Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 87 von 139

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Mein Lied

Der Übermensch.

Schuft, der seinen Eidschwur bricht

Und verachtet Gott auf Erden!

Was! ich hätt' nicht Religion?

Gott ist auf die Welt gekommen,

Glaub' ich fromm, und hat im Gold

Irdisch Wesen angenommen.

Was! ich hielt' auf Ehre nicht?

Darum brauch' ich Geld in Haufen,

Daß ich, wo die Waare feil,

Auf dem Markt kann Ehre kaufen.

Also ist es lustig leben!

Meine Schäden zu verhüllen

Eilt der eine, und der andre

Meine Wünsche zu erfüllen.

Hei, wie ist's doch schön auf Erden!

Wo man alles kann erwerben. —

Einer nur läßt lang sich suchen,

Einer, der für mich will sterben.

 

Der Übermensch.

Da sitzt ein armer Sünder

Auf einer harten Bank,

Wie Rosen blühn die Wangen

Des Jünglings, stark und schlank.

Ein freies Leben führte

Der junge Nimmersatt,

Er tat zwar nichts aus Liebe,

Doch liebte er die Tat.

Er hat geraubt, gemordet,

Sonst Unheil viel getan,

Ein Berg von Missetaten Begräbt den jungen Mann.

Ein Meer von heißen Tränen

Ist über ihn geflossen,

Und wo sein Fuß gewandelt,

Kann keine Blume sprossen.

Nun steht er vor den Richtern

In aller Ruhe da.

Man fragt: »Hast du's begangen?«

Er sagt gelassen: »Ja.«

Er weint nicht und er lacht nicht.

Und einer, der noch glaubt,

Fragt: Ob er nicht bereue?

Er schüttelt kühl das Haupt.

Man führt herein die Mutter,

Der er den Sohn erschlagen,

Sie stummt und starrt ins Leere,

Kann nimmer weinen, klagen.

Man führt herbei die Schwestern,

Die nach dem Bruder schrein;

Man trägt den zarten Säugling,

Den mutterlosen, herein.

Der Jüngling, kalten Auges

Blickt er die Opfer an,

Als fragte er: Was weiter?

Ihr seht, ich hab's getan.

Nur einmal strahlt sein Auge,

Das kalte Auge, licht,

Als die Gerichtsverhandlung

Der Abend unterbricht.

Wohlan, jetzt kommt das Süpplein

Und dann der gute Schlummer,

Er schläft die sieben Stunden, Ohn allen Gram und Kummer.

Die Qualen unsrer Seele,

Dir sind sie nicht bewußt,

Beneidenswertes Untier

Mit deiner hohlen Brust.

Der Erde heiße Herzglut,

Sie kann dich nicht erreichen,

Des Lebens wilde Schmerzflut

Dich nimmermehr erweichen.

Das wilde G'jaid der Not,

Das um den Erdball hetzet,

An dem sich jedes Herz

Langsam zum Tod verletzet,

Du bist davor gefeit.

Das Stöhnen in der Brust

Des Nächsten ist dir, traun,

Ergötzlichkeit und Lust.

Dich bindet keine Sitte

Und keine Menschlichkeit.

Immun bist gegen Liebe,

Immun auch gegen Leid.

Dein Sittensprüchlein lautet:

's gibt weder Gut noch Schlecht.

Wer siegt, das ist der Herrscher,

Wer stark ist, der hat recht. —

Des andern Tags die Richter

Erörtern das Gesetz;

Dich langweilt »dieses öde

Und müßige Geschwätz«.

Von Gut und Böse jenseits

Bist du durch nichts beenget,

Kein Mitleid, kein Gewissen Je dein Gemüt bedränget.

Die Macht war deine Gottheit. —

Nun hat sie sich gewandt,

Der Stärkre hat den Schwächern

Vor das Gericht gebannt.

Wirst du es auch nicht spüren,

Du eisenharter Mann,

Wenn sie an dir vollführen,

Was andern du getan?

Vielleicht kommt doch zum Vorschein

Bei dir ein bißchen Herz,

Wenn du dich hebst das erstemal

Im Leben — himmelwärts.

Im Saale auf die Richter

Das Volk mit Bangen harrt.

Der Knab' schaut in die Runde

Und streicht den jungen Bart.

Es will ihn fast befremden,

Daß jetzt die Frauen weinen

Und bangen, als die Richter

Zum Urteilsspruch erscheinen.

Nun wird es dumpf und schwül

Als wie in einem Grab.

Der Richter hebt sich hoch —

Tritt vor — und bricht den Stab.

»Zum Tod!« haucht es, »zum Tode!«

Dann alles stumpf und stumm. —

Der Mörder blickt mit Staunen:

»Zum Tode? — Wen? — Warum?

Zum Tode mich?!« er ruft's,

»Zum Tode durch das Strängen?

Der einzige starke Mensch — Und wollen ihn jetzt hängen!«