Kleine Dichtungen
Die Sonate
Angenehme Wehmut – Schmerz, der den Stolz nicht kränkt. Freude über
solcherlei Schmerz. Ein leichter, gefälliger Gram. Selige Erinnerungen. Die
Erinnerungen üppig wie eine blühende Wiese. Leises, wehmutreiches Andenken.
Jetzt eine Schar von Vorwürfen, die er sich selber macht. Nur die Vorwürfe, die
man sich selber macht, sind schöne. Die andern soll man und will man
vergessen. Man hat zuletzt niemandem als nur sich selbst Vorwürfe zu machen.
O, daß doch alle, alle Menschen nur allein sich selbst und sonst niemandem
etwas vorwerfen wollten. Reue? Ja, Reue! Reue ist süß und tönereich. Die Reue
ist ein Weltreich, unendlich und unermeßlich an Ausdehnung. Aber die Reue ist
etwas Zartes. Kaum vernimmt man sie. Freude über die Reue. Ein edles Herz
freut sich über eine edle Empfindung. Dann will ich auch etwas von
Hoffnungslosigkeit dabei haben. Engel sind ohne Hoffnung, haben Hoffnung
nicht nötig. Hofft ein Engel? Nein. Engel sind über alle, alle Hoffnungen
erhaben. Etwas Engelgleiches soll in der Sonate tönen, die ich im Sinne habe.
Doch soll auch Hoffnung wieder dazwischen klingen, wie wenn jemand ganz,
ganz arm und verlassen ist und dennoch immer, immer wieder hofft, gleichsam
wie aus lieber, alter kindlicher Gewohnheit. Jetzt wieder Freude, und zwar
Freude über jemandes andern Freude. Reine Kindlichkeit, reines glückliches
Mitempfinden. Selig sein im Gedanken, daß jemand anders es ist. Ist nicht die
Musik selber so? Ist nicht die Musik selber selig, darüber, daß sie Herrlichkeit,
Heiterkeit und Seligkeit verbreitet? Dann und so kommt eine unsagbare perlende
Verzagtheit. Stilles, süßes Weinen. Auflösung in eine göttlich schöne Schwäche.
Ein Weinen über sich selber und über alles, was da ist und je da war. Nicht ein
Entsetzen, nicht ein Grauen. Die Sonate hier verbietet derlei Heftigkeiten. Sanft
wie ein leicht betrübter blauer Himmel will und soll sie tönen. Ihre Farbe ist das
matte Edelweiß der Perle, und ihr Ton ist das Entschuldigen. Es gibt keine
Schuld, weil es zu viel gibt, es gibt keinen Schmerz, weil er zu groß, zu gewaltig
ist für das Verständnis. Weil es zu viel Enttäuschungen gibt, gibt es keine, soll es
mit ein – einmal keine geben, keine mehr, keine mehr geben. Ah, dergleichen
und ähnliches soll sich in der Sonate, von welcher ich träume, widerspiegeln, und ein junges schönes Mädchen, welches sich mit Leichtigkeit einzubilden
vermag, sie sei ein Engel, soll sie spielen. Ein Engel muß die engelgleiche
Sonate spielen, und es muß herniedertönen aus dem Himmel des Spieles wie
himmlischer Trost, wie himmelreichähnliches Behagen, denn eine reizende
Behaglichkeit, eine tiefsinnige Vergnügtheit denke ich dem Werke einzugeben.
Schmerz und Freude sind wie Freund und Freundin, die sich umhalsen,
umarmen und küssen. Lust und Weh sind wie Bruder und Schwester, die sich
geschwisterlich lieben. Das liebliche sonnige Entzücken ist die Braut, und der
Kummer, der sich ihr ins Herz schleicht, ist der Bräutigam. Genugtuung und
Enttäuschung sind unzertrennlich.