Kleine Dichtungen
Der Vater
Wenn ich durch das feine, elegante, französische Neuquartier spaziere,
dessen Häuser einen zierlichen Geschmack verraten, gelange ich, dicht neben
der Hauptpost vorbei, und manch ein altes, edles, gartenumsäumtes Herrenhaus
streifend, welches in seinem Parke liegt, wie das stille, köstliche Kleinod in
seiner Umfassung, langsam in die trauliche, träumerische Altstadt, die mich
jedesmal, wenn ich sie sehe, wie ein reizendes und höchst nachdenkliches
Denkmal aus der Vergangenheit anmutet. Still und spitz und tiefsinnig,
freundlich lächelnden Greiseserscheinungen ähnlich, ragen dort die alten Türme
in die Luft empor, und wenn ich, den ehemaligen Festungsgraben entlang, noch
ein paar Schritte weitergehe, so stehe ich vor einem seltsamen, niedrigen,
großdachigen Haus, zu welchem, wie ich sehe, ein kleiner, hübscher,
tiefgelegener Garten gehört. In dem Hause wohnen eine alte Frau und zwei alte
Männer, und einer der beiden behaglichen Alten ist mein Vater, den ich von Zeit
zu Zeit, etwa nach dem Abendessen, besuche, um mit ihm zu plaudern, der gerne
ein Gespräch über die Stadt und ihre Bewohner führt. Hier also, inmitten alter,
phantastisch hoher Dächer und wunderbarer Türme, im Bereiche dessen, was die
Zeiten hartnäckig und standhaft überdauert hat, wohnt er, der alte Mann mit
seinen schneeweißen Haaren, der noch jeden Morgen beizeiten aufsteht und
seine kleinen idyllischen Geschäfte immer noch besorgt mit fast jugendlichem
Eifer. Alte Leute und altertümliche Wohnungen passen vortrefflich zusammen,
und es stimmt mich fröhlich, zu wissen, daß er so gut haust und wohnt, der alte
Mann, der mir so nahe steht, dem ich so nahe stehe. Alles ist dort alt, die Gärten
und ihre hohen prächtigen Tannen, das steinerne Gewölbe und der liebe stolze
Berg mit seinem harten treuen Felsen. Gegenwärtig liegt Schnee auf den
Dächern, Türmen und Tannen, und auch in meines alten Vaters Garten liegt er,
wo im süßen, warmen, goldenen Sommer die heiße Sonne ihre Gewalt entfaltete
und die sanften Flammen, die Rosen, blühten. Gerade sehr viel gehe ich nicht
zum alten Manne. Es soll meinem Gefühl nach eine zarte Scheu sein zwischen
Sohn und Vater, und dann habe ich am ersten Tage schon gemerkt, daß er der
erklärte treue Freund gewisser strikter wunderlicher Gewohnheiten ist, und in seinen lieben, guten, eingesessenen Gewohnheiten mag, soll und will ich ihn
nicht stören. Süße zarte Rosen im kleinen grünen Garten und schneeiges Weiß
auf dem alten Kopfe. Welt, wie bist du wunderbar, wie bist du so leicht und doch
so schwer verständlich. Ewiges reizendes Geheimnis! Fast noch lieber als zu ihm
hineinzutreten und ihn zu sehen ist mir das bloße Draußenstehenbleiben vor
seinem schönen bescheidenen Haus und dann so das Denkendürfen, daß er nun
ruhig und behaglich drinnen sei, in der kleinen Küche beim stillen friedlichen
Abendbrot oder im lieblichen, länglichen Wohn- und Schreibzimmer, seine
Zeitung lesend. Das tut mir wohl bis hinein in die Seele. Einmal stand ich auch
so da und schaute zu des Vaters rötlichem Fenster hinaus, sehend und wissend,
daß er wohlaufgehoben sei. Da war gerade der Mond am Himmel, und
wundervoll war's, wie er so mild, zart und freundlich, sanft und groß und gut auf
die schlafende dunkle Welt hinabblickte.