Kleine Dichtungen
Der Heidenstein
In dem Wald, der, weil er so schön ist, mich immer wieder zu sich zieht, steht
unter den hohen, schlanken, ernsten Tannen ein Stein, den die Leute den
Heidenstein nennen, ein schwärzlicher, moosüberzogener Granitblock, auf
welchen oft die Schulknaben klettern, ein wundersamer Zeuge aus uralten,
wundersamen Zeiten, bei dessen sonderbarem Anblick man unwillkürlich
stillsteht, um über das Leben nachzudenken. Still und hart und groß steht er
inmitten des lieben grünen heimeligen Waldes da, gewaschen von unzählbaren
Regengüssen, versteckt im Bereiche der schweigenden treuherzigen Tannen,
Bild der Vergangenheit, Ausdruck der schier ewigen Beständigkeit und als ein
Beweis vom unausdenklichen Alter der Erde. Oft schon bin ich vor dem schönen
Stein stillgestanden, den zwei alte wunderliche Tannenbäume zieren, die auf
dem ehrwürdigen Gestein Platz zum kräftigen Wachstum gefunden haben. Auch
heute habe ich ihn wieder gesehen, und indem ich ihn so sah, sprangen mir
folgende leise für mich hingemurmelte Worte über die Lippen: »Wie schwach
und weich und leichtverletzlich ist doch das Menschenleben, verglichen mit
deinem Leben, du alter, unzerstörbarer Stein, der du lebst vom Beginn der Welt
an bis heute, der du leben und stehen wirst bis an das fragwürdige Ende alles
Lebens. Dich scheint das Alter eher zu festigen und zu kräftigen, als anzugreifen
und zu schwächen. Rings in der Gegend sterben die empfindlichen Menschen.
Geschlechter folgen auf Geschlechter, die, Träumen ähnlich, und dem bloßen,
zarten Hauch verwandt, auftauchen und verschwinden. Dir ist keine Schwäche
bekannt. Ungeduld ist dir fremd. Gedanken rühren dich nicht an und das Gefühl
tritt nicht bis zu dir. Und doch lebst du, bist lebendig, führst dein steinern
Dasein. Sage mir, lebst du?« – Voller sonderbarer Fragen, voller Ahnungen
entfernte ich mich von dem merkwürdigen alten, trotzigen, steinharten Gesellen,
und ich hatte das Gefühl, als sei er ein Zauberer, als sei der Wald durch ihn
verzaubert.