Kleine Dichtungen
»Der Traum«
jetzt der Geliebte sein und sie liebkosen. Vielleicht ist jetzt das Weh des
Verlustes noch nicht so groß, wie es nach einem Jahr oder erst nach zwei Jahren
sein wird; denn das Weh kann in der Stille wachsen. Erst ist es ein zartes
Glöckchen mit leisem seufzendem Bim-Bim. Doch es kann eine Glocke daraus
werden mit rasendem, vernunftüberflutendem Geläute, gemützerstörend,
herzzerreißend. Entsteht nicht aus der simplen Melodie das gewaltig brausende
und schallende Konzert? Wenn dem so ist, so hat die Frau, die da am Fenster
steht, noch einen schweren Kampf zu kämpfen.
»Der Traum«
Mir träumte, daß ich ein winzig kleiner, unschuldiger, junger Bursche sei, so
zart und jung, wie noch nie ein Mensch war, wie man nur in dunklen, tiefen,
schönen Träumen sein kann. Ich hatte weder Vater noch Mutter, weder Vaterhaus
noch Vaterland, weder ein Recht noch ein Glück, weder eine Hoffnung noch
auch nur die blasse Vorstellung einer solchen. Ich war wie ein Traum mitten im
Traum, wie ein Gedanke, gelegt in einen anderen. Ich war weder ein Mann, der
sich je nach dem Weibe sehnte, noch ein Mensch, der sich jemals Mensch unter
Menschen fühlte. Ich war wie ein Duft, wie ein Gefühl; ich war wie das Gefühl
im Herzen der Dame, die an mich dachte. Ich hatte keinen Freund und wünschte
mir auch keinen, genoß keine Achtung und wünschte auch keine, besaß nichts
und begehrte auch nie irgend etwas zu haben. Was man hat, hat man schon
wieder nicht mehr, und was man besitzt, hat man schon wieder verloren. Nur
das, wonach man sich sehnt, besitzt und hat man; nur, was man noch nie
gewesen, ist man. Ich war weniger eine Erscheinung als ein Sehnen, ich lebte
nur im Sehnen und war, war nur ein Sehnen. Weil ich nichts kostete, schwamm
ich im Genuß, und weil ich klein war, hatte ich hübsch Platz, in eines Menschen
Brust zu wohnen. Entzückend war, wie ich es mir in der Seele, die mich liebte,
bequem machte. Da ging ich also. Ging ich? Nein, ich ging nicht: ich spazierte
in der leeren Luft, ich brauchte, um zu gehen, keinen Boden; höchstens berührte
ich den Boden leise mit den Fußspitzen, als sei ich ein talentreicher, von den
Göttern mit allen Gaben der Tanzkunst begnadeter Tänzer. Mein Kleid war weiß
wie Schnee, und Ärmel und Hosen schleppte ich nach; sie waren mir um ein
Erkleckliches zu lang. Auf dem Kopf trug ich ein zierliches
Dummkopfkäppchen. Die Lippen waren rot wie Rosen, das Haar war goldgelb und ringelte sich mir um die schmalen Schläfen in anmutigen Locken. Einen
Körper hatte ich nicht oder kaum. Aus meinen blauen Augen schaute die
Unschuld. Ein schönes Lächeln hätte ich gar zu gern gelächelt; doch es war zu
zart; es war so zart, daß ich es nicht zu lächeln, sondern nur zu denken und zu
fühlen vermochte. Eine große Frau führte mich an der Hand. Jede Frau ist groß,
wenn sie zärtlich ist, und der Mann, der geliebt wird, ist immer klein. Liebe
macht mich groß; und geliebt und begehrt sein, macht mich klein. Da war ich
dir, lieber huldreicher Leser, so fein und klein, daß ich bequem in den weichen
Muff meiner hohen, lieben, süßen Frau hätte schlüpfen können. Die Hand, die
mich hielt, und an der ich tanzend schwebte, war mit einem schwarzen
Handschuh bedeckt, der hoch hinauf bis über die Ellbogen reichte. Wir gingen
über eine graziös geschweifte und gebogene Brücke und die rötliche,
dichterisch-phantastische Schleppe meiner holden Herrin schlang sich der Länge
nach über die ganze Brücke, unter welcher schwarzes, warmes, duftendes
Wasser träge floß, goldene Blätter mit sich tragend. War es Herbst? Oder war es
ein Frühling nicht mit grünen, sondern mit goldenen Blättern? Ich kann es nicht
mehr sagen. Unsagbar zärtlich schaute mich die Frau an: ich war bald ihr Kind,
bald ihr Mäuschen, bald ihr Mann. Und immer war ich ihr alles. Sie war das
überragend gewaltige und große Wesen, ich das kleine. Kahle Äste stachen hoch
oben in die Luft. So wurde ich weiter, immer weiter weggeführt als eine Art von
niedlichem Besitz, den der Eigentümer ruhig mit sich nimmt. Ich dachte nichts
und wollte und durfte auch von Denken nichts wissen. Alles war weich und wie
verloren. Hatte mich die Macht des Weibes zum Knirps gemacht? Die Macht des
Weibes: wo, wann und wie regiert sie? In der Männer Augen? Wenn wir
träumen? Mit Gedanken?