Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 15 von 126

PDF-Seiten

Kleine Dichtungen

Der Bursche

 

Ein Bursche, der einem Bäckermeister als Laufbursche diente, stahl

demselben Mehl weg, um es, gleichsam als Zeichen von zärtlicher

Aufmerksamkeit, der Frau zu überreichen, die er verehrte. Reizende Liebe,

bestrickendes Verbrechen, sinnreicher Diebstahl. Der Bursche wurde endlich bei

seinem ritterlichen Bemühen ertappt und kam ins Gefängnis. Die gestrengen

Herren Richter hatten Mitleid mit ihm und erteilten ihm eine obgleich immerhin

angemessene, so doch verhältnismäßig nur gelinde Strafe. Armer dummer

Bursche. Ich kann nicht verhehlen, daß ich Sympathie für ihn empfinde. Wie

glücklich mögen seine Augen geglänzt haben in den prickelnden Augenblicken,

wo er das Mehl stibitzte, und wie süß muß ihm der Kuß gemundet haben, den er

geben und empfangen durfte von der, in deren Interesse er Spitzbubenstreiche

verübte. Wenn je, so duftet hier, der schwelgerischen Rose ähnlich, Romantik,

und wenn je, so ist hier, wo Mehl gestohlen worden ist, süße Liebe. Simpel ist

die kleine mehlene Geschichte. Mich hat sie gerührt, als ich sie las, und ich wage

sie dem freundlichen, huldreichen Leser aufzutischen, in der Hoffnung, daß sie

auch ihn ein wenig rühren wird. Wie mancher, der fein gekleidet geht und sich

auf die feinste Differenz versteht, und der sich einbildet, daß er verliebt sei, ist

nicht imstande und bringt nicht den Mut auf, gleich dem armen dummen

Bäckerburschen, Mehl für die Person zu stehlen, die er vergöttert. Was ist

Geliebtsein und Beliebtsein gegen dieses blühende holdselige Wunder: selber

lieben! Und was ist alle Bildung, alle Belesenheit, Weisheit und Feinheit,

gehalten gegen die duftende Blume: Aufrichtigkeit? Dieser Bursche, der mit

einem gestohlenen Paket Mehl dahersprang, um seiner Geliebten eine Freude zu

machen, war, als er das tat, groß, denn er war aufrichtig; war, als er das tat, im

höchsten Grad sympathisch, denn er war tapfer; war, als er das tat, höchst

liebenswürdig, denn er tat es aus echter Zärtlichkeit und Liebe. Schenke, lieber

Leser, dem armen Burschen ein kleines gütiges Andenken, ich bitte dich darum.

Nicht wahr, du tust es?