Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 49 von 139

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Mein Lied

Gedenken.

O Wonne des Herzens, glückselige Stund'!

Wie lang, wie lang — wie lang!

Sie fällten den Baum, und sie bauten den Sarg,

Im Mai, im holden Mai.

Sie schlossen den Schrein, der mein Himmelreich barg. Vorbei, vorbei, vorbei!

 

Gedenken.

Aller Sonnenschein auf Erden

Ist ein traurig Ding,

Wenn nicht schwebt der Einzigen Schatten

Auf dem Wiesenring.

Könnt' ich einmal noch vernehmen

Ihrer Stimme Klang,

Wollt' ich gerne stumm und taub sein

Auf mein Leben lang.

Alle Rosendüfte, welche

Da den Mai durchziehn,

Gäbe ich für einen Hauch

Ihres Mundes hin.

Alles, was ich noch genieße,

Was ich bin und hab',

Ist nicht wert des blassen Staubs

Auf ihrem Grab.

 

O Herrgott, wieviel an Liebe!

Es sinken vom Baum die Blätter,

Der Sommer ist vorbei.

Mein Mund ist noch rot und will küssen

Wie einst im Mai.

Es fallen vom Haupt die Locken,

Mich schrecket der Eule Schrei,

Ich flüchte bange zum Mädel,

Wie einst im Mai.

O Herrgott, wieviel an Liebe,

Und ach, wie wenig Zeit!

Die Lieb' ist nicht auszuschöpfen

In Ewigkeit.