Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 74 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Heidenstein

 

In dem Wald, der, weil er so schön ist, mich immer wieder zu sich zieht, steht

unter den hohen, schlanken, ernsten Tannen ein Stein, den die Leute den

Heidenstein nennen, ein schwärzlicher, moosüberzogener Granitblock, auf

welchen oft die Schulknaben klettern, ein wundersamer Zeuge aus uralten,

wundersamen Zeiten, bei dessen sonderbarem Anblick man unwillkürlich

stillsteht, um über das Leben nachzudenken. Still und hart und groß steht er

inmitten des lieben grünen heimeligen Waldes da, gewaschen von unzählbaren

Regengüssen, versteckt im Bereiche der schweigenden treuherzigen Tannen,

Bild der Vergangenheit, Ausdruck der schier ewigen Beständigkeit und als ein

Beweis vom unausdenklichen Alter der Erde. Oft schon bin ich vor dem schönen

Stein stillgestanden, den zwei alte wunderliche Tannenbäume zieren, die auf

dem ehrwürdigen Gestein Platz zum kräftigen Wachstum gefunden haben. Auch

heute habe ich ihn wieder gesehen, und indem ich ihn so sah, sprangen mir

folgende leise für mich hingemurmelte Worte über die Lippen: »Wie schwach

und weich und leichtverletzlich ist doch das Menschenleben, verglichen mit

deinem Leben, du alter, unzerstörbarer Stein, der du lebst vom Beginn der Welt

an bis heute, der du leben und stehen wirst bis an das fragwürdige Ende alles

Lebens. Dich scheint das Alter eher zu festigen und zu kräftigen, als anzugreifen

und zu schwächen. Rings in der Gegend sterben die empfindlichen Menschen.

Geschlechter folgen auf Geschlechter, die, Träumen ähnlich, und dem bloßen,

zarten Hauch verwandt, auftauchen und verschwinden. Dir ist keine Schwäche

bekannt. Ungeduld ist dir fremd. Gedanken rühren dich nicht an und das Gefühl

tritt nicht bis zu dir. Und doch lebst du, bist lebendig, führst dein steinern

Dasein. Sage mir, lebst du?« – Voller sonderbarer Fragen, voller Ahnungen

entfernte ich mich von dem merkwürdigen alten, trotzigen, steinharten Gesellen,

und ich hatte das Gefühl, als sei er ein Zauberer, als sei der Wald durch ihn

verzaubert.