Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 12 von 126

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Kleine Dichtungen

Das Traumgesicht

 

Ich habe etwas Süßes gesehen, etwas Loses, Lustiges, Flatterhaftes, das doch

wieder auch nicht so flatterhaft war, daß es nicht tiefen Eindruck auf mich und

auf viele andere hätte machen können. Der Ernst des Lebens klang wie eine

Glocke in das liederliche Geflüster und Geklingel und Gelispel hinein. Die

Blätter flüsterten, süßer, leiser Nachtwind wehte, Gelächter tönte, Tränen rannen

aus großgeöffneten Augen, Herzen erzitterten unter all den zaubervollen

Eindrücken, und Musik umrahmte und umfloß und umgoldete das Ganze.

Wunderbar, gleich einem Märchen, an dessen schönen Inhalt die Kinder gerne

glauben, drangen mir die lieben, holden, tausend Jahr alten Melodien zu Herzen.

Indem ich sah, was ich sah, wurde ich zum Kind, und die ganze Welt, so weit ich

schauen konnte, schien mir neu geboren, ganz wie ich selber und wie der, der es

ebenfalls mit ansah. Bänder, rote, grüne und blaue, schlangen sich wie

anmutreiche, harmlose Schlangen durch den milden Tumult des Lebens. Das

Leben war mild und wild zugleich und duftete, ach, so namenlos nach Glück,

und mit einem Mal lag auch schon das gutwillige, unschuldige Liebesglück

zerrissen am Boden. Es gab niemand, der nicht liebte und der nicht begehrte.

Alle waren in den schönen Silber- und Feuerstrom mit hineingerissen, und alle

wollten das ja auch. Weh und Freude, Schmerz und Lust schauten allen, die das

Spiel mitspielten, schimmernd und lechzend aus den Augen. Einige Augen

waren niedergeschlagen, und Lippen waren da, die entfärbten sich und

stammelten. Schwelgerische Rosen, die in ihren eigenen Farben zerflossen,

prangten aus dem üppigen Bild lockend und bezaubernd hervor. Lichter

züngelten und liebäugelten hinter dunklem, traumhaftem Grün wie rätselhafte

Augen hinter Augenbrauen, und Wellen liefen über das glatte Gestein, und

Hoffnungen und Sehnsuchten gaben in dem Raum den Ton an. Bald war der

Raum, was er war, bald wieder war er ein Gedanke, so zart, daß der, der ihn

dachte, fürchten mußte, er verliere ihn. Ist nicht immer der verloren gegangene

Gedanke der schönste? Was man hat, schätzt man nicht, und was man besitzt, ist

entwertet. O wie schön war der See in der nahen Ferne, vom Mond versilbert,

der sich, indem er sich ins Wasser verliebte, in den See glühend niederstürzte, sich nun in dem Leib, den er vergötterte, selig widerspiegelnd. Das Wasser

schauerte und lag ganz still, beglückt durch die Vergötterung. Mond und Wasser

waren wie Freund und Freundin, gefesselt durch den Kuß, dem sie sich

überließen. So zerfloß und zerrann bald alles, und bald sah ich es von neuem,

nur noch reicher ausgestattet, aus der Undeutlichkeit hervortauchen.

Schweigend, ganz nur Auge, saß ich da und hatte alle Wirklichkeit vergessen.