Kleine Dichtungen
Der Bursche
Ein Bursche, der einem Bäckermeister als Laufbursche diente, stahl
demselben Mehl weg, um es, gleichsam als Zeichen von zärtlicher
Aufmerksamkeit, der Frau zu überreichen, die er verehrte. Reizende Liebe,
bestrickendes Verbrechen, sinnreicher Diebstahl. Der Bursche wurde endlich bei
seinem ritterlichen Bemühen ertappt und kam ins Gefängnis. Die gestrengen
Herren Richter hatten Mitleid mit ihm und erteilten ihm eine obgleich immerhin
angemessene, so doch verhältnismäßig nur gelinde Strafe. Armer dummer
Bursche. Ich kann nicht verhehlen, daß ich Sympathie für ihn empfinde. Wie
glücklich mögen seine Augen geglänzt haben in den prickelnden Augenblicken,
wo er das Mehl stibitzte, und wie süß muß ihm der Kuß gemundet haben, den er
geben und empfangen durfte von der, in deren Interesse er Spitzbubenstreiche
verübte. Wenn je, so duftet hier, der schwelgerischen Rose ähnlich, Romantik,
und wenn je, so ist hier, wo Mehl gestohlen worden ist, süße Liebe. Simpel ist
die kleine mehlene Geschichte. Mich hat sie gerührt, als ich sie las, und ich wage
sie dem freundlichen, huldreichen Leser aufzutischen, in der Hoffnung, daß sie
auch ihn ein wenig rühren wird. Wie mancher, der fein gekleidet geht und sich
auf die feinste Differenz versteht, und der sich einbildet, daß er verliebt sei, ist
nicht imstande und bringt nicht den Mut auf, gleich dem armen dummen
Bäckerburschen, Mehl für die Person zu stehlen, die er vergöttert. Was ist
Geliebtsein und Beliebtsein gegen dieses blühende holdselige Wunder: selber
lieben! Und was ist alle Bildung, alle Belesenheit, Weisheit und Feinheit,
gehalten gegen die duftende Blume: Aufrichtigkeit? Dieser Bursche, der mit
einem gestohlenen Paket Mehl dahersprang, um seiner Geliebten eine Freude zu
machen, war, als er das tat, groß, denn er war aufrichtig; war, als er das tat, im
höchsten Grad sympathisch, denn er war tapfer; war, als er das tat, höchst
liebenswürdig, denn er tat es aus echter Zärtlichkeit und Liebe. Schenke, lieber
Leser, dem armen Burschen ein kleines gütiges Andenken, ich bitte dich darum.
Nicht wahr, du tust es?