Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 77 von 139

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Mein Lied

Davongeflogene Seelen.

Ich komme just vom Leichensaal,

Dem schattengrauen, dem kalten.

Dort liegen die Kadaver all,

Die blassen Lehmgestalten.

Die Freund und Bruder ich genannt

Auf langen, fröhlichen Fahrten,

Die sind mir jetzt ganz unbekannt,

Wie Erde aus fremdem Garten.

So wird's im dunkeln Leichenhaus

Ein erstes Mal uns helle:

Die S e e l e macht den Menschen aus, Die ewige, heilige Seele. —

Die Nester leer, die Seelen fort

Auf unbekannten Straßen —

Wohin, wohin? Kein Sterbenswort

Sie haben sagen lassen.

Ich starre in der Blumen Glut,

Ich horche der Vöglein Lieder,

Da wehet leis durch Lebensflut

Ein Hauch der Toten wieder.

Und während die Seelen ohne Rast

Ich such' mit bangem Mute

— Sitzen im Herzen sie mir zu Gast

Und trinken von meinem Blute.

 

Klingende Funken.

Immer glühen edle Herzen,

Leidversunken, freudetrunken,

Und selbst schnöde Alltagskerzen

Sprühen manchen Sternenfunken.

Lasset uns mit Äthersträngen

Glocken an die Sterne hängen,

Damit sie die stillen Feuer

Weitersenden in Gesängen.

 

Für das, was uns am höchsten steht,

Für das, was uns am nächsten geht,

Ward uns kein Lied zu eigen.

Da hat man nur ein fromm Gebet

Und — Schweigen.

 

Ich bin ein Kind

Und bleib' ein Kind,

Weil ich nur so

Den Himmel find'.

 

Dem wahren Spaziergänger schlägt keine Uhr.

Ein Glücklicher ist er im Reich der Natur.

Er denkt nicht an Zeit, und er frägt nicht nach Ziel, Seine Lust ist der Weg — führt er hin, wo der Will'.

 

Durchs Kornfeld streicht der Städter,

Er kann sein Aug' nicht wenden

Vom purpurroten Mohne.

Die violette Rade,

Die deutsche blaue Blume,

Und all die bunten Blüten

Entzücken seine Seele. —

Der Bauer aber wettert:

Der Teufel soll es holen,

Das gottverdammte Unkraut!

 

Ich hol' mir die Ehren vom Felde!

Sagt der Soldat;

Da gibt es Mord und Brand.

Ich hol' mir die Ähren vom Felde!

Sagt der Bauer;

Da gibt es Lust im Land.

 

Der Pflug und das Schwert sind feindliche Brüder, Die Wag' ihrer Siege geht auf und nieder.

Sie hungern nach Brot, sie dürsten nach Ruhm

Und tasten irrend im Kreis herum.

Was ist doch des Feldes Ehrenzeichen?

Sind's goldige Garben? Sind's blutige Leichen?

O möchte die Menschheit sich wählen ganz

Zum Ehrenkranz — den Ährenkranz!

 

Tut dein Herz dir Gottes kund,

Nimm ihn nicht aus fremdem Mund,

Bau sein Haus auf deinem Grund.

 

Was ich aus Trutz vollbracht,

Wuchs voll Pracht über Nacht

Und ward — verregnet.

Was ich aus Lieb' gesäet, Keimte stät, reifte spät

Und ist gesegnet.

 

Der opferfrohen Güte

Gelingt auch kaum viel mehr,

Als daß sie das Gemüt

Nicht öde läßt und leer.

Genießer deiner Labe

Sind selten doch entzückt,

Nur daß gegebne Gabe

Dein eigenes Herz beglückt.

 

Auf alle Wiegen sollt' man's schreiben,

In alle Särge sollt' man's schneiden:

Just so, wie's die Menschen treiben,

Just so müssen sie's auch leiden.

 

*

Was ist der Sinn und Endgewinn

Der großen irdischen Sendung?

Die Königin und die Bettlerin,

Sie haben die gleiche Endung.

 

»Wissen ist Macht!«

Wie schief gedacht!

Wissen ist wenig,

Können ist König!

Wie wenig an Ungewöhnlichkeit

Verherrlicht die weite Erde!

Das Genie nur ist Persönlichkeit,

Alles andere ist Herde.

 

Geh kühl vorüber an des Reichtums Stätte.

Der die Welt hat, ist ärmer,

Als der sie — gern hätte.

Traue nicht den trügenden Gaben,

Das Hoffen ist köstlicher als das Haben.

 

In jedem Haus

Vor allem wert

Drei Dinge sind:

Eine starke Faust,

Ein warmer Herd,

Ein kleines Kind.

 

*

Bleibe, o Musensohn, eigen, wie die Natur dich gemacht hat, Ziehe nicht fort mit dem Weltstrom des täglichen Lebens; Sonst geht es dir, wie dem starken, dem mächtigen Bergfluß: Sobald er dem Strom sich ergießt, verliert er den Namen!

 

*

Nach innen leben,

Nach außen weben,

Nach unten schauen,

Nach oben streben.

 

Ich sag' dir, armes Vögelein:

Der Liebling dieser Menschen sein

Ist schwerer Fehl, und wird bestraft

Mit lebenslanger Kerkerhaft.

 

O laßt das Denkmalsetzen gehen,

Bis letztes Wort gesprochen ist.

Ein Bild aus Erz kann erst entstehen,

Wenn das aus Ton zerbrochen ist.

 

Ich würde mich mit Leuten nie versöhnen,

Die nicht dienen wollen und nicht herrschen können.

 

Wer noch die Menge nicht als Bestie kennt,

Der seh' einmal die blutigen Bahnen,

Die unsere Weltgeschichte trauernd nennt,

Er wird es ahnen.

Den Volksbefreier preist sie jubelnd heut,

Und morgen den Tyrannen.

Zur Bändigung des Pöbels, laßt mal sehen,

War höllisch schwer des Teufels zu entraten.

Der Teufel kam auch billiger zu stehen

Als jetzt — die Million Soldaten.

 

Sei nie bloß Parlamentarier,

Sei schaffender Autokrat.

Worte sind Proletarier,

Und Fürstin ist die Tat.

 

In wichtigen Dingen indifferent,

Um nichtige schweifen und keifen,

Ein solches Geschlecht soll man — mordselement! — Statt salben und täufen — ersäufen.

 

Zur Gründung von Vereinen

Sind die Deutschen stets bereit.

Nur für eines gründen sie keinen,

Für — deutsche Einigkeit.

 

Feste feiern, Lieder singen,

Reden halten, Gläser klingen,

Spielen, sporten und flanieren,

Tanzen, flirten und charmieren —

Ist mit solchen guten netten

Dingen unser Volk zu retten?

— Arbeit, Arbeit ohne Ruh',

Taschen auf und Fäuste zu!

Trotzig dem Geschicke stehen,

Oder — feig zugrunde gehen!

 

Laß dich nicht ein mit der Kanaille,

Die dir auf irdischer Wander

Das Leben verdirbt,

Man setzt sich mit ihr

Höflich und klipp auseinander,

Indem man stirbt.

 

O nein, mein Freund, das will ich nicht,

Auf Menschenherzen ziel' ich nicht.

Mit Lust und Leiden spiel' ich nicht.

Viel lieber mit dem eiteln Tropf,

Dem aufgeblasenen hohlen Kopf,

Den nehm' ich manchmal gern beim Schopf.

 

In Fieberdurst lechz' ich nach kühler Labe,

Nach einem Tropfen edler Rebengabe,

Ein Freund erhebt den Becher schäumend voll

Und — trinkt auf mein Wohl!

 

Wenn du den Leuten Übles tust,

So hängen sie dich,

Oder im großen Gutes tust,

So kreuzigen sie dich;

Und wenn du ihnen gar nichts tust,

Verdrießen sie dich.

Wenn dich die Leut' verdrießen

Und Wehmut dein Herz beschleicht,

So tu ihnen rasch was Gutes,

Dann ist dir wieder leicht.

Wenn du dich selber verdrießest,

Dein Herz ist lahm und wirr,

So wart' auf ein großes Leiden,

Das bringt dich wieder zu dir.

 

Wer heute Herr, ist morgen Knecht.

Wie Armut stärkt, so Reichtum schwächt.

 

*

Feinde zu verderben

Ist ein froher Ritt;

Um das Bräutchen werben

Ist ein banger Schritt;

Sterben, sterben, sterben

Ist ein' bittre Freud';

Erben, erben, erben

Ist ein süßes Leid.

Süßes Leid, ich mag dich nicht,

Bittre Freud', ich klag' dich nicht,

Banger Schritt, ich wag' dich nicht,

Mit Menschenbrüdern schlag dich nicht.

 

Wen stets die Güte und die Freude flieht, Der wird sich bald gealtert sehen.

Wer seine Stirne oft in Falten zieht,

Dem bleiben sie beizeiten stehen.

 

Ist dir dein Bett nicht recht,

So kannst du dir's besser richten,

Ist dir die Welt zu schlecht,

So magst du dir eine bessere dichten.

 

Idealismus allein

Ist weder gut noch klug.

Vom Realen das beste

Ist ideal genug.

 

Der siegfrohe Herr, der rüde Gesell,

Sie herrschen nach ihrer Weise;

Der Feldwebel, traun, der schreit den Befehl,

Der König — der sagt ihn leise.

 

Ach, die Lyriker sind eigen,

Wenn sie nichts zu sagen finden,

Müssen sie es laut verkünden,

Daß — sie schweigen.

 

Im Leben es bunt zu treiben Ist Brauch bei der Jugend;

Das Streben, gesund zu bleiben,

Ist auch eine Tugend.

 

Wie jagt der Mann nach fernsten Dingen

Und strebt und strebt ohn' Unterlaß,

Doch nimmer wird das Ringen bringen,

Was einst er ohne Müh' besaß.

 

Alles Leben ist ein Wunder,

Alles Totsein ein Geheimnis.

Lebst du ewig, ist ein Weilchen

Grabesschlummer kein Versäumnis.

 

Auf Höhen, wo die Sonne quillt

Aus Gottes Angesichte,

Hab' ich mein Herz mit Glut gefüllt

Und mein Aug' mit Lichte.

Nun find' ich mich talaus, talein

Zurecht auf dunkeln Straßen

Und hoffe wieder stark zu sein

Zum Lieben und zum Hassen.

 

Wer dieser Erde Pracht und Macht,

Befreit und rein, verachten mag,

Dem wird zur Weihnacht jede Nacht

Und jeder Tag zum Ostertag.

Vater unser! diesen Ruf senden wir den Sternen zu. Mutter unser! damit sinken müde wir zur Erdenruh'. Mutter unser! laß uns schlafen süß an deiner warmen Brust, Vater unser! weck uns wieder auf zu Licht und Himmelslust. Eines in des andern Arme legt die Kindlein treu und weich. Vater unser! Mutter unser! Zu uns komme euer Reich!

 

Als Kind hab' ich gespielt mit Scherben

Und bunte Steinchen froh geschichtet.

Als Mann hab' ich den Bau, den derben,

Des Lebenszieles aufgerichtet.

Und wenn nach Kämpfen und nach Kümmern

Der stolze Bau zugrunde fiele?

Dann werd' ich wieder Kind und spiele

Gar fröhlich mit des Glückes Trümmern.

 

Ihr spaltet Haare,

Ich kitte Steine,

Wer tut das Wahre

Für die Gemeine?

Geistig Verfeinern

Lähmt alle Stärke,

Trennen, Zerkleinern

Gibt keine Werke.

Jedoch, das meine

Steht tausend Jahre,

Ich kitte Steine,

Ihr spaltet Haare.

Ihr meßt mich mit den Kleinen,

Da besteh' ich.

Ich meß mich mit den Großen,

Da vergeh' ich.

Aus der Tiefe aufgeschwungen,

Doch die Höhe nicht errungen,

Soviel seh' ich.

 

Soll die jüngste Literatur man lesen?

Trinken jungen Wein, eh er verjesen?

Wartet, bis es zehnmal sich gejährt hat,

Was dann übrig bleibt und sich geklärt hat.

 

Seit auf dem Sarg ich des redlichen Schusters

Den Lorbeer gesehen,

Flüstert jeglicher Lorbeerkranz,

Den sie mir spenden:

Freund, du hast — Stiefel geschrieben!

 

Vor deiner Nasen

Soll ich Nesseln grasen;

Hinter deinem Rücken

Will ich Trauben pflücken,

Solltest um dich wenden,

Will ich' s rasch vollenden:

Und vor deiner Nasen

Wieder Nesseln grasen.

Schwarz-rot-gold immerdar!

Schwarz ist ihr Augenpaar,

Rot ist ihr süßer Mund,

Gold ist ihr Haar!

 

Ich bat das schöne Weib um einen Kuß,

Es hat versagt.

Ich zielt' nach meiner armen Brust den Schuß,

Er hat versagt.

Ich dachte, was das erstemal nicht wird,

Ist bloß vertagt.

Und war, als daß ich's noch einmal probiert,

Viel zu verzagt.

 

Das Weib ist eine Nuß,

Die man aufbeißen muß,

Dem Mann Gott genad,

Der keine Zähne mehr hat!

 

Das Schwert will nicht geschossen,

Es will geschliffen sein.

Das Lied will nicht verschlossen,

Es will gepfiffen sein.

Der Pfeil will nicht geschliffen,

Vielmehr geschossen sein.

Die Welt will nicht begriffen,

Sie will genossen sein.

Zu Straßburg trinkt man Schlechtesten und Besten, Zu Danzig bin ich nüchtern nie geworden.

Getrunken wird im Osten und im Westen,

Gesoffen wird im Süden und im Norden.

Der Deutsche schwingt sich nicht mehr in die Sphäre Der hohen Musen Thalia, Urania;

Ein goldner Becher kreist vom Fels zum Meere, Und im Becher badet Frau Germania.

 

Wohlan, wer einstens dräute

Und nur den Waffen traute,

Sich selbst als Mensch nicht scheute,

Mit Trotz auf jeden schaute,

Und seiner Ehre Beute

Auf Säbelschneiden baute.

Doch Gassenbub', wer heute

Aus Vorwitz um sich haute.

— Ich schlage nicht die Leute,

Ich schlage nur die Laute.

 

*

Heute pocht sein Herze metrisch,

Heute klingelt seine Zungen,

Heute tanzen alle Musen

Um den ruhmesdurstigen Jungen.

Heute steigt er zum Parnasse,

Heute, glaubt er, glückt es sicher.

Sieh, da drehn sie ihm die Nase

Und entfliehen mit Gekicher.

Manches Genie

Ist vernünftig nie,

Immer Genie.

In Geistesbeschwerden

Ruft's ach und weh aus,

Fühlt sich fremd auf Erden

Und daheim — im Kaffeehaus.

 

In einem Eisenbahngelaß

Ein altes, stilles Männlein saß.

Und neben ihm zwei schwarze Herren,

Die wollten fleißig ihn bekehren,

Mit feinem Witz, mit leisem Hohn,

Und dann mit dringlichem Sermon;

Gestanden es auch endlich ein,

Daß sie — schon um den Heiligenschein —

Von der Gesellschaft Jesu sei'n.

»Von der Gesellschaft Jesu,« fragt

Der Alte, dem das nicht behagt,

»Doch von der ersten, ihr Geschätzten,

Oder etwa von der letzten?«

»Wieso?« darauf die klugen Herrn.

Der Alte, der erklärt sich gern:

»Nun, Ochs und Esel oder Schächern,

Den welchen mögt nach Art und Fächern

Ihr gern euch füglich zugesellen?«

— Und was geschah? Sich zu empfehlen

Beeilten sich die beiden schnelle,

Schon bei der nächsten Haltestelle.

Kecklich mit dem Schelm zu spaßen

Sollten Schelme bleiben lassen.

*

Siehe, Siziliens südliche Sonne

Scheint schön!

So strahlt sie, Schnee schmelzend, seit Sommern. Sentimentale Seelen sind selig,

Sehen sie solcher Sonne schweren Schaden?

Segenslos sengt sie sämtliche Saaten,

Schadet schmächtigen Setzlingen sehr,

Selbst starken, strotzenden Stämmen.

Schmachtende Sänger — sonst singend —

Siechen, sinken, schreien sterbend:

Schreckliche Sonne!

»Wieder ist ein Jahr verflossen

In das Meer der Ewigkeit!«

Also dichten Dichterlinge

Jedes Jahr zur selben Zeit.

Doch dem Geist im Setzerkasten

Ward das Späßchen endlich fade,

Heimlich tat er in der Lade

Nach den falschen Staben tasten.

»Wieder ist ein Meer verflossen

In das Jahr der Ewigkeit.« —

Ob des niederträchtigen Wichts

Hat der Dichter sich erschossen,

Doch die Leser — merkten nichts.

 

Wie die Welt verschieden richtet,

Habt ihr's schon einmal erwogen?

Lügen wir, so heißt's gedichtet,

Dichtet ihr, so heißt's gelogen.