Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 61 von 126

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Kleine Dichtungen

Spaziergang

 

Ich habe einen wohligen, kleinen, appetitlichen Spaziergang gemacht, leicht

und angenehm wickelte er sich ab. Ich ging durch ein Dorf, dann durch eine Art

von Hohlweg, dann durch einen Wald, dann über ein Feld, dann wieder durch

ein Dorf, dann über eine eiserne Brücke, unter welcher der breite, sonnige, grüne

Strom vorüberfloß, dann den Strom langsam entlang und so fort, bis es Abend

wurde. Doch ich muß wieder zu dem Wald zurückkehren. Übrigens werde ich

sehr wahrscheinlich auch über die Brücke noch etwas zu sagen haben. Im Wald

war es so heilig-still, so feierlich, und als ich aus dem feuchten, dunkelgrünen

Tannenwald herauskam, sah ich am Rand des Waldes zwei Kinder, die Holz

zusammengelesen hatten, und die so helle Gesichter und Arme hatten. Die

Wintersonne warf einen milden, goldenen Wunderglanz über den Feldhügel,

über grüne Wiesen und dunkelbraunes Ackerland. Kahle, schwarze Bäume

standen in der Sonne. Da sah ich, indem ich so ging, ein neues Kindergesicht,

ein süßes, welches mich anlächelte. Und dann kam ich, wie gesagt, zu der

Brücke, die ganz im Golde und im Silber der Sonne schimmerte und zuckte.

Wonnig und großartig floß das Wasser unter der Brücke. Später, im Feldweg,

begegnete mir eine Frau, deren ich mich darum erinnere, weil sie mich so

freundlich grüßte. Da dachte ich: »Welch ein Vergnügen ist es doch, unter den

Menschen sein zu dürfen.« Die Häuser am anderen Ufer des Flusses standen so

schön, so frei auf der grünen Anhöhe, und die Fenster waren voll gelben

Schimmers. Eine Schar Vögel flog in den brennenden Abendschimmer hinein.

Ich verfolgte mit meinen Augen die Kette, bis sie verschwand. Eine Seite der

Welt war ruhig und warm und dunkel, die andere war kalt und goldig und

schimmernd-hell. Ruhig, Schritt für Schritt, ging ich weiter, bis ich einbog ins

Land. Alsdann sah ich einige Leute, eine Frau und ein Kind unter abend-

schwärzlichen Bäumen. Ihre Augen sahen mich so fragend an. Dann ging ich

neben einem Haus vorbei, das ganz allein auf freiem weiten Felde stand, ein

zierliches, wunderseltsames altes liebes Gärtchen davor oder daneben. Das

Gärtchen umzäunt von einer wunderlichen, phantastischen Hecke. Nun wurde

mir mit einem Mal alles zu Traum, Liebe und Phantasie. Alles, was ich jetzt anschaute, nahm große und hohe Form an. Die Gegend selber schien zu dichten,

zu phantasieren. Sie schien über ihrer eigenen Schönheit zu träumen. Das Land

war wie versunken in ein tiefes, musikalisches Denken. Ich blieb bezaubert von

der Schönheit, die mich umgab, stehen und schaute mich aufmerksam nach allen

Seiten um. Es war Abend geworden, das Grün sprach eine herrliche abendliche

Sprache. Farben sind wie Sprachen. Dem Haus, bei dem ich stand, hing das

Dach in die Fenster hinab wie eine Kopfbedeckung in die Augen. Sind nicht die

Fenster die Augen der Häuser? Ich mußte jetzt zum Halbmond hinaufblicken,

der hoch über dem Waldberg stand. Wundersam war es mir, zu sehen, wie die

dunkle Erde so warm, so gesellig, so wohlig-ruhig dalag, und wie der Mond da

oben in der schimmernd-blassen und kalten Himmelseinsamkeit schwebte und

glänzte. Seine Farbe war ein scharfes, eisigkaltes Silbergrün. Göttlich schön und

unaussprechlich dunkel stand der Wald mit seinen reizenden Tannenspitzen unter

dem graziösen Herrscher, dem herrlichen Mond. Ich kam an einem anderen Haus

vorüber, eine Frau stand an der Tür, und ein Kätzchen kauerte neben ihr. Ich ging

mit meinen Gedanken in das Haus hinein und blieb mit ihnen darin wohnen.

»Wie sind Menschen und Häuser einander ähnlich,« sagte ich murmelnd zu mir

selber. Dunkler und dunkler wurde es. Abende sind Gottheiten, und im Abend ist

man wie in einer süßen, hohen, wehmutreichen Kirche. Am blassen Himmel

stand jetzt ein feuriges, süßes Rot. Es war, als sei der Himmel eine Wange, die

vor Glück und vor Seligkeit erglühe. Ein Bauernbursche führte eine braune Kuh

neben mir vorüber. Die kleinen Dorfkinder sagten gar wunderschön aus dem

zunehmenden Abenddunkel heraus guten Abend. Alle Gesichter waren rötlich

angeglüht vom rosig-glühenden Abendrot. Schon zeigten sich die Sterne. Da war

gerade das Wirtshaus am Weg. Ich ging hinein.