Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 79 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Eisenbahnfahrt

 

Ich saß im Eisenbahnwagen. Es war so hell, appetitlich und still darin.

Gleichsam achtungsvoll und so säuberlich stiegen die lieben einfachen Leute in

den Wagen. Wer redete, der tat es ruhig und freundlich, wollte nicht prunken und

auffallen damit. Einige der Männer rauchten Zigarrenstumpen. Auch ich rauchte.

Ein paar junge Soldaten waren da, die sich gar nicht lärmend benahmen,

vielmehr dasaßen wie artige Kinder. Sie machten aber einen durchaus

soldatischen Eindruck. Die Kraft liebt zu ruhen, und die erlittene starke

Anstrengung verhält sich gern still. So leis war es und ging es zu im

Eisenbahnwagen. Alsbald setzte sich der Zug ganz fein und vorsichtig in

Bewegung, als sage er: »Nur hübsch ruhig. Wir gelangen schon ans Ziel.« Wie

schön war diese Fahrt; ich werde sie nie vergessen. Warum vergißt man dieses

nie und anderes so bald? Das ist sonderbar und doch wieder leicht begreiflich.

Sacht und sanft also rollte unser Wagen nun hinaus ins grüne, freie Weite. Die

Welt sah so weit und doch zugleich so nah, klein und eng aus. So wunderbar hell

war's. Die höheren Bergketten hatten noch Schnee; die Ebene aber duftete und

grünte schon wie so recht mitten im lieblichen Frühling. Etwas Frühlingshaftes

rumorte mir im Herzen. Ich war glücklich und wußte nicht warum. Am

schönsten erschien's mir, zu sehen, wie friedlich alle meine Reisegenossen im

Wagen saßen. Heiterkeit und ein gesunder warmer Zweck drückte sich auf ihren

Gesichtern ab, und die Gesichter, wie waren sie so hübsch verschieden. Wir

fuhren über eine Brücke. Manierlich baten die Bahnbeamten um die Fahrkarten.

Ich hätte schwören mögen, nie so honette, brave Leute gesehen zu haben. Ich

schaute immer aufmerksam aus dem Fenster, so recht der Welt, die da draußen

sich weit und breit erstreckte, ins große gute Auge. Bauernhäuser und -gärten

und weiße Landstraßen, Felder und grüne üppige Hügel und die lieben dunklen

Wälder. Es sah alles so sauber, so wohnlich, so wohlhabend aus. Der Himmel

zeigte ein schüchternes, feines Blau, und weiße Wolken zogen aus der Nähe in

die Ferne und aus der Ferne in die Nähe. Es wechselte alles ab. Alles war

Gleichheit, Ähnlichkeit und doch auch Abwechslung. So ist es für mich am

schönsten. Ich will nicht verblüfft, sondern gern nur still immer wieder überrascht sein. Auf einer ländlichen Station stiegen Bauersleute ein, stattlich

angezogen mit dem Sonntagskleid. Im Wesen und Benehmen des Bauern lag es

wie kluge, einfache Feierlichkeit, und die Bäuerin war geradezu schön zu

nennen durch einen Zug von Zurückhaltung, den sie höchst angenehm zur Schau

trug. Weiter ging's. Artig und gedämpft lief und dampfte es vorwärts. Es war

kein Rasen. Auch mit Gemächlichkeit wird ein Ziel erreicht. Grad erst recht. Ah,

das war eine recht, recht schöne Eisenbahnfahrt, das! Ich will sie warm betten in

die Erinnerung, daß sie mir noch oft in Gedanken vor dem Gesicht erscheinen

mag.