Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 46 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Jagdhund

 

Auf meinen kleinen, ich muß und darf sagen, winzig kleinen Wanderungen

sehe ich allerlei Hunde, und ich habe die drolligen vierfüßigen Burschen schon

ordentlich liebgewonnen. Da ist vornehmlich der Karrenhund, den die Metzger

und Milchhändler an ihre Handwagen spannen. Er ist ein prächtiger,

pflichtbewußter Kerl, und ich achte ihn ganz außerordentlich. Längst schon hatte

ich immer im Sinn, einmal ein Wort über ihn zu sagen. Er verdient Anerkennung

in jeder Hinsicht, und wer sich die Mühe nimmt, ihn aufmerksam zu beobachten,

wie er so ganz und gar der Eifer und die Treue selber ist, wie er seinen Zweck

und seine Bestimmung so schön versteht und aufgeht in der Aufgabe, die er zu

erledigen hat, der wird nicht anders können als ihn loben. Freudig, ja oft sogar

feurig und stürmisch zieht er den Wagen vorwärts, und wenn er so recht arbeiten,

ziehen und seine Kraft anstrengen kann, läßt er ein kräftiges, fröhliches Gebell

vernehmen, daß man deutlich hört und sieht, wie ihm der Dienst Vergnügen

macht. Heute früh auf meinem Rundgang sah ich einen Hund sich mit wahrer

Wonne im frischen Schnee hin- und herwälzen, was einen Anblick gewährte, der

sich meinem Kopfe einprägte. Reizend spielen oft große starke Hunde mit ganz

kleinen Kindern, und überaus sehenswert ist es, wie der kraftvolle Kerl sich da

dem zarten Kinde so hübsch, so gefällig anpaßt und auf die kleinste und feinste

Bewegung sorgfältig acht gibt, die das Kind beliebt auszuführen. An

Aufmerksamkeit ist der Hund ein König, und sein treues ehrliches Verständnis

leuchtet ihm überraschend schön aus den Augen. In unserer Stadt gibt es viele

Hunde, und daß sie gut gehalten und gut behandelt werden, sieht man ihnen an.

Beinahe schrecklich in ihrem wütenden Eifer sind Jagdhunde. Ich saß einmal

vergangenen Sommer im stillen tiefgrünen Wald auf einem Stein. Ringsum

wundersames, zartes, dichterisches Schweigen. Mit einmal rast die klägliche,

jämmerliche Jagd daher. Ein armer Hase springt durch die Waldesstille, und

hinter ihm her, mit zornigem Geheul, welches die Stille jäh unterbricht, rennt der

Hund mit ungestümen Sätzen, der glühende, eingefleischte Verfolger, entsetzlich

hingegeben seiner grausamen Aufgabe. Er kriegte aber den Hasen nicht, denn

später sprang er wieder an mir vorbei, jetzt, so, wie wenn er verwundet worden wäre, Jammerlaute ausstoßend. Er hatte sein Ziel nicht erreicht, das

leidenschaftlich ins Auge gefaßte Ziel, und gab sich jetzt dem Schmerze hin. Er

war ganz Trauer, ganz tödliche Enttäuschung.