Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 14 von 126

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Kleine Dichtungen

Johanna

 

Ich war, fällt mir ein, neunzehn Jahre alt, machte Gedichte, trug noch keinen

ordentlichen Kragen, lief in den Schnee und in den Regen, stand des Morgens

immer früh auf, las Lenau, fand, daß ein Überzieher etwas Überflüssiges sei,

bezog monatlich hundertfünfundzwanzig Franken Gehalt und wußte nicht, was

ich mit dem vielen Geld anfangen sollte. Kost und Logis hatte ich beim

Paketmann Senn. Senn ist mir unvergeßlich. Er machte stets eine ebenso dumme

wie finstere Miene, hatte einen struppigen, rabenschwarzen Bart im Gesicht und

spielte den ärgerlichen Tyrannen, eine Rolle, in die er, so häßlich sie sein

mochte, wie vernarrt war. Seine beiden Söhne, Theodor und Emil Senn, prügelte

er. Die armen Jungen, sie bekamen Hiebe dafür, weil sie des Dummkopfes von

Vaters schlechtes Betragen nachahmten. Frau Senn war eine liebe arme geplagte

Frau, völlig des kleinlichen Gewalthabers Sklavin. Das Essen war gut; lustige

Pensionäre waren stets da, und der Weißwein des Postpaketmenschen mundete

vortrefflich. Doch was bedeutete aller Weißwein gegen das Mädchen Johanna,

die ebenfalls das Vergnügen hatte, beim wilden Pöstler logieren und kostgängern

zu dürfen. Sie war auf dem Kontor beschäftigt, ähnlich wie ich, und jeden

Morgen gingen wir zusammen, sie die Dame, und ich ihr Ritter, nach unsern

Geschäftshäusern, um hübsch tätig zu sein. Sie diente bei der

Schreibmaschinenbranche, während ich mein bißchen Kraft und guten Willen

der Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft freundlich zur Verfügung stellte.

Johanna war lieb über alle Begriffe und sanft wie Mondschein. Ich schrieb ihr

ein Gedicht ins Album, einen kühnen extravaganten Erstling, sie zeigte es ihrer

Mutter, und diese warnte ihr Töchterchen vor mir, wir mußten beide herzlich

lachen. O wie süß mutete mich der anmutvolle Ritterdienst an. Wir wohnten vier

Treppen. Hatte nun vielleicht Johanna, schon unten an der Haustüre stehend,

ihren Schirm oder ihr Taschentuch oder sonst etwas vergessen, so erhielt ich den

Auftrag, hinaufzuspringen und das Liegengelassene zu holen. Wie machte mich

das glücklich, und wie süß, wie schön, wie zart lächelte sie darüber. Ihre Hände

waren üppig und weich und so weiß wie Schnee, und der Kuß darauf, wie

berauschte, wie bezauberte er mich. Senn war wütend auf uns, weil wir bis in alle Nacht hinein auf Johannas Zimmer miteinander Englisch lernten. Er hörte

wohl durch die Wand, was das für eine kosende, belustigende Art von Englisch

war, das wir trieben. Holde, unvergeßliche Sprachstunde, liebes unvergeßliches

weibliches Wesen.