Mein Lied
Zu Gastein am Wasserfall.
Fröhlich und siegreich zur Höhe hinan.
Rufe den Menschen, Prophetenwort, rufe
Ihn aus der Tierheit von Stufe zu Stufe,
Bis er erwacht vor des Heiligsten Thron,
Schauend die Wahrheit im Kranze der Sonnen,
Trinkend die Liebe aus feurigen Bronnen —
Ewig des Ewigen seliger Sohn.
Zu Gastein am Wasserfall.
Wie du, o Mensch, mußt fallen
Zu Schuld und Gram und Grab,
So fallen wirbelnd und weinend
Die heiligen Wasser hinab. —
Doch sieh, aus dunkelm Abgrund
Steigen in stiller Ruh'
Die lichten Nebel kreisend
Dem Himmel zu —
Den Weg dir weisend.
Es war einmal ein Bettelmann.
Es war einmal ein Bettelmann,
Der hatt' einen goldenen Ring,
Sein einzig Eigen war dies Ding
Noch von der Mutter her.
Das Eigentum ward ihm zu schwer.
Er wankte fort zur Morgenstund',
Zu schleudern in den tiefen Grund
Sein Kleinod, daß in Glück und Mai
Die Gottheit ihm nicht neidisch sei.
Ein Weiser siehet voll Erbarmen
Den alten Mann, den siechen, armen,
Und fragt: »Du guter Bruder mein, Um was soll sie dir neidisch sein,
Die Gottheit? Sprich!«
»Um was? Um was denn sonst?
Um mich.
Sonst hab' ich nichts, weil ich nichts brauch';
Was Glut ihr nennt, das ist bloß Rauch.
Was Gut ihr nennt, erstickt die Lust;
Doch unermeßlich ist der Reichtum
Meiner Brust.«
Der Weise blickt den Bettelmann
Mit gut gespieltem Mitleid an.
Der andre merkt's und lächelt so,
Als wär' er seiner Armut froh:
»Ich dauere euch, ihr dauert mich!
Ihr sagt auch, ich sei lahm und siech.
Ich weiß es nicht. Mein froher Sinn
Fliegt selig durch die Himmel hin.«
Der Weise spricht: »Dein Reichtum groß
Kam nicht dir aus der Erde Schoß.
Und was die Götter dir geschenkt,
Das nehmen sie nicht mehr zurück,
Und neidlos bleibt zu eigen dir
Dein erdenfreies Glück. —
Nur wer, der rohen Triebe Knecht,
Aus irdischer Hand sein Heil empfing,
Der opfere bang und demutsvoll
Den Göttern seinen Ring.«