Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 1 von 126

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Kleine Dichtungen

Brief eines Dichters an einen Herrn

 

Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch fand,

und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie mich

kennen lernen könnten, muß ich Ihnen antworten, daß ich nicht recht weiß, was

ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in mir auf, denn ich

bin ein Mensch, müssen Sie wissen, der nicht lohnt, kennen gelernt zu werden.

Ich bin außerordentlich unhöflich, und an Manieren besitze ich so gut wie nichts.

Ihnen Gelegenheit geben, mich zu sehen, hieße, Sie mit einem Menschen

bekannt machen, der seinen Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet,

um ihnen ein wüsteres Aussehen zu verleihen. Möchten Sie einen solchen

Sonderling vor Augen haben? Ihr liebenswürdiger Brief hat mich sehr gefreut.

Doch Sie irren sich in der Adresse. Ich bin Der nicht, der verdient, solcherlei

Höflichkeiten zu empfangen. Ich bitte Sie: Stehen Sie sogleich ab von dem

Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen. Artigkeit steht mir schlecht zu

Gesicht. Ich müßte Ihnen gegenüber die notwendige Artigkeit hervorkehren; und

das eben möchte ich vermeiden, da ich weiß, daß artiges und manierliches

Betragen mich nicht kleidet. Auch bin ich nicht gern artig; es langweilt mich. Ich

vermute, daß Sie eine Frau haben, daß Ihre Frau elegant ist, und daß bei Ihnen so

etwas wie ein Salon ist. Wer sich so feiner und schöner Ausdrücke bedient wie

Sie, hat einen Salon. Ich aber bin nur Mensch auf der Straße, in Wald und Feld,

im Wirtshaus und in meinem eigenen Zimmer; in irgend jemandes Salon stünde

ich da wie ein Erztölpel. Ich bin noch nie in einem Salon gewesen, ich fürchte

mich davor; und als Mann von gesunder Vernunft muß ich meiden, was mich

ängstigt. Sie sehen, ich bin offenherzig. Sie sind wahrscheinlich ein

wohlhabender Mann und lassen wohlhabende Worte fallen. Ich dagegen bin arm,

und alles, was ich spreche, klingt nach Ärmlichkeit. Entweder würden Sie mich

mit Ihrem Hergebrachten oder ich würde mit meinem Hergebrachten Sie

verstimmen. Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie aufrichtig ich den

Stand, in welchem ich lebe, bevorzuge und liebe. So arm ich bin, ist es mir doch

bis heute noch nie eingefallen, mich zu beklagen; im Gegenteil: ich schätze, was

mich umgibt, so hoch, daß ich stets eifrig bemüht bin, es zu hüten. Ich wohne in einem wüsten, alten Haus, in einer Art von Ruine. Doch das macht mich

glücklich. Der Anblick armer Leute und armseliger Häuser macht mich

glücklich; so sehr ich auch denke, wie wenig Grund Sie haben, dies zu begreifen.

Ein bestimmtes Gewicht und eine gewisse Menge von Verwahrlosung, von

Verlotterung und von Zerrissenheit muß um mich sein: sonst ist mir das Atmen

eine Pein. Das Leben würde mir zur Qual, wenn ich fein, vortrefflich und elegant

sein sollte. Die Eleganz ist mein Feind, und ich will lieber versuchen, drei Tage

lang nichts zu essen als mich in die gewagte Unternehmung verstricken, eine

Verbeugung zu machen. Verehrter Herr, so spricht nicht der Stolz, sondern der

ausgesprochene Sinn für Harmonie und Bequemlichkeit. Warum sollte ich sein,

was ich nicht bin, und nicht sein, was ich bin? Das wäre eine Dummheit. Wenn

ich bin, was ich bin, bin ich mit mir zufrieden; und dann tönt alles, ist alles gut

um mich. Sehen Sie, es ist so: schon ein neuer Anzug macht mich ganz

unzufrieden und unglücklich; woraus ich entnehme, wie ich alles, was schön,

neu und fein ist, hasse und wie ich alles, was alt, verschabt und verbraucht ist,

liebe. Ich liebe Ungeziefer nicht gerade; ich möchte Ungeziefer nicht geradezu

essen, aber Ungeziefer stört mich nicht. In dem Haus, in welchem ich wohne,

wimmelt es von Ungeziefer: und doch wohne ich gern in dem Haus. Das Haus

sieht aus wie ein Räuberhaus, zum ans Herz drücken. Wenn alles neu und

ordentlich ist in der Welt, dann will ich nicht mehr leben, dann morde ich mich.

Ich fürchte also quasi etwas, wenn ich denken soll, ich solle mit einem

vornehmen und gebildeten Menschen bekannt werden. Wenn ich befürchte, daß

ich Sie nur störe und keine Förderlichkeit und Erquicklichkeit für Sie bedeute, so

ist die andere Befürchtung ebenso lebendig in mir, nämlich die (um ganz und gar

offen zu reden), daß auch Sie mich stören und mir nicht erquicklich und

erfreulich sein könnten. Es ist eine Seele in eines jeden Menschen Zustand; und

Sie müssen unbedingt erfahren, und ich muß Ihnen das unbedingt mitteilen: ich

schätze hoch, was ich bin, so karg und ärmlich es ist. Ich halte allen Neid für

eine Dummheit. Der Neid ist eine Art Irrsinn. Respektiere jeder die Lage, in der

er ist: so ist jedem gedient. Ich fürchte auch den Einfluß, den Sie auf mich

ausüben könnten; das heißt: ich fürchte mich vor der überflüssigen innerlichen

Arbeit, die getan werden müßte, mich Ihres Einflusses zu erwehren. Und deshalb

renne ich nicht nach Bekanntschaften, kann nicht danach rennen. Jemand Neues

kennen lernen: Das ist zum mindesten stets ein Stück Arbeit, und ich habe mir

bereits erlaubt, Ihnen zu sagen, daß ich die Bequemlichkeit liebe. Was werden

Sie denken von mir? Doch das muß mir gleichgültig sein. Ich will, daß mir das

gleichgültig sei. Ich will Sie auch nicht um Verzeihung wegen dieser Sprache

bitten. Das wäre Phrase. Man ist immer unartig, wenn man die Wahrheit sagt.

Ich liebe die Sterne, und der Mond ist mein heimlicher Freund. Über mir ist der Himmel. Solange ich lebe, werde ich nie verlernen, zu ihm hinaufzuschauen. Ich

stehe auf der Erde: Dies ist mein Standpunkt. Die Stunden scherzen mit mir, und

ich scherze mit ihnen. Ich vermag mir keine köstlichere Unterhaltung zu denken.

Tag und Nacht sind meine Gesellschaft. Ich stehe auf vertrautem Fuß mit dem

Abend und mit dem Morgen. Und hiermit grüßt Sie freundlich

der arme junge Dichter.