Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 40 von 139

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Mein Lied

Was in deiner Seele spinnt ...?

Rosenblatt, flieg hin und frage.

Soll ich warten auf die Tage,

Wo zur Form wird, was heut Kuß ist,

Und zur Pflicht, was heut Genuß ist?

Rosenblatt, flieg hin und frage.

Denk an deine Maientage,

Rosenblatt, du kennst das Leben;

Kennst der Liebe Pein und Beben.

Nun, so flieg zu ihr und frage.

 

Was in deiner Seele spinnt ...?

Wie nah, mein schönes, süßes Kind,

Ist mir dein holdes Angesicht,

Ich trinke deinen Atemhauch

Und deines Auges lächelnd Licht;

Doch was in deiner Stirne sinnt,

Und was in deiner Seele spinnt,

Ich weiß es nicht.

Ich weiß den von Jahrtausenden

Emporgebauten Erdengrund,

Ich kenne das mit Sternenwelten

Reich geschmückte Himmelsrund;

Doch was in deiner Stirne sinnt,

Und was in deiner Seele spinnt,

Ist mir nicht kund.

Entzückt von deiner Zunge Klang,

Und doch in tiefster Einsamkeit,

Mein Lippenpaar an deins gepreßt:

Und dennoch mir unendlich weit

Ist, was in deiner Stirne sinnt,

Und was in deiner Seele spinnt

Für alle Zeit.