Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 100 von 139

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Mein Lied

Den Armen.

Wohl muß in deinem Aug ich sehn

Als einzigen Glanz die Träne stehn.

Doch weine nicht!

Noch leben treue Menschen hier,

Und Gottes Ruf erschallt auch dir:

Es werde Licht!

 

Den Armen.

Um Mitternacht, als alles schlief,

Nur meine Zweifel wachten,

Und Weltverdruß mir drohte tief

Die Seele zu umnachten,

Da schlug ich auf ein altes Buch,

Zu spähn nach einem Labespruch,

Um ganz nicht zu verschmachten.

Und sieh, da hat mich sanft ein Wort

Befreit von bangen Banden:

»O suche die Erlösung dort,

Wo sie schon viele fanden;

Nicht was du haschest, wird dein Teil,

Aus Opferfreude kommt dein Heil.« —

Doch hab' ich's falsch verstanden.

Ich stieg in Sehnsucht himmelwärts,

Den Heiland zu verehren.

Der winkte mir, ich sollt' mein Herz

Zurück zur Erde kehren:

»Was du den Armen Gutes tust,

Das dringt zu meiner Vaterbrust.

Kannst du mir es verwehren?«

Die Botschaft war's. Und seitdem mag

Es sonnen oder regnen,

So kann mir doch an jedem Tag

Der liebe Gott begegnen.