttlich schönen
sanften Mond hinauf und zu den Tannen und uralten Stadttürmen. – Zwischen
den aufwärts gebogenen, ärmelartigen Tannenästen zitterten und schimmerten
die Sterne, Liebesblicken ähnlich, hindurch. Bald war ich oben am Berge, der
sich über der traulichen Stadt erhebt wie ein alter Riese. Eine in den weißen
Felsen gehauene Treppe führte mich hinauf, und oben angekommen, schaute ich
hinunter in die weiche, schleierhafte, milde Tiefe, die einer Traumerscheinung
glich. Ich ging noch weiter hinauf, durch den Wald, der ganz weiß war. Alles
war weiß vom Mond, so bleich, so süß. Ich dachte an Vater und Mutter, und ein
unnennbar zartes, weiblich-banges, zaghaftes Empfinden beschlich mich. Ich
wünschte, daß ich ewig so in der Mondnacht stehen und alten lieben Gedanken
mich überlassen könne, ewig so bleiben und in die Vergangenheit zurückdenken
könne. Der dunkelhelle Himmel mit seinen weißlich-wolligen Wolken erschien
mir wie eine schöne, liebe, üppige Wiese. Der Mond glich dem träumerischen
Schäfer, das weiche Gewölk den Schäfchen, und die Sterne, die ab und zu daraus
hervorblinzelten, waren wie die Blumen. Aus der Stadt herauf drang Musik und
Stimmenlärm. Unsagbar feierlich war mir zumute. Es kam mir vor, als sei die
ganze weitausgedehnte stille Nacht ein körperartiges Wesen, und der Mond sei
seine Seele. Lange blieb ich noch stehen.