Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 62 von 126

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Kleine Dichtungen

Das Kätzchen

 

Ich kam nur eben vom Berg herab in eine kleine, nette, altertümliche

Vorstadt hinein. Ein Haus stand da, das war so zart, als blinzle es mit seinen

Augen, will sagen, mit seinen Fenstern. Eine alte Frau stand an der Straße und

streckte ihren Kopf in eines der Fenster, sie führte wohl ein gehäkeltes Gespräch

mit einer Nachbarin. Aber die Hauptsache ist: ich sah vor dem Haus eine Katze,

nein, keine Katze, sondern ein junges Kätzchen, gelb und schneeweiß von Farbe.

Durchs Fenster, welches geschlossen war, sah ich eine gute alte Frau an der

Nähmaschine sitzen und fleißig nähen. Ganz entzückt von dem lieben kleinen

Kätzchen blieb ich stehen, um das Tier sorgfältig zu betrachten, welches da ganz

still saß, den Schwanz zwischen die Vorderpfoten geringelt. Die Frau sah, daß da

ein fremder Mann so still stand, sie trat ans andere Fenster, das offen war, und

schaute zu mir heraus mit freundlichen Augen. »Ach so,« sagte sie, »Sie schauen

sich wohl die Katze an.« »Ja,« sagte ich. Das Kätzchen schaute zu der Frau

hinauf und ließ ein kleines, feines, süßes Miauen vernehmen, wobei es die

Zähnchen zeigte. Ich grüßte die Frau und ging weiter. Noch aber bog ich mich

einmal zurück und sah, wie das Kätzchen nach einem dürren Blatt haschte. Wie

der Wind wirbelte das liebe muntere Tier herum. Wirklich wehte auch gerade der

Seewind. Ich kam durch die Stadt, die nur eine einzige, dafür aber breite Straße

besitzt. Nun, und da kugelten zwei Jungen am Boden, zwei drollige Jungen,

noch nicht einmal für die Schule reif. Was vermag ich noch beizufügen? Nicht

sonderlich viel. Ein großes altersgraues Schloß war da, und daneben floß ein

Strom. Ich ging heim, und während ich so heimwärts ging, hatte ich immer noch

in Gedanken mit dem gelben und weißen Kätzchen zu tun. Wie man doch nur

achten mag auf so kleinliche Dinge.