Kleine Dichtungen
Lenau
Der Liebling des Grames, der Freund des Schmerzes war er. Seltsam war er,
und noch viel seltsamer ist es, daß man von ihm eigentlich gar nichts kennt, und
daß trotzdem sein Ruhm bis zu den Wolken hinaufragt. Das macht sein Name.
Sein Name ist so schön, so zigeunerhaft-romantisch. Ich bin allein schon in den
Namen Lenau verliebt, der nicht wie nach realem Leben, sondern wie nach
einem Roman, nach einer holdseligen Liebesaffäre tönt. Lenau liebte den Herbst,
das herbstliche Welken, das Fallen der Blätter, das Entfärben, das Vergehen. Er
liebte das schneeweiße, kalte Schweigen des Winters. An den Tod und an das
Ende zu denken, war ihm ein sonderbarer Genuß. Sonderbar war Lenau. Er war
herrlich in seiner Art. Das Leben liebte er nicht, und dennoch liebte er es, er
liebte es um der darin enthaltenen Enttäuschungen willen. Er war in die
Enttäuschungen, in die Hoffnungslosigkeit, in die Unergründlichkeit, in die harte
Unentrinnbarkeit verliebt. Er liebte den rauhen, kalten November, mithin also
das sogenannte schlechte Wetter. Schönes, mildes, sonniges Wetter irritierte ihn,
machte ihn stutzen. Dagegen, wenn die Stürme stürmten, wenn der Wind durch
die Gegend brauste, wenn der Schnee fiel, da erkannte er sein Wesen und lebte
das ihm angeborene Leben. Er fühlte sich wohl beim schauervollen Gedanken an
die Gräber, und auf den Genuß dessen, was nicht zu genießen ist, verstand er
sich vortrefflich. O, was für schöne, schmerzenbange, wehmuttrunkene
Herbstgedichte hat er gemacht. Sein Hauptausstattungsstück bestand in einem
schwarzen, flatternden Pellerinenmantel, und Nummer zwei seiner Requisiten
war ein Rinaldini-Schlapphut, ebenfalls tiefernst und rabenschwarz von Farbe.
Schwarz war sein Haar, das sich gleich tiefen, schönen, anmutigen Gedanken um
seine ausdrucksvollen Schläfen ringelte. Voll schwarzen Glanzes waren seine
traurig-lieben Augen, mit denen er in die Welt schaute, als verzweifle er, oder als
sehne er sich nach einer Verzweiflung. Augenbrauen schwarz und Bart schwarz,
falls er einen solchen hatte, was ich nicht geradezu behaupten möchte. Und in
der trüben, grauen, kalten Novemberluft flogen Raben, und Lenau stand am
Wege, unter einem entblätterten Baum, das Notizbuch in der Hand, schreibend
einen seiner schwermutvollen Verse. Seine Herbstlieder sind weltberühmt. Ich selbst habe sie schon lange, lange nicht mehr gelesen. Aus ferner, umflorter
Erinnerung nur tauchen die Worte dieser Gedichte vor mir auf, aber ich weiß,
daß sie schön sind. Unverwelkliches Welken, blühender, unsterblicher Gram,
rosengleiches Verzagen und Klagen, immergrüner Schmerz, ewig junger, ewig
lebendiger Tod.