Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 20 von 126

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Kleine Dichtungen

»Der Traum«

jetzt der Geliebte sein und sie liebkosen. Vielleicht ist jetzt das Weh des

Verlustes noch nicht so groß, wie es nach einem Jahr oder erst nach zwei Jahren

sein wird; denn das Weh kann in der Stille wachsen. Erst ist es ein zartes

Glöckchen mit leisem seufzendem Bim-Bim. Doch es kann eine Glocke daraus

werden mit rasendem, vernunftüberflutendem Geläute, gemützerstörend,

herzzerreißend. Entsteht nicht aus der simplen Melodie das gewaltig brausende

und schallende Konzert? Wenn dem so ist, so hat die Frau, die da am Fenster

steht, noch einen schweren Kampf zu kämpfen.

 

»Der Traum«

 

Mir träumte, daß ich ein winzig kleiner, unschuldiger, junger Bursche sei, so

zart und jung, wie noch nie ein Mensch war, wie man nur in dunklen, tiefen,

schönen Träumen sein kann. Ich hatte weder Vater noch Mutter, weder Vaterhaus

noch Vaterland, weder ein Recht noch ein Glück, weder eine Hoffnung noch

auch nur die blasse Vorstellung einer solchen. Ich war wie ein Traum mitten im

Traum, wie ein Gedanke, gelegt in einen anderen. Ich war weder ein Mann, der

sich je nach dem Weibe sehnte, noch ein Mensch, der sich jemals Mensch unter

Menschen fühlte. Ich war wie ein Duft, wie ein Gefühl; ich war wie das Gefühl

im Herzen der Dame, die an mich dachte. Ich hatte keinen Freund und wünschte

mir auch keinen, genoß keine Achtung und wünschte auch keine, besaß nichts

und begehrte auch nie irgend etwas zu haben. Was man hat, hat man schon

wieder nicht mehr, und was man besitzt, hat man schon wieder verloren. Nur

das, wonach man sich sehnt, besitzt und hat man; nur, was man noch nie

gewesen, ist man. Ich war weniger eine Erscheinung als ein Sehnen, ich lebte

nur im Sehnen und war, war nur ein Sehnen. Weil ich nichts kostete, schwamm

ich im Genuß, und weil ich klein war, hatte ich hübsch Platz, in eines Menschen

Brust zu wohnen. Entzückend war, wie ich es mir in der Seele, die mich liebte,

bequem machte. Da ging ich also. Ging ich? Nein, ich ging nicht: ich spazierte

in der leeren Luft, ich brauchte, um zu gehen, keinen Boden; höchstens berührte

ich den Boden leise mit den Fußspitzen, als sei ich ein talentreicher, von den

Göttern mit allen Gaben der Tanzkunst begnadeter Tänzer. Mein Kleid war weiß

wie Schnee, und Ärmel und Hosen schleppte ich nach; sie waren mir um ein

Erkleckliches zu lang. Auf dem Kopf trug ich ein zierliches

Dummkopfkäppchen. Die Lippen waren rot wie Rosen, das Haar war goldgelb und ringelte sich mir um die schmalen Schläfen in anmutigen Locken. Einen

Körper hatte ich nicht oder kaum. Aus meinen blauen Augen schaute die

Unschuld. Ein schönes Lächeln hätte ich gar zu gern gelächelt; doch es war zu

zart; es war so zart, daß ich es nicht zu lächeln, sondern nur zu denken und zu

fühlen vermochte. Eine große Frau führte mich an der Hand. Jede Frau ist groß,

wenn sie zärtlich ist, und der Mann, der geliebt wird, ist immer klein. Liebe

macht mich groß; und geliebt und begehrt sein, macht mich klein. Da war ich

dir, lieber huldreicher Leser, so fein und klein, daß ich bequem in den weichen

Muff meiner hohen, lieben, süßen Frau hätte schlüpfen können. Die Hand, die

mich hielt, und an der ich tanzend schwebte, war mit einem schwarzen

Handschuh bedeckt, der hoch hinauf bis über die Ellbogen reichte. Wir gingen

über eine graziös geschweifte und gebogene Brücke und die rötliche,

dichterisch-phantastische Schleppe meiner holden Herrin schlang sich der Länge

nach über die ganze Brücke, unter welcher schwarzes, warmes, duftendes

Wasser träge floß, goldene Blätter mit sich tragend. War es Herbst? Oder war es

ein Frühling nicht mit grünen, sondern mit goldenen Blättern? Ich kann es nicht

mehr sagen. Unsagbar zärtlich schaute mich die Frau an: ich war bald ihr Kind,

bald ihr Mäuschen, bald ihr Mann. Und immer war ich ihr alles. Sie war das

überragend gewaltige und große Wesen, ich das kleine. Kahle Äste stachen hoch

oben in die Luft. So wurde ich weiter, immer weiter weggeführt als eine Art von

niedlichem Besitz, den der Eigentümer ruhig mit sich nimmt. Ich dachte nichts

und wollte und durfte auch von Denken nichts wissen. Alles war weich und wie

verloren. Hatte mich die Macht des Weibes zum Knirps gemacht? Die Macht des

Weibes: wo, wann und wie regiert sie? In der Männer Augen? Wenn wir

träumen? Mit Gedanken?