Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 47 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Vater

 

Wenn ich durch das feine, elegante, französische Neuquartier spaziere,

dessen Häuser einen zierlichen Geschmack verraten, gelange ich, dicht neben

der Hauptpost vorbei, und manch ein altes, edles, gartenumsäumtes Herrenhaus

streifend, welches in seinem Parke liegt, wie das stille, köstliche Kleinod in

seiner Umfassung, langsam in die trauliche, träumerische Altstadt, die mich

jedesmal, wenn ich sie sehe, wie ein reizendes und höchst nachdenkliches

Denkmal aus der Vergangenheit anmutet. Still und spitz und tiefsinnig,

freundlich lächelnden Greiseserscheinungen ähnlich, ragen dort die alten Türme

in die Luft empor, und wenn ich, den ehemaligen Festungsgraben entlang, noch

ein paar Schritte weitergehe, so stehe ich vor einem seltsamen, niedrigen,

großdachigen Haus, zu welchem, wie ich sehe, ein kleiner, hübscher,

tiefgelegener Garten gehört. In dem Hause wohnen eine alte Frau und zwei alte

Männer, und einer der beiden behaglichen Alten ist mein Vater, den ich von Zeit

zu Zeit, etwa nach dem Abendessen, besuche, um mit ihm zu plaudern, der gerne

ein Gespräch über die Stadt und ihre Bewohner führt. Hier also, inmitten alter,

phantastisch hoher Dächer und wunderbarer Türme, im Bereiche dessen, was die

Zeiten hartnäckig und standhaft überdauert hat, wohnt er, der alte Mann mit

seinen schneeweißen Haaren, der noch jeden Morgen beizeiten aufsteht und

seine kleinen idyllischen Geschäfte immer noch besorgt mit fast jugendlichem

Eifer. Alte Leute und altertümliche Wohnungen passen vortrefflich zusammen,

und es stimmt mich fröhlich, zu wissen, daß er so gut haust und wohnt, der alte

Mann, der mir so nahe steht, dem ich so nahe stehe. Alles ist dort alt, die Gärten

und ihre hohen prächtigen Tannen, das steinerne Gewölbe und der liebe stolze

Berg mit seinem harten treuen Felsen. Gegenwärtig liegt Schnee auf den

Dächern, Türmen und Tannen, und auch in meines alten Vaters Garten liegt er,

wo im süßen, warmen, goldenen Sommer die heiße Sonne ihre Gewalt entfaltete

und die sanften Flammen, die Rosen, blühten. Gerade sehr viel gehe ich nicht

zum alten Manne. Es soll meinem Gefühl nach eine zarte Scheu sein zwischen

Sohn und Vater, und dann habe ich am ersten Tage schon gemerkt, daß er der

erklärte treue Freund gewisser strikter wunderlicher Gewohnheiten ist, und in seinen lieben, guten, eingesessenen Gewohnheiten mag, soll und will ich ihn

nicht stören. Süße zarte Rosen im kleinen grünen Garten und schneeiges Weiß

auf dem alten Kopfe. Welt, wie bist du wunderbar, wie bist du so leicht und doch

so schwer verständlich. Ewiges reizendes Geheimnis! Fast noch lieber als zu ihm

hineinzutreten und ihn zu sehen ist mir das bloße Draußenstehenbleiben vor

seinem schönen bescheidenen Haus und dann so das Denkendürfen, daß er nun

ruhig und behaglich drinnen sei, in der kleinen Küche beim stillen friedlichen

Abendbrot oder im lieblichen, länglichen Wohn- und Schreibzimmer, seine

Zeitung lesend. Das tut mir wohl bis hinein in die Seele. Einmal stand ich auch

so da und schaute zu des Vaters rötlichem Fenster hinaus, sehend und wissend,

daß er wohlaufgehoben sei. Da war gerade der Mond am Himmel, und

wundervoll war's, wie er so mild, zart und freundlich, sanft und groß und gut auf

die schlafende dunkle Welt hinabblickte.