Kleine Dichtungen
Johanna
Ich war, fällt mir ein, neunzehn Jahre alt, machte Gedichte, trug noch keinen
ordentlichen Kragen, lief in den Schnee und in den Regen, stand des Morgens
immer früh auf, las Lenau, fand, daß ein Überzieher etwas Überflüssiges sei,
bezog monatlich hundertfünfundzwanzig Franken Gehalt und wußte nicht, was
ich mit dem vielen Geld anfangen sollte. Kost und Logis hatte ich beim
Paketmann Senn. Senn ist mir unvergeßlich. Er machte stets eine ebenso dumme
wie finstere Miene, hatte einen struppigen, rabenschwarzen Bart im Gesicht und
spielte den ärgerlichen Tyrannen, eine Rolle, in die er, so häßlich sie sein
mochte, wie vernarrt war. Seine beiden Söhne, Theodor und Emil Senn, prügelte
er. Die armen Jungen, sie bekamen Hiebe dafür, weil sie des Dummkopfes von
Vaters schlechtes Betragen nachahmten. Frau Senn war eine liebe arme geplagte
Frau, völlig des kleinlichen Gewalthabers Sklavin. Das Essen war gut; lustige
Pensionäre waren stets da, und der Weißwein des Postpaketmenschen mundete
vortrefflich. Doch was bedeutete aller Weißwein gegen das Mädchen Johanna,
die ebenfalls das Vergnügen hatte, beim wilden Pöstler logieren und kostgängern
zu dürfen. Sie war auf dem Kontor beschäftigt, ähnlich wie ich, und jeden
Morgen gingen wir zusammen, sie die Dame, und ich ihr Ritter, nach unsern
Geschäftshäusern, um hübsch tätig zu sein. Sie diente bei der
Schreibmaschinenbranche, während ich mein bißchen Kraft und guten Willen
der Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft freundlich zur Verfügung stellte.
Johanna war lieb über alle Begriffe und sanft wie Mondschein. Ich schrieb ihr
ein Gedicht ins Album, einen kühnen extravaganten Erstling, sie zeigte es ihrer
Mutter, und diese warnte ihr Töchterchen vor mir, wir mußten beide herzlich
lachen. O wie süß mutete mich der anmutvolle Ritterdienst an. Wir wohnten vier
Treppen. Hatte nun vielleicht Johanna, schon unten an der Haustüre stehend,
ihren Schirm oder ihr Taschentuch oder sonst etwas vergessen, so erhielt ich den
Auftrag, hinaufzuspringen und das Liegengelassene zu holen. Wie machte mich
das glücklich, und wie süß, wie schön, wie zart lächelte sie darüber. Ihre Hände
waren üppig und weich und so weiß wie Schnee, und der Kuß darauf, wie
berauschte, wie bezauberte er mich. Senn war wütend auf uns, weil wir bis in alle Nacht hinein auf Johannas Zimmer miteinander Englisch lernten. Er hörte
wohl durch die Wand, was das für eine kosende, belustigende Art von Englisch
war, das wir trieben. Holde, unvergeßliche Sprachstunde, liebes unvergeßliches
weibliches Wesen.