Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 8 von 139

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Mein Lied

Einst wirst du die Träne fliehen.

Wie wurde jetzt der Himmel trüb und grau.

Es blies ein kalter Wind auf Heid' und Au,

Er heulte durch den Wald voll herber Hast

Und rüttelte die letzte Frucht vom Ast.

Wie bald war jeder Baum, der einst geprahlt,

Der Frucht und Blätter bar — gar kahl und alt,

Es fielen Flocken, und es krächzten Raben,

Und sieh, der stolze Wald war wie begraben.

Nur jenes Bäumchen steht noch frisch und frei

Und grünt und flüstert sanft, wie einst im Mai. — Und als die heilige Nacht gekommen war,

Da schwebte durch den Wald die Engelsschar

Zum Bäumchen zart und trug es durch die Nacht In festlich aufgegangener Strahlenpracht.

— Wie Flammen sich zu Sternenkränzen reihn!

Und Früchte, die im Himmel nur gedeihn,

Die reifen auf dem Baum, und Gottes Herz

Sank liebevoll erlösend erdenwärts. —

So trägt der Baum, dereinst verschmäht, verflucht Wie unser Heiland selbst, die schönste Frucht.

Und wo er kommt, da kommt er nicht allein,

Da bringt er Gaben mit für groß und klein,

Er führt den Jubel ein ins stille Haus

Und streckt die hundert vollen Arme aus,

Und bei dem Kindsgemüt im trauten Raum,

Da ist er recht daheim, der Weihnachtsbaum. — — O, hört ihr säuseln es in seinen Zweigen,

O, hört ihr klingen sie, die Himmelslieder?

O, seht die Engelsschar in lichten Reigen,

Sie steigt zum lieben Kindesherzen nieder.

Dann grünt und blüht sie auf, die Lieb', im reinen Allseligen, alleinzigen Erdentraum.

O sei mir hoch gegrüßt, du Freund der Kleinen,

Du Himmelsbote, heiliger Weihnachtsbaum!

 

Einst wirst du die Träne fliehen.