Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 60 von 139

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Mein Lied

Welch ein Los!

Fanden sich in mir und ihm.

Als ich redete für einen,

Standen alle rings herum,

Red' ich allen, hab' ich keinen

Menschen — lauter Publikum.

 

Welch ein Los!

Welch ein Los! Im bunten Lebensgarten

Fröhlicher Genossen bin ich einsam.

Hab' mit ihnen Ziel, Geschick und Leiden,

Sprach' und Lied und Vaterland gemeinsam.

Streuen scherzend Rosen unsren Pfaden,

Lieben uns einander — und bin einsam.

Einsam, wenn das Blau der Fern' uns trennet

Mitten unter ihnen bin ich einsam.

Einsam, wie der Schiffbrüchig' im Meere,

Einsam, wie der Aar im Himmelskreise,

Einsam, wie der Mann, den sie begruben

Unter Nordlichtschein im öden Eise.

Brücken schuf Natur von Aug' zu Auge,

Hängend auf des Lichtes goldnen Stäben;

Schiffe auf dem Wellenmeer des Klanges

Zwischen Mund und Ohren heiter schweben.

Und des Blutes ehern ewige Bande

Flechten aneinander unsre Sinne;

Aber von der S e e l e n freier Zinne, Auseinander fern sich ungemessen,

Hat Natur zu baun den Weg vergessen.

Nicht so einsam ist das Alpenröslein

An des starren Eises kalter Schwelle;

Nicht so einsam ist der Stern am Himmel,

Als in ihrem Leib die sehnende Seele.

Einsam, wenn dem Schönen sie und Reinen,

Mai im Herzen, grüne Kränze webet;

Einsam, wenn sie selige Pfade suchet

Nach dem Gottesreich, und ihnen lebet. —

Als in Tiefen mit Genossen kriechen

Ist es besser, hoch zu schweben einsam.

Größer, göttlicher gewiß — doch glücklich?

G l ü c k l i c h ist der Erdsohn nur gemeinsam.