Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 65 von 139

PDF-Seiten

Mein Lied

Erwartung.

Der Winter, der starre,

Er liegt auf der Sterbe,

O lächelnder Erbe.

Wie üppig du erbst!

Den blühenden Frühling,

Den leuchtenden Sommer,

Den Kastenfüller,

Den goldenen Herbst.

 

Erwartung.

Nun wandle übers Morgensonnenfeld.

In Ehrfurcht tritt zurück von deinem Weg

Die Alltagswelt.

Auf allen Auen heilige Ruh,

Über deinem Haupte hoch

Ein Falter fliegt im Kreise,

Die Perlen auf den Halmen zittern leise,

Und Blumen neigen ihren Kelch dir zu. —

O bebe, junge Brust,

O bete, banges Herz, in ahnungsvoller Lust,

Und laß dich weihen, laß dich segnen.

— Heute wird dein Schicksal dir begegnen.

 

Gedenken.

Auf Bergeshöh' im Sonnenschein,

Wo Alpenrosen, rot und rein,

An Lust und Liebe mahnen;

Auf Bergeshöh' im Sonnenschein

Bin ich mit meinem Leid allein

Bei Rosen und Gentianen.

Die Erde, die mir das Liebste nahm,

Sie schaut mich, ach, so kindlich an Mit ihren Blumenaugen: