Kleine Dichtungen
Der Tänzer
Ich sah einst im Theater einen Tänzer, der mir und vielen anderen Leuten,
die ihn ebenfalls sahen, einen tiefen Eindruck machte. Er verspottete den Boden
mit seinen Beinen, so wenig Schwere kannte er, und so leicht schritt er dahin.
Eine graziöse Musik spielte zu seinem Tanz, und wir alle, die im Theater saßen,
dachten darüber nach, was wohl schöner und süßer könne genannt werden, die
leichtfertigen lieblichen Töne oder das Spiel von des lieben, schönen Tänzers
Beinen. Er hüpfte daher wie ein artiges sprungfertiges, wohlerzogenes
Hündchen, welches, indem es übermütig umherspringt, Rührung und Sympathie
erweckt. Gleich dem Wiesel im Walde lief er über die Bühne, und wie der
ausgelassene Wind tauchte er auf und verschwand er. – Solcherlei Lustigkeit
schien keiner von allen denen, die im Theater saßen, je gesehen oder für möglich
gehalten zu haben. Der Tanz wirkte wie ein Märchen aus unschuldigen, alten
Zeiten, wo die Menschen, mit Kraft und Gesundheit ausgestattet, Kinder waren,
die miteinander in königlicher Freiheit spielten. Der Tänzer selber wirkte wie ein
Wunderkind aus wunderbaren Sphären. Wie ein Engel flog er durch die Luft, die
er mit seiner Schönheit zu versilbern, zu vergolden und zu verherrlichen schien.
Es war, als liebe die Luft ihren Liebling, den göttlichen Tänzer. Wenn er aus der
Luft niederschwebte, so war es weniger ein Fallen als ein Fliegen, ähnlich wie
ein großer Vogel fliegt, der nicht fallen kann, und wenn er den Boden wieder mit
seinen leichten Füßen berührte, so setzte er auch sogleich wieder zu neuen
kühnen Schritten und Sprüngen an, als sei es ihm unmöglich, je mit Tanzen und
Schweben aufzuhören, als wolle, als solle und als müsse er unaufhörlich
weitertanzen. Indem er tanzte, machte er den schönsten Eindruck, den ein junger
Tänzer zu machen vermag, nämlich den, daß er glücklich sei im Tanze. Er war
selig durch die Ausübung seines Berufes. Hier machte einmal die gewohnte
tägliche Arbeit einen Menschen selig – aber es war ja nicht Arbeit, oder aber er
bewältigte sie spielend, gleich, als scherze und tändele er mit den
Schwierigkeiten, und so, als küsse er die Hindernisse, derart, daß sie ihn lieb
gewinnen und ihn wieder küssen mußten. Einem heiteren, über und über in
Anmut getauchten Königssohne aus dem goldenen Zeitalter glich er, und alle Sorgen und Bekümmernisse, alle unschönen Gedanken schwanden denen dahin,
die ihn anschauten. Ihn anschauen hieß ihn gleich auch schon lieben und
verehren und bewundern. Ihn seine Kunst ausüben sehen, hieß für ihn
schwärmen. Wer ihn gesehen hatte, träumte und phantasierte noch lang nachher
von ihm.