Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 42 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Tänzer

 

Ich sah einst im Theater einen Tänzer, der mir und vielen anderen Leuten,

die ihn ebenfalls sahen, einen tiefen Eindruck machte. Er verspottete den Boden

mit seinen Beinen, so wenig Schwere kannte er, und so leicht schritt er dahin.

Eine graziöse Musik spielte zu seinem Tanz, und wir alle, die im Theater saßen,

dachten darüber nach, was wohl schöner und süßer könne genannt werden, die

leichtfertigen lieblichen Töne oder das Spiel von des lieben, schönen Tänzers

Beinen. Er hüpfte daher wie ein artiges sprungfertiges, wohlerzogenes

Hündchen, welches, indem es übermütig umherspringt, Rührung und Sympathie

erweckt. Gleich dem Wiesel im Walde lief er über die Bühne, und wie der

ausgelassene Wind tauchte er auf und verschwand er. – Solcherlei Lustigkeit

schien keiner von allen denen, die im Theater saßen, je gesehen oder für möglich

gehalten zu haben. Der Tanz wirkte wie ein Märchen aus unschuldigen, alten

Zeiten, wo die Menschen, mit Kraft und Gesundheit ausgestattet, Kinder waren,

die miteinander in königlicher Freiheit spielten. Der Tänzer selber wirkte wie ein

Wunderkind aus wunderbaren Sphären. Wie ein Engel flog er durch die Luft, die

er mit seiner Schönheit zu versilbern, zu vergolden und zu verherrlichen schien.

Es war, als liebe die Luft ihren Liebling, den göttlichen Tänzer. Wenn er aus der

Luft niederschwebte, so war es weniger ein Fallen als ein Fliegen, ähnlich wie

ein großer Vogel fliegt, der nicht fallen kann, und wenn er den Boden wieder mit

seinen leichten Füßen berührte, so setzte er auch sogleich wieder zu neuen

kühnen Schritten und Sprüngen an, als sei es ihm unmöglich, je mit Tanzen und

Schweben aufzuhören, als wolle, als solle und als müsse er unaufhörlich

weitertanzen. Indem er tanzte, machte er den schönsten Eindruck, den ein junger

Tänzer zu machen vermag, nämlich den, daß er glücklich sei im Tanze. Er war

selig durch die Ausübung seines Berufes. Hier machte einmal die gewohnte

tägliche Arbeit einen Menschen selig – aber es war ja nicht Arbeit, oder aber er

bewältigte sie spielend, gleich, als scherze und tändele er mit den

Schwierigkeiten, und so, als küsse er die Hindernisse, derart, daß sie ihn lieb

gewinnen und ihn wieder küssen mußten. Einem heiteren, über und über in

Anmut getauchten Königssohne aus dem goldenen Zeitalter glich er, und alle Sorgen und Bekümmernisse, alle unschönen Gedanken schwanden denen dahin,

die ihn anschauten. Ihn anschauen hieß ihn gleich auch schon lieben und

verehren und bewundern. Ihn seine Kunst ausüben sehen, hieß für ihn

schwärmen. Wer ihn gesehen hatte, träumte und phantasierte noch lang nachher

von ihm.