Kleine Dichtungen
Herbstnachmittag
Ich erinnere mich, einen schönen Nachmittag gehabt zu haben. Ich ging über
das Land, einen gemütlichen Zigarrenstumpen im Munde. Sonne strahlte über
die grüne Gegend. Im Felde arbeiteten Männer, Kinder und Frauen, der goldene
Kanal floß mir zur linken Seite, und zur rechten hatte ich die Äcker vor den
Augen. Schlendrig ging ich weiter. Ein Bäckerwagen sprengte an mir vorüber.
Sonderbar ist es, daß ich mich auf jede Einzelheit wie auf eine Kostbarkeit so
deutlich besinne. Es muß eine große Kraft in meinem Gedächtnisse sein, ich bin
froh darüber. Erinnerungen sind Leben. So kam ich denn an manchem stattlich-
heiteren und behäbigen Bauernhaus vorbei, die Bäuerin beschwichtigte wohl
etwa den Hund, der im Sinne hatte, den Fußgänger und fremden Mann
anzubellen. Reizend ist es, still und gemächlich übers Land zu gehen und von
ernsten, starken Bäuerinnen freundlich gegrüßt zu werden. Ein solcher Gruß tut
wohl wie der Gedanke an die Unvergänglichkeit. Es öffnet sich ein Himmel,
wenn Menschen freundlich miteinander sind. Die Nachmittags- und jetzt bald
Abendsonne streute flüssiges Liebes- und Phantasiegold über die Straße und
machte sie rötlich zünden. Es war auf allem ein Hauch von Violett, aber eben nur
ein zarter, kaum sichtbarer Hauch. Hauch ist nichts Fingerdickes zum Greifen,
sondern tastet und schwebt nur über dem sichtbaren und unsichtbaren Ganzen
als ahnungsvoller Schimmer, als Ton, als Gefühl. Ich kam an einem Wirtshaus
vorbei, ohne einzukehren; ich dachte das später zu tun. Im Behaglichkeitstempo
schritt ich weiter, ähnlich etwa wie ein sanfter, milder Pfarrer oder Lehrer oder
Bote. Manch ein Menschenauge guckte mich neugierig an, um zu enträtseln, wer
ich sein könnte. Da wurde es im wunderbaren tönenden Lande immer schöner.
Jeder Schritt leitete in andere Schönheit hinein. Mir war es, wie wenn ich
dichtete, träumte, phantasierte. Ein blasses, schönes, dunkeläugiges
Bauernmädchen, dessen Gesicht von der süßen Sonne überhaucht war, schaute
mich mit dem glänzend-schwarzen Zauber ihrer Augen fragend an und sagte mir
guten Abend. Ich erwiderte den Gruß und zog weiter, zu Bäumen hin, die voller
roter, goldener Paradiesesfrüchte hingen. Wundersam leuchteten die schönen
Äpfel in der Abendsonne durch das dunkele Grün der Blätter, und über alle grünen Wiesen tönte ein warmes, heiteres Glockentönen. Prächtige Kühe von
brauner, weißer und schwarzer Farbe lagen und standen, zu anmutigen Gruppen
vereinigt, über die saftigen Wiesen verstreut, die sich bis zum silbernen Kanal
hinab erstreckten. Ich hatte nicht Augen genug, um anzuschauen, was es alles
anzuschauen gab, und nicht Ohr genug, um auf alles zu horchen. Schauen und
Horchen verbanden sich zu einem einzigen Genuß, die ganze weite grüne und
goldene Landschaft tönte, die Glocken, der Tannenwald, die Tiere und die
Menschen. Es war wie ein Gemälde, von einem Meister hingezaubert. Der
Buchenwald war braun und gelb; Grün und Gelb und Rot und Blau musizierten.
Die Farben ergossen sich in die Töne, und die Töne spielten mit den göttlich
schönen Farben wie Freunde mit süßen Freundinnen, wie Götter mit Göttern.
Nur langsam ging ich unter dem Himmelblau und zwischen dem Grün und
Braun vorwärts, und langsam wurde es dunkel. Mehrere Hüterbuben kamen auf
mich zu, sie wollten wissen, wie spät es sei. Später, im Dorf, kam ich am alten,
großen, ehrwürdigen Pfarrhaus vorbei. Jemand sang und spielte drinnen im
Haus. Es waren herrliche Töne, wenigstens bildete ich es mir ein. Wie leicht ist
es, auf einem stillen Abendspaziergang sich Schönes einzubilden. Eine Stunde
später war es Nacht, der Himmel glänzte schwarz. Mond und Sterne traten
hervor.