Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 77 von 126

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Kleine Dichtungen

Herbstnachmittag

 

Ich erinnere mich, einen schönen Nachmittag gehabt zu haben. Ich ging über

das Land, einen gemütlichen Zigarrenstumpen im Munde. Sonne strahlte über

die grüne Gegend. Im Felde arbeiteten Männer, Kinder und Frauen, der goldene

Kanal floß mir zur linken Seite, und zur rechten hatte ich die Äcker vor den

Augen. Schlendrig ging ich weiter. Ein Bäckerwagen sprengte an mir vorüber.

Sonderbar ist es, daß ich mich auf jede Einzelheit wie auf eine Kostbarkeit so

deutlich besinne. Es muß eine große Kraft in meinem Gedächtnisse sein, ich bin

froh darüber. Erinnerungen sind Leben. So kam ich denn an manchem stattlich-

heiteren und behäbigen Bauernhaus vorbei, die Bäuerin beschwichtigte wohl

etwa den Hund, der im Sinne hatte, den Fußgänger und fremden Mann

anzubellen. Reizend ist es, still und gemächlich übers Land zu gehen und von

ernsten, starken Bäuerinnen freundlich gegrüßt zu werden. Ein solcher Gruß tut

wohl wie der Gedanke an die Unvergänglichkeit. Es öffnet sich ein Himmel,

wenn Menschen freundlich miteinander sind. Die Nachmittags- und jetzt bald

Abendsonne streute flüssiges Liebes- und Phantasiegold über die Straße und

machte sie rötlich zünden. Es war auf allem ein Hauch von Violett, aber eben nur

ein zarter, kaum sichtbarer Hauch. Hauch ist nichts Fingerdickes zum Greifen,

sondern tastet und schwebt nur über dem sichtbaren und unsichtbaren Ganzen

als ahnungsvoller Schimmer, als Ton, als Gefühl. Ich kam an einem Wirtshaus

vorbei, ohne einzukehren; ich dachte das später zu tun. Im Behaglichkeitstempo

schritt ich weiter, ähnlich etwa wie ein sanfter, milder Pfarrer oder Lehrer oder

Bote. Manch ein Menschenauge guckte mich neugierig an, um zu enträtseln, wer

ich sein könnte. Da wurde es im wunderbaren tönenden Lande immer schöner.

Jeder Schritt leitete in andere Schönheit hinein. Mir war es, wie wenn ich

dichtete, träumte, phantasierte. Ein blasses, schönes, dunkeläugiges

Bauernmädchen, dessen Gesicht von der süßen Sonne überhaucht war, schaute

mich mit dem glänzend-schwarzen Zauber ihrer Augen fragend an und sagte mir

guten Abend. Ich erwiderte den Gruß und zog weiter, zu Bäumen hin, die voller

roter, goldener Paradiesesfrüchte hingen. Wundersam leuchteten die schönen

Äpfel in der Abendsonne durch das dunkele Grün der Blätter, und über alle grünen Wiesen tönte ein warmes, heiteres Glockentönen. Prächtige Kühe von

brauner, weißer und schwarzer Farbe lagen und standen, zu anmutigen Gruppen

vereinigt, über die saftigen Wiesen verstreut, die sich bis zum silbernen Kanal

hinab erstreckten. Ich hatte nicht Augen genug, um anzuschauen, was es alles

anzuschauen gab, und nicht Ohr genug, um auf alles zu horchen. Schauen und

Horchen verbanden sich zu einem einzigen Genuß, die ganze weite grüne und

goldene Landschaft tönte, die Glocken, der Tannenwald, die Tiere und die

Menschen. Es war wie ein Gemälde, von einem Meister hingezaubert. Der

Buchenwald war braun und gelb; Grün und Gelb und Rot und Blau musizierten.

Die Farben ergossen sich in die Töne, und die Töne spielten mit den göttlich

schönen Farben wie Freunde mit süßen Freundinnen, wie Götter mit Göttern.

Nur langsam ging ich unter dem Himmelblau und zwischen dem Grün und

Braun vorwärts, und langsam wurde es dunkel. Mehrere Hüterbuben kamen auf

mich zu, sie wollten wissen, wie spät es sei. Später, im Dorf, kam ich am alten,

großen, ehrwürdigen Pfarrhaus vorbei. Jemand sang und spielte drinnen im

Haus. Es waren herrliche Töne, wenigstens bildete ich es mir ein. Wie leicht ist

es, auf einem stillen Abendspaziergang sich Schönes einzubilden. Eine Stunde

später war es Nacht, der Himmel glänzte schwarz. Mond und Sterne traten

hervor.