Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 34 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Mond

 

Gestern war eine wunderbar schöne Mondnacht, so leise, so mild, so still, als

sei die ganze Welt in ein dunkeles süßes Entzücken gesunken. Ich ging durch die

Gassen und Gäßchen. Viele Menschen waren auf den Beinen, als habe der

Mondeszauber die Leute aus den Häusern ins Freie hinausgezogen. Die Straßen

ganz glatt und weich und hell im Mondlicht und alles so still und so freundlich.

Eine verhaltene Freude strahlte durch alle Straßen, überdies war gerade in dieser

schönen Nacht Weihnachtsmarkt und darum viel Leben in der Stadt. Ich ging

durch ein enges Gartengäßchen, das sich den Berg entlang schmiegt. Dort war

der Zauber überwältigend. Es war wie ein Märchen, der felsige Boden klang

unter den Tritten und Schritten. Langsam ging ich weiter. Bei jedem Schritt, den

ich tat, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute zum göttlich schönen

sanften Mond hinauf und zu den Tannen und uralten Stadttürmen. – Zwischen

den aufwärts gebogenen, ärmelartigen Tannenästen zitterten und schimmerten

die Sterne, Liebesblicken ähnlich, hindurch. Bald war ich oben am Berge, der

sich über der traulichen Stadt erhebt wie ein alter Riese. Eine in den weißen

Felsen gehauene Treppe führte mich hinauf, und oben angekommen, schaute ich

hinunter in die weiche, schleierhafte, milde Tiefe, die einer Traumerscheinung

glich. Ich ging noch weiter hinauf, durch den Wald, der ganz weiß war. Alles

war weiß vom Mond, so bleich, so süß. Ich dachte an Vater und Mutter, und ein

unnennbar zartes, weiblich-banges, zaghaftes Empfinden beschlich mich. Ich

wünschte, daß ich ewig so in der Mondnacht stehen und alten lieben Gedanken

mich überlassen könne, ewig so bleiben und in die Vergangenheit zurückdenken

könne. Der dunkelhelle Himmel mit seinen weißlich-wolligen Wolken erschien

mir wie eine schöne, liebe, üppige Wiese. Der Mond glich dem träumerischen

Schäfer, das weiche Gewölk den Schäfchen, und die Sterne, die ab und zu daraus

hervorblinzelten, waren wie die Blumen. Aus der Stadt herauf drang Musik und

Stimmenlärm. Unsagbar feierlich war mir zumute. Es kam mir vor, als sei die

ganze weitausgedehnte stille Nacht ein körperartiges Wesen, und der Mond sei

seine Seele. Lange blieb ich noch stehen.