Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 82 von 139

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Mein Lied

Gott und Volk gehört zusammen.

Eurer Flüche Blitzesstrahlen

Schlendre ich zurück auf euch,

Foder' Rechenschaft von allen,

Die gefährden Gottes Reich.

Pfaffen, die sich drängen zwischen

Gott und Menschheit, sie zu trennen,

Die hier fälschen und dort fischen,

Ihnen will ich Wahrheit nennen:

Gott und Volk gehört zusammen,

Heut und alle Tage, Amen.

Und auch jene Pharisäer,

Die mit ihrem flachen Wissen

Spielen sich auf große Seher

Und den Himmel wollen schließen,

Die dem Volke frech vernichten

Seinen Gott und seine Seele —

Weltgeschichte wird sie richten

Und es zeigen grausig helle:

Gott und Volk gehört zusammen,

Heut und alle Tage, Amen.

 

An die Naturalisten.

Geister dieser Zeit, wer soll verstehen

Euch nach menschlicher Vernunft Gesetzen?

Pessimistisch haßt ihr dieses Leben,

Will jedoch die Kunst ein schönres schaffen,

Hei, wie ihr sie geifernd gleich verlästert!

Das, was aus dem Leben ihr verwünscht,

Möchtet in der Kunst ihr wiederfinden,

Nur nichts Froheres, um Gotteswillen,

Nichts, was unsre Seele könnt erfreuen,

Denn die reine Freude soll verpönt sein;

Nichts, was Lieb' und Hoffnung könnte wecken Zu der Menschheit. Und erst Ideale!

Ideale hat nur der Philister.

Sonst ist Kunst auf lichten Höhn geschritten,

Heiter reigend um die ernstre Schwester

Religion. Sonst hat sie in Erz und Marmor

Mit des Lieds erhabnen Weiheklängen

Unsere Helden zur Unsterblichkeit geleitet,

Unseren ungezognen Leidenschaften

Maßvoll edlere Gestalt gegeben,

Und im Spiel ein Gottesreich gestiftet,

Munter Schnippchen schlagend der Materie.

Und dies lichte Reich wollt ihr vernichten?

Just den göttlichsten der Sinne ihr verlöschen?

Phantasie! Wozu denn ward sie euch?

Wollt ihr schon verstümmeln euer Wesen:

Raubt das Aug', das Ohr, die Sprache euch,

Nicht jedoch die Kraft, die aus dem Staub uns hebt. Frei nach allen Keimen soll entwickeln

Sich der kleine Mensch. Schildert, Realisten,

Genial den Kot, die feuchte Fäulnis,

Wühlt und schwelgt darin, Naturalisten,

Nach Belieben; auch nach dieser Seite

Muß ausleben sich die Menschheit.

Düngt den Baum, auf daß er wachse, grüne.

Warum ihn verspotten, wenn er blüht?

Menschenbaum braucht Erdreich nicht allein,

Auch Sonnenschein. Und ohne üppig Blühen

Keine Frucht. Die Jugend sei gepriesen

Mit ihrem heitern, hoffnungsfrischen Herzen! — Gern sei euch der Würmer Reich gelassen,

Achtet, wie sie kriechen, bohren, pissen,

Schildert, bitten wir, nur recht dramatisch

Und genau, man will ja alles wissen.

Uns doch sei gegönnt, als Schmetterlinge

Hoch die sonnigen Blüten zu umgaukeln,

Dieses Sein mit Phantasie zu schmücken,

Und mit freier Seel' die Totengräber, Die aus Knochen Kunstgebilde machen,

Manchesmal ein wenig auszulachen.