Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 54 von 126

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Kleine Dichtungen

Ausgang

 

Ich ging hinaus in das kalte Morgengrauen. Bäume und Häuser schwarz und

Rauch in der Straße. Nach und nach hellte es sich auf. In den Stuben brannten

die Lampen. Wovon ich aber besonders sprechen will: ich ging hinter drei

Mädchen, die zur Schule liefen. Viele andere kleine Kinder liefen ebenfalls zur

Schule. Eines der drei Mädchen ging so schön. Ihre kleinen, weichen und schon

so vollen Beine machten die lieblichste Musik. Ich konnte mich nicht satt daran

schauen. Zwei winzige Zöpfe hingen ihr den Nacken herab über den Rücken.

Die Kleine war schon so weiblich bei der Jugendlichkeit, schon so reif bei der

unschuldigen Unreife. Herrlich sah es aus, wie die Schuhe so weich, mild und

voll waren mit dem Fuß, und wie die ganze Figur so leicht und doch so

angenehm schwer vor mir hinlief, und wie das kleine zierliche Stiefelabsätzchen

sich so anmutig krümmte unter der schönen, leichten, weichen Last. Die Formen

an dem Kind waren so groß, redeten so weich. Bald traten indessen die Mädchen

in das Schulhaus, und ich ging meines Weges durch den kalten, dunklen

Wintermorgen weiter. Ein paar Häuser und ein paar Bäume und wenige

Menschen. Es tat mir alles so wohl. Der Weg und die Wiese waren hartgefroren,

und die Berge entlang lag eine graue Wolkenschicht, so fest, als könne sie nicht

mehr weggehen. Zierlich wie Kinder standen kleine Bäume im Wiesengrün, und

dann sah ich eine zarte, liebe, feine, grüne Anhöhe und das altersgraue Dach von

einem Bauernhaus, zwei Hunde, noch einen anderen Hund, der mich mit seiner

warm-nassen Nase antupfte, als sei es ihm darum zu tun, mir guten Morgen in

aller frischen, kalten Frühe zu wünschen, Arbeiter, die Steine abluden. Einmal

sah ich zu einem niedrigen Fenster hinein. Eine schöne junge Frau im

schneeweißen, reizenden Morgengewand stand hinter den Fensterscheiben und

schaute mich an. Manches schaute auch ich an. Man sieht immer etwas.