Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 38 von 139

PDF-Seiten

Mein Lied

Schon dreißig Jahre bin ich alt!

Wer's einmal tut genießen auch,

Der kann es nicht mehr missen auch,

Selbst wenn er am gewissen Brauch

Zuletzt zugrunde ginge.

[B] Arsenik.

 

Schon dreißig Jahre bin ich alt!

Schon dreißig Jahre bin ich alt,

Und noch allein geblieben.

Und seh' die Knaben mannigfalt

Wohl ihre Schätzlein lieben.

Ich seh', wie sie sich froh einand

Die Hochzeitskränze winden;

Ich wandre durch das weite Land

Und kann meinen Schatz nicht finden.

Ich such' ihn, wo bei Herdesglanz

Die holden Mädlein blühen,

Ich such' ihn, wo bei Kirmestanz

Die Dirnen alle glühen.

Ich seh' die Jahre rascher ziehn

Und fühl' die Jugend schwinden,

Und suche ihn und rufe ihn,

Und kann meinen Schatz nicht finden.

Und sie, die mir bestimmt muß sein

Für meine Lebensfahrten,

Wird irgendwo allein, allein

Mit Bangen auf mich warten.

Der Alte hier, die Alte dort

Wird einsam einst begraben,

Zwei, die sich treu und heiß geliebt

Und nie gesehen haben.