Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 114 von 139

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Mein Lied

An den Lehrer.

Wir fuhren auf in mitternächtigem Schrecken,

An mondbestrahltem Fenster stand der Mai

Und lächelte herein: Ich war so frei,

Ein wenig eure Herzen aufzuwecken,

Daß hören sie, was schallt in allen Lüften,

Daß sehen sie, was ich mit Blumen schrieb:

Wie kurz die Lebenszeit! O habt euch lieb,

Die Toten pochen laut in ihren Grüften.

 

An den Lehrer.

(Zum Lehrertag in Graz 1888.)

Als Sparta einst ein großes Fest beging,

Da kam ein Bote aus Athen gezogen,

Man hieß ihn treten in der Krieger Ring

Und fragte grüßend ihn mit Pfeil und Bogen:

»Was ist dein Zeichen, Freund, wir wollen's sehn!« »Gesittung, Friede!« sprach der von Athen.

Und so wie damals der Athener trat,

Der edle Geist, ins Land der rohen Sitten,

So bist auch du, mein Freund, nun in den Rat

Der rauhen, kampfeslustigen Zeit geschritten.

Es kocht der Haß der Völker und Partein

Und lädt zum blutigen Mahl der Rache ein.

Doch du erziehst mit Mut ein neu Geschlecht,

Und daß aus Wissen sein Gewissen tage,

Zu messen mit Gewissen, Pflicht und Recht,

Gibst du ihm in die Hand die heilige Wage.

Gesittung, Friede seh' ich neu erstehn.

O sei willkommen, Bürger von Athen!

 

Ahasver an seinen verklärten Dichter.

(Zum Tode Robert Hammerlings 1889.)

Bist es du, der mich entsühnet als den Brudermörder Kain, Welcher, weil des Todes Vater, nimmer dessen Kind kann sein? Weh, das war ein banges Wandern durch die wilde, finstre Zeit, Wähnend, hastend, niemals rastend, um den Ring der Ewigkeit.

Seit jedoch der göttergleichen Schönheit leuchtend Gloriol Aufgestellt zum Straßenzeiger, wo ich rasten darf und soll, Seitdem will ich leben, leben, maienfroh zur Lust erwacht. Liebe hat die Welt erlöset, Schönheit selig sie gemacht. Du, mein Wanderbruder, standest einsam auf des Lebens Firn, Als der Schönheit Hochpropheten einer, mit der Jovisstirn; Nun sind beide wir unsterblich, wandern durch das bunte Nichts, Ich im Schattenreich der Erde, du im Äther ew'gen Lichts.