Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 56 von 139

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Mein Lied

Wilder Waldespsalm.

Und wenn man jauchzend einst den vollen Becher reicht, Kann der Verschmachtete schon längst tief unten sein. Der späte Tropfen, der sein einsam Grab benetzt, Wird, traun, vom Schläfer nimmermehr empfunden sein.

 

Wilder Waldespsalm.

Ihr Häupter in goldiger Morgenglut,

O blicket aus Himmelshöh' nieder

Zum Sänger, der sinnend im Moose ruht,

Euch feiernd durch harmlose Lieder.

Wie lodert dort oben der Gletscherschein,

Wie flüstert im Schatten die Quelle:

O schenkt mir von eurer Herrlichkeit ein,

Bis trunken die sehnende Seele.

Als einst ich verloren die ganze Welt,

Den Glauben, die Hoffnung, die Liebe,

Und als mir die glitzernden Freuden vergällt

Im wüsten Weltgetriebe;

Und als ich mein junges Leben verpraßt,

Weil es ohne Reiz mir und Wert war,

Und als ich den Mann auf der Straße gehaßt,

Weil er wie ich auf der Erd' war.

Da zog ich hinaus wie ein dachloser Hund,

Mich selbst und das Dasein verfluchend,

Da schritt ich verloren, im Waldesgrund

Einen luftigen Baumast mir suchend.

Doch siehe, da war kein Ast mir recht,

Der war mir zu hoch, der zu nieder,

Ein dritter zu gut, ein vierter zu schlecht,

Ein fünfter mir anders zuwider.

Und ein jeder tat so geheimnisvoll

Und flüsterte leis mit dem Nachbar;

Sie machten sich über mich lustig wohl, Daß ich so elend und schwach war? —