Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 24 von 126

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Kleine Dichtungen

Tobold

 

Der Schurke

 

Glaubst du, ich sei ein Schurke? Ich

bin keiner. Glaube mir, ich bin

nicht solch ein Bösewicht. Das hat

die Zunge so aus mir gemacht.

Die Welt will gleich ein Bildnis sehn.

's ist sonderbar. Man ist nicht das,

was man in seinem Innern ist,

nein, du bist Werk von ihnen, bist

Abguß von dem Geflüster. Sie

woll'n dich so handeln sehn, und so

auch handelst du. Ich bin nicht schlecht;

nur krank.

 

Tobold

 

Wie? Ja. 's ist sonderbar.

Auch ich bin nicht der Meinung, du seist ein

Halunke. Zwar bin ich

ja nur ein dummer Junge, und

ich kann mich irren, doch kann denn

nicht auch die Welt im Irrtum sein?

Könn'n sie nicht auch sich irr'n, die dich

verdammen? Du hast Augen, die

mir, wie doch soll ich sagen, sehr

gefallen. Krank bist du? Ich glaub's.

Doch warum gehst du nicht zum Arzt?

 

Schurke Vielleicht bist du der Arzt. Du bist

jed'falles gut.

 

Tobold

 

Hier kommt ja, wie ich sehe, der

schlicht-ehrliche Bedrängte. Sein

Gesicht ist falsch. Er hält sich für

was Bess'res als er ist. Er ist

mehr Schaf als fromm. Ich mag ihn nicht.

Dich, Schurke, jedoch mag ich gern.

 

Der Bedrängte

 

Voll Bosheit, bild' ich stets mir ein,

sei diese ungereimte Welt.

Ich blicke stets nur selbst mich an

und sehe immer mich verfolgt:

Hier steht der Bös'wicht, der mich drängt.

 

Tobold

 

Das bildet sich ein Dummkopf ein.

 

Der Bedrängte

 

Wer bist du, der so keck sich mischt

in dieses Spiel? Ich sah dich nie

und achte deiner deshalb nicht.

Du scheinst ein frecher Betteljung'!

 

Tobold

 

Tobold heiß' ich, und ich gab nie

Schafsköpfen Anlaß, mich

zu achten. 's ist ein mageres Geschäft

und es kommt nichts dabei heraus.

Ich bin mein selbst. Ich selbst

hab Achtung vor mir. Wisse das. Und dann

hab ich auch Freude an der Welt.

Hier beispielsweis' am Schurken hab'

ich Freude. An der Sonne hab'

ich Freude. Doch an dir nicht. Du

freust mich in keiner Art und Weis'.

Nicht Art hast du. Was Art hat, das

entzückt mich. Dieb' und Schelm'

selbst sind erfreulich. Packt man sie,

so sperrt man sie ins Zuchthaus ein

und weiß auch, was getan man hat.

Doch du bist ein Chamäleon.

Nichtswürdig bist du. Teufel sind

doch Teufel. – Hier dem Schurken geb'

die Hand ich. Dir kann man die Hand

nicht reichen. Spinnen sind verständlicher,

Mäus', Ratt' und Kröten, als

ein Mensch, wie du, dem's nur auf das

Verfolgtsein ankommt.

 

Schurke

 

Ha ha ha!

Recht so, mein Junge, schimpf ihn aus.

 

Bedrängter

 

Auch hier, auch hier bedrängt man mich.

Die Welt ist voll von Hinterlist.

Ich will nur gleich zur Fürstin gehn

und ihr das melden.

 

Schurke

 

Tritt nur ab.

Komm, du mein wackrer Junge, komm.

Ich will zu einer Tänzerin

dich führen. Wein soll sprühn. Der Ort,

wo sie sich aufhält, ist nicht fern.

In dem Gebüsch, das du dort siehst,

liegt sie im schwellend weichen Gras.

Schön ist sie, göttergleich tanzt sie.

Doch du wirst sehn. Sie soll dich an

die Brüste drücken. Schlemmen ist

nicht schlecht, wenn man's mit Grazie tut.

 

Tobold

 

Ich gehe gern an solchen Ort.

 

Verwandlung

Tobold

 

Ich soll mich finden, sagt mir das

Gestirn. Mich finden? Müßt' ich da

mich nicht vorher verlieren? Kann

ich mich denn finden, wenn's an mir

nichts aufzufinden gibt? Wer nie

verloren gehn will, kann sich auch

nie finden. Also will ich mich

verlieren. Hier nun tapp' ich ganz

im Dunkeln. Nacht ist es, und ein

Geräusch, so sieht's hier aus, läßt sich

hier gar nicht denken. Wenn ein Schuß

jetzt fiele, wär's mir, wie wenn ich

ihn mir nur träumte. Was denn such'

ich hier? Mich selbst? Nein, denn ich bin

nicht gar so sehr erpicht auf mich.

Es muß hier jemand sein, sonst wär'

ich hier nicht auf der Suche. Pst.

Sprach da nicht jemand? Ganz bestimmt

ist irgend jemand hier, doch wer,

ist mir ein Rätsel. Doch wenn auch

der Glaube nur, es sei hier wer,

hier ist, so ist schon viel hier. Mir

sagt es der Glaube, daß es hier

ein Leben gibt, und daß wer hier

ist, schön ist. Horch. War das? Nein, es

ist alles still. Nichts regt sich, als

der Wunsch in mir, es möchte hier jemand sich regen.

 

Die Verlassene

 

Bös' bin ich? Nein, ich bin nicht bös'.

Verfehmt bin ich und muß hier am

entlegnen Ort verlassen sein.

Um Liebe willen, die mich hat

betrügen müssen, muß ich hier

verstoßen und verlassen sein.

Niemand kommt zu mir her, es fällt

niemandem ein, bei mir zu sein.

Niemand kommt bis zum düstern Ort

der finstern Ausgestoßenheit.

Es will mich niemand kennen, es

will niemand mehr gerecht mir sein.

Ich kann nicht klagen. Klagt' ich, so

riß es mich bis zum Wahnsinn hin.

Drum still, drum nur gelitten, nur

allein gelitten. Ist nichts anderes

übrig, so leidet man

wie in dem Grund des Meers das Naß

nur naß sein kann, wie, wer sich sticht,

nur bluten kann. Verlassenheit,

sei du mir Krone. Schmerz, sei du

Palast mir, und ich Fürstin so.

 

Tobold

 

Horch, horch, es tönt. Wie süß das tönt.

Ich habe stets Musik geliebt.

Mir immer als ein Wunder kam

sie vor.

 

Verlassene

 

Ist jemand hier?

 

Tobold

Ich bin's.

 

Verlassene

 

Wer bist du?

 

Tobold

 

Eine Wenigkeit.

Ein junger dummer Mensch bin ich.

Sonst brav vielleicht, vielleicht auch nicht;

arbeitsam, doch vielleicht auch nicht;

fähig zum Guten, doch vielleicht

auch zu was anderem fähig. Un-

bekannt ist mir's. Ich habe mich

da so, wie soll ich sagen, in

der Finsternis verloren, doch

hielt ich stets wacker mich gradauf.

Es soll der Mensch auf Haltung sehn,

als wenn er selbst sich immer ge-

genüberstände. Fürstin nannt'st

du dich. Ich habe es gehört. Ich hab'

gelauscht. Verzeih. Ich bin

solch einer, der das, was er hört,

beiseite schiebt. Es scheint, daß du

unglücklich bist. So paßt es; denn

ich liebe und verehre, was

nicht fröhlich ist. Ich selbst, mußt du

erfahren, bin mir, glaub' mir, fast

zu fröhlich. Ich verachte mich

ja auch dafür. Sehr gerne dient'

ich dir. Ich seh' dich nicht, denn es

ist dunkel hier. Was macht's. Es sieht

die Seele dich. Doch daß du's weißt:

ich sterbe vor Verlangen, dich

zu sehn, und wünscht', ich hätt' ein Licht

zur Hand, damit ich Schönheit säh'

und nicht nur fühle. Sag', was soll

ich tun. Kann ich dir helfen? Ich bin einer, den's entzückt, zu Dienst

zu stehn. Ich will für dich hinab

in die Verdammnis gehn, um zu

verdienen, dich zu küssen. So

sprich doch. Ich rede hier, und du

schweigst. Bist du bös'?

 

Verlassene

 

Ich bin nicht bös'.

Ich bin nur leid. Sprich weiter. Dein

Gespräch hat was wie Trost für mich.

Du sprichst zutraulich. Sage, bist

du ein so armer Mensch, und als

Person so niedrig, daß du mußt

zu der Verfehmten reden, und

noch in so gutem Ton? Es muß nicht viel

Stand, Würde und Bedeutendheit

am Menschen sein, der zu mir spricht

und noch, wie's scheint, so gern.

 

Tobold

 

Es gibt mehr Armut als du träumst.

 

Verlassene

 

Kann jemand ärmer sein als ich?

 

Tobold

 

Wohl kann noch jemand ärmer sein.

Sind denn nicht alle Menschen sehr,

sehr arm? Wer brüstet sich und sagt:

»Ich bin wahrhaftig reich«? Niemand

ist reich. Geboren sein heißt in

die Armut sinken. Leben heißt

mit Nöten kämpfen. Es gab nie

solch einen Lebensreichtum. Reich

ist, wer nicht bös' ist. Wenn du kein Gelüst hast, dich zu rächen, kein

Gefühl des Zorns hast, bist du nicht

die Ärmste. Wer noch weint, ist reich.

Wer unrecht hat, ist reich. Zu den

Besitzenden gehört nicht der

Besitzende, nicht der, der auf dem Recht beharrt,

nicht der Starrköpfige, der

recht haben will. Unrecht ist süß,

wonnig und reich, und wenn du im

Gefängnis sitz'st und büß'st, so bist

du reich.

 

Verlassene

 

So bin ich reich im Leid?

Welch eine Sprache führst du da?

Bist du zu mir gekommen, mir

zu sagen, daß ich reicher sei

als die, die glauben, ich sei sehr

elend, als die, die denken, ich

müsse verzweifeln?

 

Tobold

 

Ja, gewiß.

 

Verlassene

 

Bist du ein Engel?

 

Tobold

 

I bewahr!

Ein Häufchen Unzulänglichkeit,

das bin ich. Schlecht bin ich. Seh's ein.

 

Verlassene

 

So ist es Kunst nur, was du sprichst?

Tobold

 

Nein, Seele. Wie auch könnt' es Kunst

sein, da ich doch kein Künstler bin.

 

Verlassene

 

Was bist du?

 

Tobold

 

Weiß es selber nicht.

Muß erst erfahren, was ich bin.

 

Verlassene

 

Du redest lieb. Und da ich von

Stand und Geburt bin (worauf ich

nicht stolz bin), nimm den Ring von mir

und geh'. Du kannst nichts weiter für

mich tun, als gehn. Verlaß den Ort. –

 

Anderswo

Tobold

 

Ganz wie ein blauer Baldachin

ist hier der Himmel ausgespannt.

Welch eine Freiheit duftet hier,

welch ein Gefühl geht durch die Luft.

Die Luft ist frisch, man atmet sie

in köstlich gierigen Zügen ein.

Wenn man nur nicht verdrossen ist,

so ist der Tag wie ein Kristall.

Wie schön ist's hier. Dort fällt ein Blatt.

Man möchte gehen und es an

die Lippen drücken. Nebel streicht

durch das Revier. Es blitzt. Es ist

alles ganz feucht. Es schimmert, es

ist Wonne für die Augen, und

wie warm, wie gut die Bäume stehn, ganz voll noch von dem gelben Laub.

Hier ist ein Stückchen grün noch vom

versunknen üppigen Sommer her.

Dort sieht man Tannen. Feierlich

stehn sie an Teiches Rand, sich in

dem Wasser spiegelnd. Horch. Ein Schrei.

Das ist der Vogel in der Luft.

Und schön und schön und schöner wird's.

Man faßt es nicht. Das Gelb ist wie

der Ruhm, das Blau, das zärtliche,

wie Liebe, und das Braun dort gleicht

der Ehre. Wege schlängeln sich

durch das Gebüsch, und alles dies

hängt wie ein süßes Farbenwerk

zusammen. Glücklich ist's. Nicht ich

bin glücklich. Es, das All, ist es.

Doch ganz gewiß auch ich. Wenn das

Gesamte, das Verbund'ne, das

Zerfloss'ne und Umwobene

so schön ist, bin auch ich so schön,

schön durch Genuß. Denn das

Umfassende faßt ja auch mich ein. So

gehör' ich dir, Natur. So bin

ich Ton im Chor, und im Gesang

bin eine dünne Stimme ich.

 

Der Gebieter

 

Du Lümmel, sag', was tust du hier?

Du schaffst wohl g'rad' am Tagwerk? Was?

Natur begaffen, fauler Strick!

Wart'. Mit der Peitsche will ich dich

das All erfassen lehren. So. Und jetzt

marsch an die Arbeit. Fort.