Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 118 von 139

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Mein Lied

Sonnengruß.

Den Deutschen in Amerika.

1904.

Aus deutschem Morgenlande

Der Sonnenball

Flicht täglich Bruderbande,

Und grüßt euch all!

Was uns die dunkle Welle

Des Westens nahm,

Das euch in Lichteshelle

Von Osten kam.

Des Ostens heiliges Feuer,

Des Westens Mut

Führt euch mit Kraft das Steuer

Durch hohe Flut.

Die Sonne ist's, die gleiche,

Die uns bescheint;

Die Liebe ist's, die reiche,

Die uns vereint.

Die Sterne fliegen munter

Von uns zu euch;

Die Sonne geht nicht unter

Im Deutschen Reich.

 

Es zieht ein Segen von Haus zu Haus.

Zum Schillertag 1905.

Es zieht ein Segen von Haus zu Haus;

Es klingt in den Lüften und klingt nie aus,

Es rauscht in den tiefen Gewässern.

Es ruht in der Erde und keimt empor, Es blüht aus den holden Maien hervor

Und glüht in den Herzen der Bessern.

Es leuchtet und tost ein gewaltiger Strom

Dahin durch des Himmels ewigen Dom,

Daß der Erde Urgrund erbebet.

Es tönet ein zarter, süßer Gesang

Wie Saitenzittern, wie Nachtigallklang,

Der alles weckt und belebet.

Wir fühlen im Herzen der Liebe Hauch,

Das Sehnen nach Großem, die Hoffnung auch

Zu schauen einst glückliche Zonen.

Ein heiliger, glühender Geist durchzieht

Wie Sonnenleuchten das dunkle Gemüt,

Die höchste der Religionen. —

Sein Sterben doch mach' uns nicht zag,

Hie Todestag — hie Ostertag,

Der Geist wird freigegeben.

Wenn große Menschen schlafen gehn,

So ist es ein neues Auferstehn

Zu wahrem, wirkendem Leben.

Und wie die Glocke auf dem Turm

Durch dieses Lebens Fried' und Sturm

In Freud' und Leid uns läutet,

So Friedrich Schillers hehrer Sang

Dem Menschensohn auf lebelang

Viel Trost und Heil bedeutet.

Sein Lied ist es, sein Dichterwort —

Schon tönt's ins zweite Jahrhundert fort

Und hallet im dritten wieder.

Der Hirt in der Alpen Himmelsnäh',

Der Schiffer auf ferner, wildwogender See

Empfindet und singt seine Lieder.

Sein Lied ist es, der schmetternde Ruf, Der Sklaven den Drang zur Freiheit schuf