Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 43 von 126

PDF-Seiten

Kleine Dichtungen

Die Sonate

 

Angenehme Wehmut – Schmerz, der den Stolz nicht kränkt. Freude über

solcherlei Schmerz. Ein leichter, gefälliger Gram. Selige Erinnerungen. Die

Erinnerungen üppig wie eine blühende Wiese. Leises, wehmutreiches Andenken.

Jetzt eine Schar von Vorwürfen, die er sich selber macht. Nur die Vorwürfe, die

man sich selber macht, sind schöne. Die andern soll man und will man

vergessen. Man hat zuletzt niemandem als nur sich selbst Vorwürfe zu machen.

O, daß doch alle, alle Menschen nur allein sich selbst und sonst niemandem

etwas vorwerfen wollten. Reue? Ja, Reue! Reue ist süß und tönereich. Die Reue

ist ein Weltreich, unendlich und unermeßlich an Ausdehnung. Aber die Reue ist

etwas Zartes. Kaum vernimmt man sie. Freude über die Reue. Ein edles Herz

freut sich über eine edle Empfindung. Dann will ich auch etwas von

Hoffnungslosigkeit dabei haben. Engel sind ohne Hoffnung, haben Hoffnung

nicht nötig. Hofft ein Engel? Nein. Engel sind über alle, alle Hoffnungen

erhaben. Etwas Engelgleiches soll in der Sonate tönen, die ich im Sinne habe.

Doch soll auch Hoffnung wieder dazwischen klingen, wie wenn jemand ganz,

ganz arm und verlassen ist und dennoch immer, immer wieder hofft, gleichsam

wie aus lieber, alter kindlicher Gewohnheit. Jetzt wieder Freude, und zwar

Freude über jemandes andern Freude. Reine Kindlichkeit, reines glückliches

Mitempfinden. Selig sein im Gedanken, daß jemand anders es ist. Ist nicht die

Musik selber so? Ist nicht die Musik selber selig, darüber, daß sie Herrlichkeit,

Heiterkeit und Seligkeit verbreitet? Dann und so kommt eine unsagbare perlende

Verzagtheit. Stilles, süßes Weinen. Auflösung in eine göttlich schöne Schwäche.

Ein Weinen über sich selber und über alles, was da ist und je da war. Nicht ein

Entsetzen, nicht ein Grauen. Die Sonate hier verbietet derlei Heftigkeiten. Sanft

wie ein leicht betrübter blauer Himmel will und soll sie tönen. Ihre Farbe ist das

matte Edelweiß der Perle, und ihr Ton ist das Entschuldigen. Es gibt keine

Schuld, weil es zu viel gibt, es gibt keinen Schmerz, weil er zu groß, zu gewaltig

ist für das Verständnis. Weil es zu viel Enttäuschungen gibt, gibt es keine, soll es

mit ein – einmal keine geben, keine mehr, keine mehr geben. Ah, dergleichen

und ähnliches soll sich in der Sonate, von welcher ich träume, widerspiegeln, und ein junges schönes Mädchen, welches sich mit Leichtigkeit einzubilden

vermag, sie sei ein Engel, soll sie spielen. Ein Engel muß die engelgleiche

Sonate spielen, und es muß herniedertönen aus dem Himmel des Spieles wie

himmlischer Trost, wie himmelreichähnliches Behagen, denn eine reizende

Behaglichkeit, eine tiefsinnige Vergnügtheit denke ich dem Werke einzugeben.

Schmerz und Freude sind wie Freund und Freundin, die sich umhalsen,

umarmen und küssen. Lust und Weh sind wie Bruder und Schwester, die sich

geschwisterlich lieben. Das liebliche sonnige Entzücken ist die Braut, und der

Kummer, der sich ihr ins Herz schleicht, ist der Bräutigam. Genugtuung und

Enttäuschung sind unzertrennlich.