Mein Lied
Davongeflogene Seelen.
Ich komme just vom Leichensaal,
Dem schattengrauen, dem kalten.
Dort liegen die Kadaver all,
Die blassen Lehmgestalten.
Die Freund und Bruder ich genannt
Auf langen, fröhlichen Fahrten,
Die sind mir jetzt ganz unbekannt,
Wie Erde aus fremdem Garten.
So wird's im dunkeln Leichenhaus
Ein erstes Mal uns helle:
Die S e e l e macht den Menschen aus, Die ewige, heilige Seele. —
Die Nester leer, die Seelen fort
Auf unbekannten Straßen —
Wohin, wohin? Kein Sterbenswort
Sie haben sagen lassen.
Ich starre in der Blumen Glut,
Ich horche der Vöglein Lieder,
Da wehet leis durch Lebensflut
Ein Hauch der Toten wieder.
Und während die Seelen ohne Rast
Ich such' mit bangem Mute
— Sitzen im Herzen sie mir zu Gast
Und trinken von meinem Blute.
Klingende Funken.
Immer glühen edle Herzen,
Leidversunken, freudetrunken,
Und selbst schnöde Alltagskerzen
Sprühen manchen Sternenfunken.
Lasset uns mit Äthersträngen
Glocken an die Sterne hängen,
Damit sie die stillen Feuer
Weitersenden in Gesängen.
Für das, was uns am höchsten steht,
Für das, was uns am nächsten geht,
Ward uns kein Lied zu eigen.
Da hat man nur ein fromm Gebet
Und — Schweigen.
Ich bin ein Kind
Und bleib' ein Kind,
Weil ich nur so
Den Himmel find'.
Dem wahren Spaziergänger schlägt keine Uhr.
Ein Glücklicher ist er im Reich der Natur.
Er denkt nicht an Zeit, und er frägt nicht nach Ziel, Seine Lust ist der Weg — führt er hin, wo der Will'.
Durchs Kornfeld streicht der Städter,
Er kann sein Aug' nicht wenden
Vom purpurroten Mohne.
Die violette Rade,
Die deutsche blaue Blume,
Und all die bunten Blüten
Entzücken seine Seele. —
Der Bauer aber wettert:
Der Teufel soll es holen,
Das gottverdammte Unkraut!
Ich hol' mir die Ehren vom Felde!
Sagt der Soldat;
Da gibt es Mord und Brand.
Ich hol' mir die Ähren vom Felde!
Sagt der Bauer;
Da gibt es Lust im Land.
Der Pflug und das Schwert sind feindliche Brüder, Die Wag' ihrer Siege geht auf und nieder.
Sie hungern nach Brot, sie dürsten nach Ruhm
Und tasten irrend im Kreis herum.
Was ist doch des Feldes Ehrenzeichen?
Sind's goldige Garben? Sind's blutige Leichen?
O möchte die Menschheit sich wählen ganz
Zum Ehrenkranz — den Ährenkranz!
Tut dein Herz dir Gottes kund,
Nimm ihn nicht aus fremdem Mund,
Bau sein Haus auf deinem Grund.
Was ich aus Trutz vollbracht,
Wuchs voll Pracht über Nacht
Und ward — verregnet.
Was ich aus Lieb' gesäet, Keimte stät, reifte spät
Und ist gesegnet.
Der opferfrohen Güte
Gelingt auch kaum viel mehr,
Als daß sie das Gemüt
Nicht öde läßt und leer.
Genießer deiner Labe
Sind selten doch entzückt,
Nur daß gegebne Gabe
Dein eigenes Herz beglückt.
Auf alle Wiegen sollt' man's schreiben,
In alle Särge sollt' man's schneiden:
Just so, wie's die Menschen treiben,
Just so müssen sie's auch leiden.
*
Was ist der Sinn und Endgewinn
Der großen irdischen Sendung?
Die Königin und die Bettlerin,
Sie haben die gleiche Endung.
»Wissen ist Macht!«
Wie schief gedacht!
Wissen ist wenig,
Können ist König!
Wie wenig an Ungewöhnlichkeit
Verherrlicht die weite Erde!
Das Genie nur ist Persönlichkeit,
Alles andere ist Herde.
Geh kühl vorüber an des Reichtums Stätte.
Der die Welt hat, ist ärmer,
Als der sie — gern hätte.
Traue nicht den trügenden Gaben,
Das Hoffen ist köstlicher als das Haben.
In jedem Haus
Vor allem wert
Drei Dinge sind:
Eine starke Faust,
Ein warmer Herd,
Ein kleines Kind.
*
Bleibe, o Musensohn, eigen, wie die Natur dich gemacht hat, Ziehe nicht fort mit dem Weltstrom des täglichen Lebens; Sonst geht es dir, wie dem starken, dem mächtigen Bergfluß: Sobald er dem Strom sich ergießt, verliert er den Namen!
*
Nach innen leben,
Nach außen weben,
Nach unten schauen,
Nach oben streben.
Ich sag' dir, armes Vögelein:
Der Liebling dieser Menschen sein
Ist schwerer Fehl, und wird bestraft
Mit lebenslanger Kerkerhaft.
O laßt das Denkmalsetzen gehen,
Bis letztes Wort gesprochen ist.
Ein Bild aus Erz kann erst entstehen,
Wenn das aus Ton zerbrochen ist.
Ich würde mich mit Leuten nie versöhnen,
Die nicht dienen wollen und nicht herrschen können.
Wer noch die Menge nicht als Bestie kennt,
Der seh' einmal die blutigen Bahnen,
Die unsere Weltgeschichte trauernd nennt,
Er wird es ahnen.
Den Volksbefreier preist sie jubelnd heut,
Und morgen den Tyrannen.
Zur Bändigung des Pöbels, laßt mal sehen,
War höllisch schwer des Teufels zu entraten.
Der Teufel kam auch billiger zu stehen
Als jetzt — die Million Soldaten.
Sei nie bloß Parlamentarier,
Sei schaffender Autokrat.
Worte sind Proletarier,
Und Fürstin ist die Tat.
In wichtigen Dingen indifferent,
Um nichtige schweifen und keifen,
Ein solches Geschlecht soll man — mordselement! — Statt salben und täufen — ersäufen.
Zur Gründung von Vereinen
Sind die Deutschen stets bereit.
Nur für eines gründen sie keinen,
Für — deutsche Einigkeit.
Feste feiern, Lieder singen,
Reden halten, Gläser klingen,
Spielen, sporten und flanieren,
Tanzen, flirten und charmieren —
Ist mit solchen guten netten
Dingen unser Volk zu retten?
— Arbeit, Arbeit ohne Ruh',
Taschen auf und Fäuste zu!
Trotzig dem Geschicke stehen,
Oder — feig zugrunde gehen!
Laß dich nicht ein mit der Kanaille,
Die dir auf irdischer Wander
Das Leben verdirbt,
Man setzt sich mit ihr
Höflich und klipp auseinander,
Indem man stirbt.
O nein, mein Freund, das will ich nicht,
Auf Menschenherzen ziel' ich nicht.
Mit Lust und Leiden spiel' ich nicht.
Viel lieber mit dem eiteln Tropf,
Dem aufgeblasenen hohlen Kopf,
Den nehm' ich manchmal gern beim Schopf.
In Fieberdurst lechz' ich nach kühler Labe,
Nach einem Tropfen edler Rebengabe,
Ein Freund erhebt den Becher schäumend voll
Und — trinkt auf mein Wohl!
Wenn du den Leuten Übles tust,
So hängen sie dich,
Oder im großen Gutes tust,
So kreuzigen sie dich;
Und wenn du ihnen gar nichts tust,
Verdrießen sie dich.
Wenn dich die Leut' verdrießen
Und Wehmut dein Herz beschleicht,
So tu ihnen rasch was Gutes,
Dann ist dir wieder leicht.
Wenn du dich selber verdrießest,
Dein Herz ist lahm und wirr,
So wart' auf ein großes Leiden,
Das bringt dich wieder zu dir.
Wer heute Herr, ist morgen Knecht.
Wie Armut stärkt, so Reichtum schwächt.
*
Feinde zu verderben
Ist ein froher Ritt;
Um das Bräutchen werben
Ist ein banger Schritt;
Sterben, sterben, sterben
Ist ein' bittre Freud';
Erben, erben, erben
Ist ein süßes Leid.
Süßes Leid, ich mag dich nicht,
Bittre Freud', ich klag' dich nicht,
Banger Schritt, ich wag' dich nicht,
Mit Menschenbrüdern schlag dich nicht.
Wen stets die Güte und die Freude flieht, Der wird sich bald gealtert sehen.
Wer seine Stirne oft in Falten zieht,
Dem bleiben sie beizeiten stehen.
Ist dir dein Bett nicht recht,
So kannst du dir's besser richten,
Ist dir die Welt zu schlecht,
So magst du dir eine bessere dichten.
Idealismus allein
Ist weder gut noch klug.
Vom Realen das beste
Ist ideal genug.
Der siegfrohe Herr, der rüde Gesell,
Sie herrschen nach ihrer Weise;
Der Feldwebel, traun, der schreit den Befehl,
Der König — der sagt ihn leise.
Ach, die Lyriker sind eigen,
Wenn sie nichts zu sagen finden,
Müssen sie es laut verkünden,
Daß — sie schweigen.
Im Leben es bunt zu treiben Ist Brauch bei der Jugend;
Das Streben, gesund zu bleiben,
Ist auch eine Tugend.
Wie jagt der Mann nach fernsten Dingen
Und strebt und strebt ohn' Unterlaß,
Doch nimmer wird das Ringen bringen,
Was einst er ohne Müh' besaß.
Alles Leben ist ein Wunder,
Alles Totsein ein Geheimnis.
Lebst du ewig, ist ein Weilchen
Grabesschlummer kein Versäumnis.
Auf Höhen, wo die Sonne quillt
Aus Gottes Angesichte,
Hab' ich mein Herz mit Glut gefüllt
Und mein Aug' mit Lichte.
Nun find' ich mich talaus, talein
Zurecht auf dunkeln Straßen
Und hoffe wieder stark zu sein
Zum Lieben und zum Hassen.
Wer dieser Erde Pracht und Macht,
Befreit und rein, verachten mag,
Dem wird zur Weihnacht jede Nacht
Und jeder Tag zum Ostertag.
Vater unser! diesen Ruf senden wir den Sternen zu. Mutter unser! damit sinken müde wir zur Erdenruh'. Mutter unser! laß uns schlafen süß an deiner warmen Brust, Vater unser! weck uns wieder auf zu Licht und Himmelslust. Eines in des andern Arme legt die Kindlein treu und weich. Vater unser! Mutter unser! Zu uns komme euer Reich!
Als Kind hab' ich gespielt mit Scherben
Und bunte Steinchen froh geschichtet.
Als Mann hab' ich den Bau, den derben,
Des Lebenszieles aufgerichtet.
Und wenn nach Kämpfen und nach Kümmern
Der stolze Bau zugrunde fiele?
Dann werd' ich wieder Kind und spiele
Gar fröhlich mit des Glückes Trümmern.
Ihr spaltet Haare,
Ich kitte Steine,
Wer tut das Wahre
Für die Gemeine?
Geistig Verfeinern
Lähmt alle Stärke,
Trennen, Zerkleinern
Gibt keine Werke.
Jedoch, das meine
Steht tausend Jahre,
Ich kitte Steine,
Ihr spaltet Haare.
Ihr meßt mich mit den Kleinen,
Da besteh' ich.
Ich meß mich mit den Großen,
Da vergeh' ich.
Aus der Tiefe aufgeschwungen,
Doch die Höhe nicht errungen,
Soviel seh' ich.
Soll die jüngste Literatur man lesen?
Trinken jungen Wein, eh er verjesen?
Wartet, bis es zehnmal sich gejährt hat,
Was dann übrig bleibt und sich geklärt hat.
Seit auf dem Sarg ich des redlichen Schusters
Den Lorbeer gesehen,
Flüstert jeglicher Lorbeerkranz,
Den sie mir spenden:
Freund, du hast — Stiefel geschrieben!
Vor deiner Nasen
Soll ich Nesseln grasen;
Hinter deinem Rücken
Will ich Trauben pflücken,
Solltest um dich wenden,
Will ich' s rasch vollenden:
Und vor deiner Nasen
Wieder Nesseln grasen.
Schwarz-rot-gold immerdar!
Schwarz ist ihr Augenpaar,
Rot ist ihr süßer Mund,
Gold ist ihr Haar!
Ich bat das schöne Weib um einen Kuß,
Es hat versagt.
Ich zielt' nach meiner armen Brust den Schuß,
Er hat versagt.
Ich dachte, was das erstemal nicht wird,
Ist bloß vertagt.
Und war, als daß ich's noch einmal probiert,
Viel zu verzagt.
Das Weib ist eine Nuß,
Die man aufbeißen muß,
Dem Mann Gott genad,
Der keine Zähne mehr hat!
Das Schwert will nicht geschossen,
Es will geschliffen sein.
Das Lied will nicht verschlossen,
Es will gepfiffen sein.
Der Pfeil will nicht geschliffen,
Vielmehr geschossen sein.
Die Welt will nicht begriffen,
Sie will genossen sein.
Zu Straßburg trinkt man Schlechtesten und Besten, Zu Danzig bin ich nüchtern nie geworden.
Getrunken wird im Osten und im Westen,
Gesoffen wird im Süden und im Norden.
Der Deutsche schwingt sich nicht mehr in die Sphäre Der hohen Musen Thalia, Urania;
Ein goldner Becher kreist vom Fels zum Meere, Und im Becher badet Frau Germania.
Wohlan, wer einstens dräute
Und nur den Waffen traute,
Sich selbst als Mensch nicht scheute,
Mit Trotz auf jeden schaute,
Und seiner Ehre Beute
Auf Säbelschneiden baute.
Doch Gassenbub', wer heute
Aus Vorwitz um sich haute.
— Ich schlage nicht die Leute,
Ich schlage nur die Laute.
*
Heute pocht sein Herze metrisch,
Heute klingelt seine Zungen,
Heute tanzen alle Musen
Um den ruhmesdurstigen Jungen.
Heute steigt er zum Parnasse,
Heute, glaubt er, glückt es sicher.
Sieh, da drehn sie ihm die Nase
Und entfliehen mit Gekicher.
Manches Genie
Ist vernünftig nie,
Immer Genie.
In Geistesbeschwerden
Ruft's ach und weh aus,
Fühlt sich fremd auf Erden
Und daheim — im Kaffeehaus.
In einem Eisenbahngelaß
Ein altes, stilles Männlein saß.
Und neben ihm zwei schwarze Herren,
Die wollten fleißig ihn bekehren,
Mit feinem Witz, mit leisem Hohn,
Und dann mit dringlichem Sermon;
Gestanden es auch endlich ein,
Daß sie — schon um den Heiligenschein —
Von der Gesellschaft Jesu sei'n.
»Von der Gesellschaft Jesu,« fragt
Der Alte, dem das nicht behagt,
»Doch von der ersten, ihr Geschätzten,
Oder etwa von der letzten?«
»Wieso?« darauf die klugen Herrn.
Der Alte, der erklärt sich gern:
»Nun, Ochs und Esel oder Schächern,
Den welchen mögt nach Art und Fächern
Ihr gern euch füglich zugesellen?«
— Und was geschah? Sich zu empfehlen
Beeilten sich die beiden schnelle,
Schon bei der nächsten Haltestelle.
Kecklich mit dem Schelm zu spaßen
Sollten Schelme bleiben lassen.
*
Siehe, Siziliens südliche Sonne
Scheint schön!
So strahlt sie, Schnee schmelzend, seit Sommern. Sentimentale Seelen sind selig,
Sehen sie solcher Sonne schweren Schaden?
Segenslos sengt sie sämtliche Saaten,
Schadet schmächtigen Setzlingen sehr,
Selbst starken, strotzenden Stämmen.
Schmachtende Sänger — sonst singend —
Siechen, sinken, schreien sterbend:
Schreckliche Sonne!
»Wieder ist ein Jahr verflossen
In das Meer der Ewigkeit!«
Also dichten Dichterlinge
Jedes Jahr zur selben Zeit.
Doch dem Geist im Setzerkasten
Ward das Späßchen endlich fade,
Heimlich tat er in der Lade
Nach den falschen Staben tasten.
»Wieder ist ein Meer verflossen
In das Jahr der Ewigkeit.« —
Ob des niederträchtigen Wichts
Hat der Dichter sich erschossen,
Doch die Leser — merkten nichts.
Wie die Welt verschieden richtet,
Habt ihr's schon einmal erwogen?
Lügen wir, so heißt's gedichtet,
Dichtet ihr, so heißt's gelogen.