Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 102 von 139

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Mein Lied

Ruhendes Sein.

Gesehn den reinen Sonnenstern

An einem süßen Maientag.

Doch jenes Kreuz, das ewig klagt

Die Menschheit ihres Frevels an,

Mir pflanzt es nicht, weil ich am Pfahl,

An dem er litt, nicht rasten kann!

Mir pflanzet einen jungen Baum,

Der frisch und frei gen Himmel steigt,

Und der, wenn einst die Menschheit reif,

Zu ihr sein Haupt in Freude neigt.

Vielleicht kommt noch ein Zimmermann,

Der ihn zu einer Wiege schlägt,

Vielleicht kommt eine Mutter, die

Ihr Kindlein in die Wiege legt.

Ihr Kind, das als des Menschen Sohn

Die Welt erlöst ein zweites Mal,

Und nicht dafür in Haß und Hohn

Erhöhet wird zum Marterpfahl.

Denn nicht, daß mein Erlöser starb,

Ist meines dunkeln Grabes Licht,

Doch daß er lebt und ewig lebt,

Ist meiner Seele Zuversicht.

 

Ruhendes Sein.

Die Lust wie das Leiden,

Sie quälen die Seele;

Sie sind wie die Unrast

Auf stürmischer Welle;

Sie sind eine Botschaft

Vom nahen Vergehen.

Ein Eilen zum Ende

Ist alles Geschehen.

Nach Rast strebt der Pendel

Und jegliche Regung.

Und Sehnsucht nach Ruhe Ist alle Bewegung.