Kleine Dichtungen
Tobold
Der Schurke
Glaubst du, ich sei ein Schurke? Ich
bin keiner. Glaube mir, ich bin
nicht solch ein Bösewicht. Das hat
die Zunge so aus mir gemacht.
Die Welt will gleich ein Bildnis sehn.
's ist sonderbar. Man ist nicht das,
was man in seinem Innern ist,
nein, du bist Werk von ihnen, bist
Abguß von dem Geflüster. Sie
woll'n dich so handeln sehn, und so
auch handelst du. Ich bin nicht schlecht;
nur krank.
Tobold
Wie? Ja. 's ist sonderbar.
Auch ich bin nicht der Meinung, du seist ein
Halunke. Zwar bin ich
ja nur ein dummer Junge, und
ich kann mich irren, doch kann denn
nicht auch die Welt im Irrtum sein?
Könn'n sie nicht auch sich irr'n, die dich
verdammen? Du hast Augen, die
mir, wie doch soll ich sagen, sehr
gefallen. Krank bist du? Ich glaub's.
Doch warum gehst du nicht zum Arzt?
Schurke Vielleicht bist du der Arzt. Du bist
jed'falles gut.
Tobold
Hier kommt ja, wie ich sehe, der
schlicht-ehrliche Bedrängte. Sein
Gesicht ist falsch. Er hält sich für
was Bess'res als er ist. Er ist
mehr Schaf als fromm. Ich mag ihn nicht.
Dich, Schurke, jedoch mag ich gern.
Der Bedrängte
Voll Bosheit, bild' ich stets mir ein,
sei diese ungereimte Welt.
Ich blicke stets nur selbst mich an
und sehe immer mich verfolgt:
Hier steht der Bös'wicht, der mich drängt.
Tobold
Das bildet sich ein Dummkopf ein.
Der Bedrängte
Wer bist du, der so keck sich mischt
in dieses Spiel? Ich sah dich nie
und achte deiner deshalb nicht.
Du scheinst ein frecher Betteljung'!
Tobold
Tobold heiß' ich, und ich gab nie
Schafsköpfen Anlaß, mich
zu achten. 's ist ein mageres Geschäft
und es kommt nichts dabei heraus.
Ich bin mein selbst. Ich selbst
hab Achtung vor mir. Wisse das. Und dann
hab ich auch Freude an der Welt.
Hier beispielsweis' am Schurken hab'
ich Freude. An der Sonne hab'
ich Freude. Doch an dir nicht. Du
freust mich in keiner Art und Weis'.
Nicht Art hast du. Was Art hat, das
entzückt mich. Dieb' und Schelm'
selbst sind erfreulich. Packt man sie,
so sperrt man sie ins Zuchthaus ein
und weiß auch, was getan man hat.
Doch du bist ein Chamäleon.
Nichtswürdig bist du. Teufel sind
doch Teufel. – Hier dem Schurken geb'
die Hand ich. Dir kann man die Hand
nicht reichen. Spinnen sind verständlicher,
Mäus', Ratt' und Kröten, als
ein Mensch, wie du, dem's nur auf das
Verfolgtsein ankommt.
Schurke
Ha ha ha!
Recht so, mein Junge, schimpf ihn aus.
Bedrängter
Auch hier, auch hier bedrängt man mich.
Die Welt ist voll von Hinterlist.
Ich will nur gleich zur Fürstin gehn
und ihr das melden.
Schurke
Tritt nur ab.
Komm, du mein wackrer Junge, komm.
Ich will zu einer Tänzerin
dich führen. Wein soll sprühn. Der Ort,
wo sie sich aufhält, ist nicht fern.
In dem Gebüsch, das du dort siehst,
liegt sie im schwellend weichen Gras.
Schön ist sie, göttergleich tanzt sie.
Doch du wirst sehn. Sie soll dich an
die Brüste drücken. Schlemmen ist
nicht schlecht, wenn man's mit Grazie tut.
Tobold
Ich gehe gern an solchen Ort.
Verwandlung
Tobold
Ich soll mich finden, sagt mir das
Gestirn. Mich finden? Müßt' ich da
mich nicht vorher verlieren? Kann
ich mich denn finden, wenn's an mir
nichts aufzufinden gibt? Wer nie
verloren gehn will, kann sich auch
nie finden. Also will ich mich
verlieren. Hier nun tapp' ich ganz
im Dunkeln. Nacht ist es, und ein
Geräusch, so sieht's hier aus, läßt sich
hier gar nicht denken. Wenn ein Schuß
jetzt fiele, wär's mir, wie wenn ich
ihn mir nur träumte. Was denn such'
ich hier? Mich selbst? Nein, denn ich bin
nicht gar so sehr erpicht auf mich.
Es muß hier jemand sein, sonst wär'
ich hier nicht auf der Suche. Pst.
Sprach da nicht jemand? Ganz bestimmt
ist irgend jemand hier, doch wer,
ist mir ein Rätsel. Doch wenn auch
der Glaube nur, es sei hier wer,
hier ist, so ist schon viel hier. Mir
sagt es der Glaube, daß es hier
ein Leben gibt, und daß wer hier
ist, schön ist. Horch. War das? Nein, es
ist alles still. Nichts regt sich, als
der Wunsch in mir, es möchte hier jemand sich regen.
Die Verlassene
Bös' bin ich? Nein, ich bin nicht bös'.
Verfehmt bin ich und muß hier am
entlegnen Ort verlassen sein.
Um Liebe willen, die mich hat
betrügen müssen, muß ich hier
verstoßen und verlassen sein.
Niemand kommt zu mir her, es fällt
niemandem ein, bei mir zu sein.
Niemand kommt bis zum düstern Ort
der finstern Ausgestoßenheit.
Es will mich niemand kennen, es
will niemand mehr gerecht mir sein.
Ich kann nicht klagen. Klagt' ich, so
riß es mich bis zum Wahnsinn hin.
Drum still, drum nur gelitten, nur
allein gelitten. Ist nichts anderes
übrig, so leidet man
wie in dem Grund des Meers das Naß
nur naß sein kann, wie, wer sich sticht,
nur bluten kann. Verlassenheit,
sei du mir Krone. Schmerz, sei du
Palast mir, und ich Fürstin so.
Tobold
Horch, horch, es tönt. Wie süß das tönt.
Ich habe stets Musik geliebt.
Mir immer als ein Wunder kam
sie vor.
Verlassene
Ist jemand hier?
Tobold
Ich bin's.
Verlassene
Wer bist du?
Tobold
Eine Wenigkeit.
Ein junger dummer Mensch bin ich.
Sonst brav vielleicht, vielleicht auch nicht;
arbeitsam, doch vielleicht auch nicht;
fähig zum Guten, doch vielleicht
auch zu was anderem fähig. Un-
bekannt ist mir's. Ich habe mich
da so, wie soll ich sagen, in
der Finsternis verloren, doch
hielt ich stets wacker mich gradauf.
Es soll der Mensch auf Haltung sehn,
als wenn er selbst sich immer ge-
genüberstände. Fürstin nannt'st
du dich. Ich habe es gehört. Ich hab'
gelauscht. Verzeih. Ich bin
solch einer, der das, was er hört,
beiseite schiebt. Es scheint, daß du
unglücklich bist. So paßt es; denn
ich liebe und verehre, was
nicht fröhlich ist. Ich selbst, mußt du
erfahren, bin mir, glaub' mir, fast
zu fröhlich. Ich verachte mich
ja auch dafür. Sehr gerne dient'
ich dir. Ich seh' dich nicht, denn es
ist dunkel hier. Was macht's. Es sieht
die Seele dich. Doch daß du's weißt:
ich sterbe vor Verlangen, dich
zu sehn, und wünscht', ich hätt' ein Licht
zur Hand, damit ich Schönheit säh'
und nicht nur fühle. Sag', was soll
ich tun. Kann ich dir helfen? Ich bin einer, den's entzückt, zu Dienst
zu stehn. Ich will für dich hinab
in die Verdammnis gehn, um zu
verdienen, dich zu küssen. So
sprich doch. Ich rede hier, und du
schweigst. Bist du bös'?
Verlassene
Ich bin nicht bös'.
Ich bin nur leid. Sprich weiter. Dein
Gespräch hat was wie Trost für mich.
Du sprichst zutraulich. Sage, bist
du ein so armer Mensch, und als
Person so niedrig, daß du mußt
zu der Verfehmten reden, und
noch in so gutem Ton? Es muß nicht viel
Stand, Würde und Bedeutendheit
am Menschen sein, der zu mir spricht
und noch, wie's scheint, so gern.
Tobold
Es gibt mehr Armut als du träumst.
Verlassene
Kann jemand ärmer sein als ich?
Tobold
Wohl kann noch jemand ärmer sein.
Sind denn nicht alle Menschen sehr,
sehr arm? Wer brüstet sich und sagt:
»Ich bin wahrhaftig reich«? Niemand
ist reich. Geboren sein heißt in
die Armut sinken. Leben heißt
mit Nöten kämpfen. Es gab nie
solch einen Lebensreichtum. Reich
ist, wer nicht bös' ist. Wenn du kein Gelüst hast, dich zu rächen, kein
Gefühl des Zorns hast, bist du nicht
die Ärmste. Wer noch weint, ist reich.
Wer unrecht hat, ist reich. Zu den
Besitzenden gehört nicht der
Besitzende, nicht der, der auf dem Recht beharrt,
nicht der Starrköpfige, der
recht haben will. Unrecht ist süß,
wonnig und reich, und wenn du im
Gefängnis sitz'st und büß'st, so bist
du reich.
Verlassene
So bin ich reich im Leid?
Welch eine Sprache führst du da?
Bist du zu mir gekommen, mir
zu sagen, daß ich reicher sei
als die, die glauben, ich sei sehr
elend, als die, die denken, ich
müsse verzweifeln?
Tobold
Ja, gewiß.
Verlassene
Bist du ein Engel?
Tobold
I bewahr!
Ein Häufchen Unzulänglichkeit,
das bin ich. Schlecht bin ich. Seh's ein.
Verlassene
So ist es Kunst nur, was du sprichst?
Tobold
Nein, Seele. Wie auch könnt' es Kunst
sein, da ich doch kein Künstler bin.
Verlassene
Was bist du?
Tobold
Weiß es selber nicht.
Muß erst erfahren, was ich bin.
Verlassene
Du redest lieb. Und da ich von
Stand und Geburt bin (worauf ich
nicht stolz bin), nimm den Ring von mir
und geh'. Du kannst nichts weiter für
mich tun, als gehn. Verlaß den Ort. –
Anderswo
Tobold
Ganz wie ein blauer Baldachin
ist hier der Himmel ausgespannt.
Welch eine Freiheit duftet hier,
welch ein Gefühl geht durch die Luft.
Die Luft ist frisch, man atmet sie
in köstlich gierigen Zügen ein.
Wenn man nur nicht verdrossen ist,
so ist der Tag wie ein Kristall.
Wie schön ist's hier. Dort fällt ein Blatt.
Man möchte gehen und es an
die Lippen drücken. Nebel streicht
durch das Revier. Es blitzt. Es ist
alles ganz feucht. Es schimmert, es
ist Wonne für die Augen, und
wie warm, wie gut die Bäume stehn, ganz voll noch von dem gelben Laub.
Hier ist ein Stückchen grün noch vom
versunknen üppigen Sommer her.
Dort sieht man Tannen. Feierlich
stehn sie an Teiches Rand, sich in
dem Wasser spiegelnd. Horch. Ein Schrei.
Das ist der Vogel in der Luft.
Und schön und schön und schöner wird's.
Man faßt es nicht. Das Gelb ist wie
der Ruhm, das Blau, das zärtliche,
wie Liebe, und das Braun dort gleicht
der Ehre. Wege schlängeln sich
durch das Gebüsch, und alles dies
hängt wie ein süßes Farbenwerk
zusammen. Glücklich ist's. Nicht ich
bin glücklich. Es, das All, ist es.
Doch ganz gewiß auch ich. Wenn das
Gesamte, das Verbund'ne, das
Zerfloss'ne und Umwobene
so schön ist, bin auch ich so schön,
schön durch Genuß. Denn das
Umfassende faßt ja auch mich ein. So
gehör' ich dir, Natur. So bin
ich Ton im Chor, und im Gesang
bin eine dünne Stimme ich.
Der Gebieter
Du Lümmel, sag', was tust du hier?
Du schaffst wohl g'rad' am Tagwerk? Was?
Natur begaffen, fauler Strick!
Wart'. Mit der Peitsche will ich dich
das All erfassen lehren. So. Und jetzt
marsch an die Arbeit. Fort.