Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 2 von 126

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Kleine Dichtungen

Mittagspause

 

Ich lag eines Tages, in der Mittagspause, im Gras, unter einem Apfelbaum.

Heiß war es, und es schwamm alles in einem leichten Hellgrün vor meinen

Augen. Durch den Baum und durch das liebe Gras strich der Wind. Hinter mir

lag der dunkle Waldrand mit seinen ernsten, treuen Tannen. Wünsche gingen mir

durch den Kopf. Ich wünschte mir eine Geliebte, die zum süßen duftenden Wind

paßte. Da ich nun die Augen schloß und so dalag, mit gegen den Himmel

gerichtetem Gesichte, bequem und träg auf dem Rücken, umsummt vom

sommerlichen Gesumm, erschienen mir, aus all der sonnigen Meeres- und

Himmelshelligkeit herab, zwei Augen, die mich unendlich liebenswürdig

anschauten. Auch die Wangen sah ich deutlich, die sich den meinigen näherten,

als wollten sie sie berühren, und ein wunderbar schöner, wie aus lauter Sonne

geformter, feingeschweifter und üppiger Mund kam aus der rötlich-bläulichen

Luft nahe bis zu dem meinigen, ebenfalls so, als wolle er ihn berühren. Das

Firmament, das ich zugedrückten Auges sah, war ganz rosarot, umsäumt von

edlem Sammetschwarz. Es war eine Welt von lichter Seligkeit, in die ich

schaute. Doch da öffnete ich dummerweise plötzlich die Augen, und da waren

Mund und Wangen und Augen verschwunden, und des süßen Himmelskusses

war ich mit einmal beraubt. Auch war es ja Zeit, in die Stadt hinunterzugehen, in

das Geschäft, an die tägliche Arbeit. Soviel ich mich erinnere, machte ich mich

nur ungern auf die Beine, um die Wiese, den Baum, den Wind und den schönen

Traum zu verlassen. Doch in der Welt hat alles, was das Gemüt bezaubert und

die Seele beglückt, seine Grenze, wie ja auch, was uns Angst und Unbehagen

einflößt, glücklicherweise begrenzt ist. So sprang ich denn hinunter in mein

trockenes Bureau und war hübsch fleißig bis an den Feierabend.