Kleine Dichtungen
Die Eisenbahnfahrt
Ich saß im Eisenbahnwagen. Es war so hell, appetitlich und still darin.
Gleichsam achtungsvoll und so säuberlich stiegen die lieben einfachen Leute in
den Wagen. Wer redete, der tat es ruhig und freundlich, wollte nicht prunken und
auffallen damit. Einige der Männer rauchten Zigarrenstumpen. Auch ich rauchte.
Ein paar junge Soldaten waren da, die sich gar nicht lärmend benahmen,
vielmehr dasaßen wie artige Kinder. Sie machten aber einen durchaus
soldatischen Eindruck. Die Kraft liebt zu ruhen, und die erlittene starke
Anstrengung verhält sich gern still. So leis war es und ging es zu im
Eisenbahnwagen. Alsbald setzte sich der Zug ganz fein und vorsichtig in
Bewegung, als sage er: »Nur hübsch ruhig. Wir gelangen schon ans Ziel.« Wie
schön war diese Fahrt; ich werde sie nie vergessen. Warum vergißt man dieses
nie und anderes so bald? Das ist sonderbar und doch wieder leicht begreiflich.
Sacht und sanft also rollte unser Wagen nun hinaus ins grüne, freie Weite. Die
Welt sah so weit und doch zugleich so nah, klein und eng aus. So wunderbar hell
war's. Die höheren Bergketten hatten noch Schnee; die Ebene aber duftete und
grünte schon wie so recht mitten im lieblichen Frühling. Etwas Frühlingshaftes
rumorte mir im Herzen. Ich war glücklich und wußte nicht warum. Am
schönsten erschien's mir, zu sehen, wie friedlich alle meine Reisegenossen im
Wagen saßen. Heiterkeit und ein gesunder warmer Zweck drückte sich auf ihren
Gesichtern ab, und die Gesichter, wie waren sie so hübsch verschieden. Wir
fuhren über eine Brücke. Manierlich baten die Bahnbeamten um die Fahrkarten.
Ich hätte schwören mögen, nie so honette, brave Leute gesehen zu haben. Ich
schaute immer aufmerksam aus dem Fenster, so recht der Welt, die da draußen
sich weit und breit erstreckte, ins große gute Auge. Bauernhäuser und -gärten
und weiße Landstraßen, Felder und grüne üppige Hügel und die lieben dunklen
Wälder. Es sah alles so sauber, so wohnlich, so wohlhabend aus. Der Himmel
zeigte ein schüchternes, feines Blau, und weiße Wolken zogen aus der Nähe in
die Ferne und aus der Ferne in die Nähe. Es wechselte alles ab. Alles war
Gleichheit, Ähnlichkeit und doch auch Abwechslung. So ist es für mich am
schönsten. Ich will nicht verblüfft, sondern gern nur still immer wieder überrascht sein. Auf einer ländlichen Station stiegen Bauersleute ein, stattlich
angezogen mit dem Sonntagskleid. Im Wesen und Benehmen des Bauern lag es
wie kluge, einfache Feierlichkeit, und die Bäuerin war geradezu schön zu
nennen durch einen Zug von Zurückhaltung, den sie höchst angenehm zur Schau
trug. Weiter ging's. Artig und gedämpft lief und dampfte es vorwärts. Es war
kein Rasen. Auch mit Gemächlichkeit wird ein Ziel erreicht. Grad erst recht. Ah,
das war eine recht, recht schöne Eisenbahnfahrt, das! Ich will sie warm betten in
die Erinnerung, daß sie mir noch oft in Gedanken vor dem Gesicht erscheinen
mag.